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Schleswig-Holstein

01. September 2016 | 05:36 Uhr

Ostsee : Klimawandel in SH: Wenn der Strand verschwindet

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Was macht der Klimawandel mit der schleswig-holsteinischen Ostseeküste? Viele Gemeinden fürchten mehr Überflutungen.

Kiel | Meerumschlungen zu sein macht Schleswig-Holstein zwar hochattraktiv, birgt aber gleichzeitig ein hohes Risiko. Der Blanke Hans ist einer der gefürchtetsten Männer im Norden. Sturmfluten nagen seit jeher an Kliffs, Deichen und Stränden. Der Klimawandel tut nun sein Übriges: Durch die globale Erwärmung steigt der Meeresspiegel, der zunehmende Wind sorgt für stärkeren Seegang – in der Folge könnte das zu mehr Sturmfluten, einem insgesamt höheren Überflutungsrisiko an den Küsten und stärkeren Sand- und Landabspülungen führen. Dass diese Veränderungen über kurz oder lang eintreffen werden, darüber sind sich Wissenschaftler weitestgehend einig, wann genau und in welchem Ausmaß, das kann niemand so genau sagen. Klimaforscher weltweit tüfteln an Prognosemodellen.

Auch auf der Nordsee-Insel Sylt ist man besorgt angesichts großer Wassermassen: Hier sorgt vor allem die Hörnum-Odde für viele Diskussionen.

Dass „die Folgen des Klimawandels für die schleswig-holsteinischen Küstengebiete ernst sind und nicht unterbewertet werden dürfen“, hat das Umweltministerium im Generalplan Küstenschutz festgestellt. Viele Gemeinden an der Ostseeküste befürchten allerdings, dass sie dabei unter den Tisch fallen. „Anders als an der Nordseeküste sieht der Generalplan Küstenschutz außerhalb der Landesschutzdeiche keine umfassende staatliche Verantwortung für den kommunalen Ostseeküstenschutz vor“, heißt es in einem offenen Brief an den Kieler Landtag, den das „Klimabündnis Kieler Bucht“, ein Zusammenschluss von 20 Ostseegemeinden von Kappeln an der Schlei bis Blekendorf im Kreis Plön sowie Vertretern aus Wissenschaft und Tourismus, verfasst hat. Dies stelle viele Gemeinden vor finanzielle, aber vor allem logistische Herausforderungen, da der Strandtourismus zu den tragenden ökonomischen Säulen zähle.

Das Umweltministerium sieht das anders: „Im staatlichen Küstenschutz des Landes Schleswig-Holstein gibt es keine Unterschiede zwischen Nordsee- und Ostseeküste“, erklärt Sprecher Sönke Wendland. Laut Landeswassergesetz sei das Land unter anderem zuständig für Landesschutzdeiche sowie die Küstensicherung und Regionaldeiche auf Inseln, einschließlich Fehmarn. Für den Schutz der Festlandsküsten an Nord- und Ostsee hingegen sei das Land nicht zuständig. Bedingt durch die unterschiedlichen landschaftlichen Gegebenheiten an Nordsee- und Ostseeküste führe dies zu unterschiedlichen Tätigkeiten des Landes, so Wendland. „Eine ,Bevorzugung’ bzw. ,Benachteiligung’ findet nicht statt.“

Buhnen reduzieren die Strömungsgeschwindigkeit und sichern die Küste.
Buhnen reduzieren die Strömungsgeschwindigkeit und sichern die Küste. Foto: dpa
 

Grund für die Ängste der Ostsee-Gemeinden ist unter anderem der steigende Wasserpegel. „Wenn der Ostseespiegel einen halben Meter ansteigt, dann ist das Ausgangsniveau für eine Sturmflut immer einen halben Meter höher“, erklärt der Klimabündnis-Initiator Prof. Dr. Horst Sterr von der Abteilung Küstengeographie und Klimafolgenforschung an der Universität Kiel. Während jetzt im statistischen Mittel alle 20 Jahre mal eine Sturmflut komme, sei dies bei insgesamt höherem Wasserstand sehr viel öfter der Fall – dafür müsse nicht einmal mehr Wind wehen. „Unser großes Problem ist, dass es keine konkreten Zahlen gibt“, sagt Sterr. „Man weiß, dass sich der Anstieg des Meeresspiegels beschleunigen wird, da es aber zukünftige Entwicklungen sind, gibt es keine Messdaten, nur Szenarien.“ Jegliche Aussagen basieren auf Modellen, und leider wisse man nie, wie gut Modelle funktionieren. „Es gibt aber regionale Studien für den Ostseeraum, die Veränderungen teilweise stärker als im globalen Durchschnitt vorhersagen“, sagt Sterr.

Einige regionale Messwerte nennt das Norddeutsche Klimabüro mit Sitz in Geesthacht: Der Meeresspiegel sei in den letzten 100 Jahren an der südlichen Ostseeküste zirka 14 cm angestiegen, entsprechend habe es auch zumindest formell mehr Sturmfluten gegeben – allerdings im leichten Bereich mit 1 - 1,25 Meter über NN. „Insgesamt laufen höchste Wasserstände bisher jedoch nicht höher auf“, heißt es dort. Grund für den Anstieg des Meeresspiegels sind übrigens nicht nur die schmelzenden Eismassen an den Polen, wodurch mehr Wasser in die Ozeane fließt, sondern auch das Ausdehnen der Wassermasse an sich. Dahinter steckt einfache Physik: Die Erwärmung der Luft führt zu einer Erwärmung der Meere; die Wassermassen dehnen sich dadurch aus. Die Ostsee hat sich im letzten Jahrhundert um etwa 0,85 Grad Celsius erwärmt, vermeldet das Norddeutsche Klimabüro.

