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Kultur

25. August 2016 | 20:25 Uhr

Filmfest Schleswig-Holstein : Flüchtlingsroute in Mexiko: Zwischen Hoffnung und Lebensgefahr

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Ein Hamburger Videojournalist traf in Mexiko Menschen, die auf der gefährlichsten Flüchtlingsroute der Welt unterwegs sind. Sein Dokumentarfilm eröffnet das Filmfest Schleswig-Holstein.

Schritte auf einer staubigen Straße. Hitze. Eine leere Wasserflasche in der Hand. Ein junger Mann geht zielstrebig, ohne wirklich zu wissen, wo er ist. „Migrieren ist ein Recht und kein Verbrechen“, sagt Alberto aus Honduras. „Ich wünschte der Weg wäre frei, und niemand würde mich aufhalten.“ Und dann sagt der junge Mann, worum es ihm geht: „Ich bin kein Verbrecher, ich bin eine Person auf der Suche nach einer Zukunft.“ In der Gegenwart kommt der Flüchtling nun erst einmal in eine Herberge für Migranten. Aber nicht in Griechenland, Mazedonien oder Deutschland, sondern in Mexiko.

Nicht nur in Europa fliehen Menschen aus ihrer Heimat. Die Flüchtlingskrise ist globales Problem.

In seinem neuen Dokumentarfilm „Via Crucis Migrante“, der beim Filmfest Schleswig-Holstein als Eröffnungsfilm läuft, zeigt Hauke Lorenz die Schicksale der Menschen auf der gefährlichsten Route der Welt. Der Hamburger Filmemacher hat Flüchtlinge aus Mittelamerika bei ihrer schwierigen Tour durch Mexiko in Richtung der USA in der Herberge getroffen und ihre Schicksale filmisch festgehalten, bevor sie ihren Weg fortsetzten.

In dieser Schutzzone sind die Flüchtlinge sicher vor der mexikanischen Migrationspolizei, die die Durchreisenden in ihre Herkunftsländer abzuschieben versucht. Hier finden sie für eine kurze Weile Ruhe, bekommen etwas zu essen und zu trinken und können ihre wunden Füße medizinisch behandeln lassen. Alberto verteilt Bananen, die ihm auf seinem Weg von einem Straßenhändler geschenkt wurden. Denn eine reicht ihm. Menschen, die nicht mehr haben, als die Kleidung, die sie tragen, teilen Lebensmittel. Er gibt die Hilfe, die er selbst gerne bekommen möchte. Er hat Hoffnung. „Wir tragen die Hoffnung, dass alles gut ausgeht.“

<p>Banane gefällig? Alberto aus Honduras teilt vor der Herberge sein Obst mit anderen Flüchtlingen. 	</p>

Banane gefällig? Alberto aus Honduras teilt vor der Herberge sein Obst mit anderen Flüchtlingen.

Foto: Screenshot „Via Crucis Migrante“

Und diese Hoffnung muss groß sein, denn die Gefahren auf dem Weg durch Mexiko sind enorm. Die Internationale Organisation für Migration (IOM) stuft diese Route als die gefährlichste und meistfrequentierte Migrationsstrecke der Welt ein. Jedes Jahr versuchen tausende Männer, Frauen und Kinder aus Zentralamerika in das „gelobte Land“, die USA, zu gelangen, wo sie sich ein besseres Leben versprechen. Auf dem mindestens 1700 Kilometer langen Fluchtweg durch Mexiko sind Überfälle, Entführungen und Gewalt an der Tagesordnung. Es wird vermutet, dass die US-amerikanische Außenpolitik Mexiko drängt, seine Südgrenze stärker zu militarisieren und zu kontrollieren.

<p>Um die lange Distanz von Süd- nach Nordmexiko zu überbrücken, fahren viele Migranten als blinde Passagiere auf Güterzügen mit. </p>

Um die lange Distanz von Süd- nach Nordmexiko zu überbrücken, fahren viele Migranten als blinde Passagiere auf Güterzügen mit.

Foto: Screenshot „Viacrucis Migrante“
 

Statt wie angekündigt Menschenrechte besser zu schützen macht die mexikanische Polizei regelrecht Jagd auf Migranten. Mindestens 1000 Menschen versuchen laut US-Behörden jeden Tag die gut 3000 Kilometer lange Grenze zwischen Mexiko und den USA ohne Papiere zu passieren. Dabei wurden 2014 eine Viertelmillion Migranten aufgegriffen und zurück in ihre Herkunftsländer geschickt. Offizielle Zahlen, wie viele Flüchtlinge die Reise mit dem Leben bezahlen, gibt es kaum. Allein die US-Behörden zählen jedes Jahr rund 400 Menschen, die in der Wüste tot aufgefunden werden. Männer, Jugendliche und inzwischen auch Frauen sind zudem über die Jahre von Gangsterbanden in Mexiko ermordet worden.

