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Krimi-Nordica

10. Dezember 2016 | 21:21 Uhr

Krimi Nordica 2015 : „Beim nächsten Mann wird alles anders“ – Anne Kersgaard

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Jetzt bist du ja schon wieder da“, sagte der Wärter nicht ohne Freundlichkeit, als er mich zu meiner Zelle führte. Und in der Tat war mir sein Etablissement von früheren, allesamt wenig freiwilligen Besuchen bekannt. Dabei wusste der gute Mann nicht einmal, was mich wirklich hierhergeführt hatte.

„Für dich ist es diesmal die Nummer 10. Nicht gerade das Hilton, aber du wirst dich daran gewöhnen.“

Er öffnete die Tür meines neuen Zuhauses und schob mich hinein.

„Um sechs gibt es Essen, dann noch mal Ausgang, und um zehn ist Sense – also Einschluss“, lachte er und ging.

Ich sah mich um. Der Raum war quadratisch und nicht gerade groß. Verglichen mit so mancher früheren Unterbringung war er aber geradezu geräumig. Ich machte es mir auf der einfachen Bettstatt bequem und betrachtete das winzige Fenster, durch das diffuses Licht drang. Das wievielte Mal war ich jetzt hier? Das fünfte? Oder doch schon das sechste? Dabei hatte sich mit Jörn alles so gut angelassen. Gleich, als er mich das erste Mal gesehen hatte, war es um ihn geschehen gewesen, das hatte ich sofort gemerkt. Ein seelenvoller Blick aus meinen kaffeebraunen Augen, unter langen Wimpern hervor, und jede Abwehr war dahin. Das hatte schon früher funktioniert. Das funktionierte immer. Jedes Mal.

Und dann hatte er mich mitgenommen, nach Eckernförde, an die Bucht. Zu seiner Villa. Zu den langen Abenden am Strand. Oder vor dem Kamin, im Winter. Ich hatte ihn geliebt. Auf meine Weise hatte ich ihn geliebt. Und anfangs hatte ich ja auch gar nicht wissen können, wo es uns hinführen würde.

Dabei hätte ich gewarnt sein müssen. Immerhin war Jörn nicht der Erste. Der Erste, das war Kai. Ein Bild von einem Mann und ein ziemlicher Schrank. Zusammen waren wir ein unglaublich schönes Paar. Ich mit meiner heiteren Jugend und er vor Kraft strotzend. Aber dann kam Hedi. Und mit ihr der Anfang vom Ende. Zum Schluss hatte ich ganz einfach die Wahl: ein Leben mit Kai, aber als zweite Geige neben Hedi, oder ein Leben allein. Ich entschied mich für Letzteres. Und war frei für Karsten. Und Hauke. Und Helmut. Und Jörn natürlich.

Jörn.

In gewisser Weise war Jörn der Schlimmste von allen. Die anderen hatten mich noch irgendwie auf eine milde, beiläufig-herablassende Art respektiert. Für ihn jedoch war ich weniger als ein Anhängsel.

Ein Schmuckstück, natürlich. Und ein Lifestyle-Accessoire, das auch. Durchaus etwas, mit dem man auch mal angibt. Aber eben nicht mehr. Kein Partner. Kein gleichwertiges Gegenüber. Keine – Person.

Was ihn nicht hinderte, sich über mich lustig zu machen. Mich auszulachen, wenn ich bei einem Gewitter wieder einmal Angst hatte. Oder mich zu verspotten wegen meiner „typisch weiblichen Intuition“, die er grundsätzlich und in eigentlich allen Lebenslagen für unangebracht hielt.

Eine schöne Ironie ist es da in meinen Augen, dass eben diese Intuition es mir ermöglicht hat, mich von Jörn zu trennen. Den Absprung zu schaffen, wie man so sagt. Und ihm, ja, gewissermaßen auf die Sprünge zu helfen.

Dabei war es eigentlich weniger Intuition als vielmehr Instinkt, was mich am vergangenen Donnerstag dazu brachte, hinter Bülk den Weg in Richtung Klippen einzuschlagen. Wie immer trottete Jörn brav hinter mir her. Der Strand, das war mein Reich. Tatsächlich boten unsere gemeinsamen Spaziergänge die einzigen Stunden, in denen ich so etwas wie Unbeschwertheit genießen konnte. Hier war ich in meinem Element. Und Jörn ließ mich gewähren.

Der ablandige Wind trug den Geruch der Kläranlage herüber, bis weit hinter das Siel war kein Mensch zu sehen. Das Meer war aufgewühlt, und die Wellen schwemmten reiche Beute an Land. Ich lief voraus, und immer wieder näherte ich mich der Wasserlinie, um zu sehen, was die Brandung brachte. In der Ferne zeichneten sich bereits die Steilhänge am Dänischen Wohld ab.

Es hatte die letzten Tage immer wieder geregnet, und ich wusste, dass der Lehm getränkt sein würde von Wasser, und in Bewegung. Der Zeitpunkt war perfekt.

Später, als die herbeigeeilten Rettungskräfte damit beschäftigt waren, Jörns Leichnam aus den zähen Massen des Erdrutsches zu bergen, wurde mir langsam klar, wie viel Glück ich wieder einmal gehabt hatte. Kein Spaziergänger hatte uns gesehen. Niemand war rechtzeitig zur Stelle gewesen. Nur genügend schwerer, nasser Lehm, um Jörns quäkende Stimme ein für alle Mal verstummen zu lassen.

Ein Sanitäter hatte mir eine Decke übergeworfen, da ich von der Gischt der Brandung nass geworden war und zitterte. Mein Haar, sonst seidig weich und gepflegt, hing mir strähnig über die Augen, und hätte es irgendeinen Sinn gehabt, so hätte ich sicherlich gewimmert. Aber ich wusste ja, was jetzt kommen würde. Was für einen jämmerlichen Anblick ich auch bieten mochte, er würde mich nicht davor bewahren. >>>
>>> Und nun sitze ich wieder hier: unter Einschluss. Abgeschoben. Weggegeben.

Aus.

Dabei weiß ich gar nicht, was ich immer falsch mache. Eigentlich denke ich, es ist nicht meine Schuld.
Denn am Anfang ist ja alles immer so schön. Am Anfang sind sie alle immer so glücklich, mich zu sehen, mich zu nehmen, mich zu haben.

Doch wenn dann der Alltag kommt, zeigen sie ein anderes Gesicht. Meine Schönheit ist ihnen plötzlich nicht mehr genug. Und mein Bewegungsdrang einfach zu stark. Und außerdem würden sie auch gern mal in Urlaub fahren. Und zwar allein.

Was soll man da machen? Ich denke, jeder würde an meiner Stelle das Gleiche tun.
Mit so trüben Gedanken schlafe ich ein.

Am nächsten Morgen fühle ich mich schon besser. Durch das kleine Fenster kann ich ein Stück blauen Himmel sehen: Es wird ein schöner Tag.

Nach dem Frühstück hat der Wärter dann noch eine Überraschung für mich. „Sieht so aus, als kämst du heute schon wieder raus“, sagt er.

Wenig später steht eine hübsche Dame vor meiner Zelle, neben sich einen kleinen Jungen mit wuscheligem Haar.

„Oh Mama, du bist toll“, ruft er, „ich habe mir schon immer einen Irish Setter gewünscht!“

Ach, denke ich, wer weiß. Vielleicht wird es mit einem kleinen Mann diesmal wirklich anders. Und ich gucke den Jungen aus kaffeebraunen Augen und unter langen Wimpern hervor seelenvoll an. Und wedele mit dem Schwanz.

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