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Interview zur Schule der Zukunft : „Jeder Lehrer soll sein eigenes Ding machen“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Der Schüler wird zum Mitarbeiter – Christian Filk, Professor für Medienpädagogik und interdisziplinäre Medienforschung an der Europa-Universität Flensburg (EUF), über digitales Lernen und die Schule der Zukunft.

Herr Professor Filk, digitale Bildung wird immer wichtiger: Wie wird in zehn Jahren der Unterricht in einem typischen Klassenzimmer in Schleswig-Holstein aussehen?
Ich hoffe, es wird nicht den typischen Unterricht in dem einen Klassenzimmer geben, sondern ganz verschiedene Konzepte, die je nach Schule auch ganz unterschiedlich gestaltet werden. Idealerweise sollten die nicht mehr an herkömmliche Klassen-, Raum- und Zeitstrukturen gebunden sein, sondern individuell dem Profil der Schule, den Schülern, Lehrern sowie Eltern angepasst sein. Schulen sollten vor allem auf ihr soziales und kulturelles Kapital setzen, wenn Sie so wollen.

Das klingt ja so, als solle jede Schule ihr eigenes Ding machen?
Es sollte sogar jede Lehrerin ihr, jeder Lehrer sein eigenes Ding machen – allerdings zusammen mit anderen.

Wie? Keine Lehrpläne mehr? Eltern wären entsetzt!
Natürlich sind Lehrpläne sinnvoll und nützlich. Es muss auch eine Vergleichbarkeit von Leistungen geben, aber Schule ist heute schon hochgradig reglementiert. Die Lebenswelt im Unterricht bildet jedoch nur noch zum Teil die der Gesellschaft ab. Dieser Strukturkonservatismus hat dazu mit beigetragen, dass Schule von heute Jugendliche nur noch bedingt darauf vorbereiten kann, was sie auf dem Arbeitsmarkt erwartet. Dort scheitern in zunehmenden Maße Top-down-Modelle und Top-down-Praxen, wo „oben“ einer sagt, was „unten“ gemacht wird, und alle anderen haben zu folgen, sondern die Mitarbeitenden nehmen ihre Aufgaben vermehrt in Eigenregie und Eigenverantwortung wahr. Da muss Schule auch hinkommen, und die Digitalisierung bietet dazu interessante Gestaltungsmöglichkeiten.

Wie soll das aussehen?
Klassen sind heute schon sehr heterogen. Da bietet es sich an, Lerngruppen zu bilden, fächer- und jahrgangsübergreifende Konzepte auszuprobieren. Wenn Lehrkräfte Schülern etwas anbieten – etwa das Lernen mit dem eigenen Smartphone –, dann können sie auch etwas zurückverlangen. Und Lehrer dürfen auch mal Fehler machen und Irrtümer begehen.

Der Schüler wird zum Mitarbeiter?
Wenn Sie so wollen, ja. Das bietet die Chance, dass jede Schule ein eigenes Profil entwickeln kann, das sie von anderen unterscheidet. Dazu gehört auch, finde ich, dass Schüler und Lehrer sich gemeinsam darüber klar werden, was ihre sozialen, kulturellen und nicht zuletzt ethischen Werte und Normen sind.

Das müssen Sie erklären.
Wir stehen vor der Herausforderung, dass soziale Netzwerke unsere Kommunikation verändern – und zwar nicht nur im Netz, sondern auch in der „realen Welt“, wo wir uns persönlich begegnen. Ich meine damit nicht nur Phänomene wir Cyber-Mobbing, sondern vielmehr auch die Veränderung von Wirklichkeitsvorstellungen, Sprache und sozialem Verhalten. Wir brauchen eine Verständigung auf Werte, die analog, aber auch digital gelten. Um beides gleichzeitig zu lernen, gibt es keinen besseren Raum als die Schule.

Überfordert das nicht die Lehrer?
Im Gegenteil! Hat man sich auf die Werte und die Lernformen verständigt, haben Lehrer die Chance, im so genannten binnendifferenzierten Unterricht individueller auf Schüler einzugehen – etwa durch spezielle Lern-Apps. Das gibt dem Lehrpersonal wiederum Freiraum, sich persönlich mehr um Schüler zu kümmern, die Defizite haben.

Aber führt das nicht dazu, dass die Schulen, die technologisch und personell besser ausgestattet sind, ihren Vorsprung durch die Digitalisierung noch weiter ausbauen können?
Durch die Digitalisierung ändert sich in dem Punkt wenig. Denn Schule muss sich ohnehin um diejenigen kümmern, die benachteiligt sind. Das ist der Auftrag der inklusiven Schule. Bei der digitalen Bildung ist das nicht viel anders: Menschen aus sozialen Problembezirken haben oft nicht das Problem, dass sie keinen Zugang zur Technik haben, sondern es fehlt ihnen an Bildung, ja an Vorbildern, um damit angemessen als digitaler Kulturtechnik umzugehen. Das muss die Schule der Zukunft leisten. Bildung darf nicht nur den Gesetzen der Ökonomie folgen.

Aber Konkurrenz zwischen den Schulen gibt es doch jetzt schon: Der Kampf um Schüler läuft doch seit Jahren.
Ja, aber das führt schlussendlich zu nichts. Lehrer sollten schon innerhalb ihres Kollegiums mehr zu Teamplayern werden, die überlegen, wie sie gemeinsam Lehrpläne umsetzen und ihrer Schule ein eigenständiges Profil und Programm geben. Das betrifft den digital-affinen Junglehrer gleichermaßen wie den Studienrat, der kurz vor der Pensionierung steht. Und die Profilbildung muss nicht am Schultor enden: Wo es Kooperationen zwischen verschiedenen Schulen gibt, ist sie meist sehr erfolgreich und anregend, weil sich Profile ergänzen. Es wird im Zeitalter der digitalen Bildung einfach nicht mehr reichen, nur noch auf sich selbst zu schauen.

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erstellt am 13.Mär.2017 | 17:29 Uhr

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