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Kultur

10. Dezember 2016 | 23:32 Uhr

Premiere im Kieler Schauspielhaus : „Ich – Flüchtling“: Ein schmaler Grat

vom

Das Kieler Schauspielhaus bringt Menschen und Schicksale aus Syrien, Afghanistan und Jemen auf die Bühne.

Kiel | Sie kennen kein Lampenfieber. Das Gefühl ist ihnen fremd. Verglichen mit dem, was sie in den letzten Jahren erlebt haben, wäre es aber auch nur ein kleines Problem. Als Flüchtlinge sind sie knapp dem Tod entgangen. Ihre Erlebnisse haben sechs Flüchtlinge nun auf die Bühne gebracht. Am Schauspielhaus in Kiel feierte die Uraufführung von „Ich - Flüchtling“ als Gastspiel Premiere. Voller Leidenschaft. Regisseur Uwe Dag Berlin hat das Stück mit Dramaturgin Claudia Steinseifer und den Geflüchteten aus Syrien, Afghanistan und dem Jemen erarbeitet.

„Das Thema Flucht ist unserem Leben näher, als wir glauben“, meint der Regisseur. „Es prägt unser Jetzt durch Vergangenheit und Gegenwart.“ Dementsprechend beginnt das Stück auch mit einem Monolog über Flüchtlinge in Schleswig-Holstein. Nicht 2016, sondern 1945. Damals waren es wesentlich mehr als heute. Und auch wenn die Integration nicht leicht war, bildete sich daraus die heutige Bevölkerung des Bundeslandes.

Während er Gitarre spielt, erzählt Schauspieler Filip Grujic von den vergangenen Verhältnissen, um im hier und jetzt zu landen. Das Wort Solidarität betont er dabei energisch. Grujic ist der einzige ausgebildete Schauspieler auf der Bühne. Er stellt die sechs Flüchtlinge als gut gekleideter Moderator wie in einer Talk-Show vor. Die Geflüchteten erzählen von ihren Erlebnissen und szenische Rückblenden führen dem Publikum Schreckliches vor Augen.

Wie etwa Elina Mohamed aus Aleppo in Syrien, die von einem Verhör durch Behörden berichtet. Als sie erwähnt, dass sie Studentin sei, wird sie verspottet. „Was solltest Du denn bitte studieren?“ – „Arabische Philologie.“ Die junge Frau ist seit knapp zwei Jahren in Deutschland und spricht so gut Deutsch, dass sie von einem Studium in Kiel träumt, dann aber im Bereich Medien. Im Vorgespräch erwähnt sie, dass sie gerne hier bleiben würde, um sich eine neue Zukunft aufzubauen. Doch die Bürokratie macht es ihr nicht leicht.

Ohnmacht ist ein Gefühl, dass Flüchtlinge anders als Lampenfieber kennen. „Wir müssen uns Mittel einfallen lassen, damit wir nicht zum Spielball anderer werden“, sagt Dag Berlin. Darum inszeniert er das Theaterstück. „Ich - Flüchtling“ ist eines von vielen Projekten, mit denen deutsche Theater auf die Flüchtlingskrise reagieren. Gefühlt setzt jede Bühne ein Stück mit der Thematik auf den Spielplan. Der Umgang mit Flüchtlingen war schon vor 2500 Jahren ein Theaterthema. Damals schrieb der griechische Dichter Aischylos sein Drama „Die Schutzflehenden“, das Elfriede Jelinek als Grundlage für ihr bekanntes Werk „Die Schutzbefohlenen“ diente. Es handelt von fünfzig Töchtern des Danaos, die aus Ägypten fliehen, weil sie die Söhne des Aigyptos, ihre eigenen Vettern, heiraten sollen. Sie flehen König Pelasgos um Aufnahme an, der dadurch in einen politischen Konflikt gerät, so wie Staatsoberhäupter im Fall des aktuellen Syrien-Krieges.

Viele Theater bringen „echte“ Flüchtlinge wie nun in Kiel mit ihren Einzelschicksalen oder ganze Flüchtlingschöre auf die Bühne. Der Grat zwischen Vorführen und vorgeführt werden ist dabei schmal. In Kiel bleiben die Flüchtlinge auf der guten Seite. Wobei das jeder Zuschauer für sich selbst individuell bewerten mag.

Es kommt zu einem gefühlvollen Aufruf, sich weiter mit dem Thema zu beschäftigen. „Es ist eine kulturelle Auseinandersetzung durch die man einander näher kommt“, sagt der Regisseur. So lernt das Publikum auch Husein Darwich kennen. Der Sportlehrer stammt ebenfalls aus Aleppo. Nach einem Bombeneinschlag lag er im Koma. Als er wieder aufwachte, war seiner Familie verschwunden, sodass er sich auf die Suche machte. Seine Gefühle während einer Odyssee will er den Zuschauern „von ganzem Herzen“ zeigen. Anders als Elina Mohamed möchte er irgendwann einmal in seine Heimat zurückkehren. Mit seiner Familie, die er wiedergefunden hat.

Generalintendant Daniel Karasek sieht den Sinn von Stücken mit Flüchtlingen eher darin, den Asylbewerbern zu helfen, als dem Publikum etwas vorzusetzen. Partizipation ist das Stichwort, das nach der gelungenen Premiere fällt, während Karasek vor dem Eingang mit dem Schild „Refugees welcome!“ steht.

Das Stück wird in Kiel ein weiteres Mal am 15. Juni um 20.30 Uhr aufgeführt (Karten: 0431 901901) und soll anschließend als Wandertheater durch Schleswig-Holstein ziehen. Genaue Termine sind noch nicht bekannt.
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erstellt am 13.Jun.2016 | 16:30 Uhr

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