„Doch die Kontrollen stoppen die Migrationsbewegungen nicht, sondern zwingen die Menschen immer abgelegenere und gefährlichere Wege zu nutzen“, erklärt Hauke Lorenz. Vor diesem Hintergrund inszenieren Migrantenherbergen die gefährliche Reise am Karfreitag als Leidensweg Christi und nutzen ein christliches Ritual, um auf den katastrophalen Umgang mit Migranten aufmerksam zu machen und Menschen für das Thema zu sensibilisieren.

<p>Auf der Suche nach einem Versteck springt ein Flüchtender von Waggon zu Waggon.</p>

Auf der Suche nach einem Versteck springt ein Flüchtender von Waggon zu Waggon.

Foto: Screenshot „Via Crucis Migrante“
 

Für Alberto aus Honduras ist es das erste Mal, dass er sich auf den Weg in Richtung USA macht. In der Flüchtlingsunterkunft im Süden Mexikos lernt er weitere ausgewählte Protagonisten des Films kennen. Zum ersten Mal wird die Arbeit einer von der Kirche betriebenen Migrantenherberge dokumentiert. Hier kommen nicht nur junge Männer unter, die auf der Durchreise sind. Eine junge Frau, eine Familie und eine Transgenderperson fliehen vor dem organisierten Verbrechen. Aus Angst vor der Reise durch Mexiko beantragen sie Asyl in Mexiko.

Hauke Lorenz will wissen, warum sie sich auf den Weg gemacht haben. „Wir tun das für unsere Familie“, lautet immer wieder die Antwort. In der Heimat werden die Familien von gewalttätigen Banden bedroht. Die Gangs zwingen Menschen, bei Drogengeschäften mitzuarbeiten. „Wenn der Vater nicht mitmacht, werden alle umgebracht“, sagt Hauke Lorenz. Auch auf andere Weise verbreiten die Drogenkartelle Angst unter der Bevölkerung. So kommt es tausendfach zu Entführungen, durch die Geld erpresst wird.

Der einstündige Film (auf Spanisch mit deutschen Untertiteln) kommt ohne Kommentar aus. Die Protagonisten erzählen selbst. Der Filmemacher Hauke Lorenz gewinnt das Vertrauen der Flüchtlinge und erfährt, warum sie keine andere Chance sehen, als ihr Leben auf der Reise durch Mexiko zu riskieren. Lorenz (Jahrgang 1982) ist Digital- und Videojournalist, Ethnologe und Lateinamerikanist. Er absolvierte seine journalistische Ausbildung bei Hamburgs Ausbildungssender TIDE und an der Hamburg Media School. Der Film über die Migranten ist sein Dokumentarfilmdebüt.

Auch wenn Hauke Lorenz an gefährlichen Orten gedreht hat, sei er selbst anders als die Flüchtlinge nicht in Lebensgefahr gewesen. „Als deutscher Journalist ist man privilegiert“, sagt der Filmemacher, der immer Kontakt zur deutschen Botschaft hatte. „Wenn ich mich nicht in regelmäßigen Abständen bei der Botschaft gemeldet hätte, wären bestimmte Schritte eingeleitet worden, um nach mir zu suchen.“ Hauke Lorenz meint, dass Mexiko für Touristen größtenteils sicher sei. „Die Wege, die nicht sichtbar sind, sind gefährlich.“ Das sind die Wege, auf denen die Flüchtlinge unterwegs sein müssen, um nicht aufgehalten zu werden. „Hier kommt es zum organisierten Verbrechen.“

<p>Bei ihren langen Fußmärschen orientieren sich die Migranten oft an alten Schienen.</p>

Bei ihren langen Fußmärschen orientieren sich die Migranten oft an alten Schienen.

Foto: Screenshot „Viacrucis Migrante“
 

Hauke Lorenz macht diese Wege nun sichtbar. „Ich will auf das Problem aufmerksam machen und etwas für die Rechte der Menschen tun“, sagt der Hamburger, für den sich die Arbeit an dem Projekt jetzt schon gelohnt habe, denn in den USA dient sein Film bereits als Beweismittel in einem Asylverfahren. „Ich wünsche mir, dass der Film zum Nachdenken anregt.“ Demnächst wird er den Film auch in Mexiko zeigen, um die Menschen vor Ort aufzurütteln.

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erstellt am 12.Mär.2016 | 17:18 Uhr

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