Dass die Ostseewellen Sand abtragen und ablagern ist ein ganz normaler Prozess. Abgespült wird der Sand in der Regel an Steilküsten, von wo aus er küstenparallel zu einem Strand in der Nachbarschaft transportiert wird. So bekommen die Ostseestrände ständig neues Material zugeführt. „Bei Sturmflutwasserständen treffen die Wellen aber mit hoher Energie auf den Strand und entfernen auch Sand“, erklärt Professor Sterr. „Dabei kommt es zu starken Abspülungen.“ Doch das ist erstmal nichts Neues – jeden Winter leiden die Strände unter dieser Erosion, geben dann im Frühjahr ein ziemlich ramponiertes Bild ab, das den Gemeinden im Hinblick auf die nahenden Touristenscharen Sorgen bereitet.

„Stranderosion gab es schon immer, das ist ein natürlicher Prozess“, sagt der Geograph. „Der Mensch hat in den letzten Jahrzehnten aber immer mehr in das natürliche Küstensystem eingegriffen und den Prozess dadurch verstärkt.“ Den Bau von Häfen, Deichen und Molen nennt er als Beispiele. So behindere etwa die Mole in Damp den Sandtransport. Also ist gar nicht der Klimawandel die Ursache für den Strandschwund an der Ostseeküste? „Doch, er verstärkt das Ganze – wegen der höheren Sturmflutwasserstände“, sagt Horst Sterr.

Zum besseren Schutz ihrer Küstenlinie sind einige Ostsee-Gemeinden tätig geworden. Eine Möglichkeit sind Buhnen, eine Art Schutzdamm aus Holzpfeilern, der im rechten Winkel zum Strandverlauf errichtet wird. Sie reduzieren die Strömungsgeschwindigkeit und schützen den Strand vor Abspülung. Sind schon große Sandmengen verloren gegangen, helfen nur Sandaufspülungen. Die sind allerdings extrem teuer und bringen so manchen Gemeindehaushalt an seine Grenze – denn sie müssen komplett aus eigener Tasche finanziert werden.

Schönberg bei Kiel hat seinen Strand bereits zweimal mit solchen Aufspülungen künstlich wieder verstärkt, im März steht die nächste Aktion an. „Wir haben das Gefühl, dass ein erheblicher Sedimentabtrag da ist“, sagt Bürgermeister Dirk Osbahr. „Ob das tatsächlich der Klimawandel hervorruft, kann ich nicht beurteilen – ausschließen will ich es aber nicht.“ Osbahr rechnet für die nächste Aufspülung mit Kosten von 80.000 Euro – für den Transport von rund 10.000 Kubikmetern Sand. Schönberg ist ein besonderer Fall: Das Sediment, was dort von den Wellen abgetragen wird, sammelt sich in der Hafeneinfahrt der Nachbargemeinde Wendtorf, wo die Zufahrt zur Marina versandet. Diese wird ausgebaggert und der Sand zurücktransportiert – eine Win-win-Situation für beide Kandidaten.

Allerdings gibt es an der Ostseeküste von Schleswig-Holstein nur sehr wenige Gebiete, wo Sand für Vorspülungen vorhanden ist und genutzt werden kann. Wenn der Sand nicht aus der Ausbaggerung einer Fahrrinne kommt, wie es in Schönberg der Fall ist, muss er per Schiff aus Dänemark hertransportiert werden, denn in der Kieler Bucht herrscht pauschal Sandmangel. „Das ist sehr teuer und wird daher von den Küstengemeinden in der Kieler Bucht kaum in Anspruch genommen“, sagt Horst Sterr.

Das Kieler Umweltministerium sieht solche Sandaufspülungen mit großer Skepsis. Besonders in Zeiten des Klimawandels sei dies nicht nachhaltig, da in der hiesigen Ostsee keine nutzbaren Sedimente in ausreichenden Mengen verfügbar seien, erklärt Sprecher Sönke Wendland. „Deshalb wird hier vor allem auf regional- und bauleitplanerische Instrumente gesetzt, um Schadenserwartungen infolge von Landabbruch und Überflutungen zu minimieren.“ Bei der geplanten Sandaufspülung vor Schönberg handele es sich um eine touristische und damit wirtschaftliche Maßnahme.

Jährliche Routine sind solche Sandvorspülungen auf der Nordsee-Insel Sylt, die von der Erosion noch viel stärker betroffen ist. Die Rechnung fällt dort allerdings deshalb im Schnitt geringer aus als in der Ostsee, weil in der Nordsee ausreichend Sand vorhanden ist. Dadurch bleiben die Transportkosten gering.

Interaktive Karten zum künftigen Küstenschutzbedarf in Ihrer Region kann man hier einsehen.

 

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erstellt am 21.Feb.2016 | 13:28 Uhr

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