zur Navigation springen

Schleswig-Holstein

05. Dezember 2016 | 15:42 Uhr

Lübeck : Jahrhundertflop: Warum kaum jemand den Lübecker Herrentunnel nutzt

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Einst wurde er als „Jahrhundertbauwerk“ gefeiert. Doch wer ihn durchfährt, muss ordentlich in die Tasche greifen.

Lübeck | Die Maut ist mal wieder erhöht worden im Herrentunnel. 1,70 Euro kostet die einfache Durchfahrt nun, 20 Cent mehr als im April. Und fast doppelt so viel wie zur Eröffnung vor knapp elf Jahren. Es ist inzwischen die fünfte Mauterhöhung. Doch anders als vorher bleiben die lauten Proteste diesmal aus, denn nur Nutzer können sich beklagen und davon hat der Tunnel seit Beginn viel zu wenige.

Der Herrentunnel in Lübeck ist bei seiner Entstehung erst das zweite allgemein mautpflichtige Verkehrsprojekt in Deutschland. Über zehn Jahre nach der Eröffnung wird klar: Die anfängliche Euphorie ist verschwunden.

„Jahrhundertbauwerk“ – Dietrich Austermann, seinerzeit CDU-Verkehrsminister des Landes, hatte zur Eröffnung ein griffiges Wort parat. Es war der 26. August 2005. Gefeiert wurde groß, vor allem die Lübecker sonnten sich im Licht dieses Projektes, das als Vorbild in Sachen Public-Private-Partnership in die Geschichte nicht nur der Stadt und des Landes, sondern auch des Bundes geträumt war, als strahlendes Beispiel dafür, wie Infrastrukturprobleme zu lösen seien: Private Unternehmer wuppen, was der Staat nicht zahlen kann, und dürfen im Gegenzug eine Zeit lang Maut kassieren.

So jedenfalls war mal der Plan. Doch kaum hatten die ersten Fahrzeuge die Trave gequert, deutete sich in Lübeck an, was in Rostock längst die Spatzen von den Dächern pfiffen: Der Plan klingt schön, geht aber nicht auf. Der Bund solle den Tunnel übernehmen, forderten Lübecker Bürgerschaftsvertreter vor einigen Jahren nahezu unisono. Doch der winkte ab: Selbst, wenn er wollte, könnte er nicht.

Dabei klangen die Prognosen für den Herrentunnel verlockend: Mehr als 40.000 Fahrzeuge täglich hatte man ihm vorhergesagt, hier und da wurde sogar die 50.000er Marke genannt. Man meinte, die Heerschar genervter Autofahrer im Rücken zu haben, die sich jahrelang durch den gefühlten Dauerstau auf der ohnehin maroden Herrenbrücke, der Vorgängerin des Tunnels, quälen mussten. Jedes Mal, wenn große Pötte passierten, waren dort die Klappen hochgegangen und hatten den Straßenverkehr zum Erliegen gebracht.

Kommt (k)ein Auto gefahren: Der Lübecker Herrentunnel wird maximal von 17.000 Fahrzeugen täglich genutzt, geplant waren 40.000.
Kommt (k)ein Auto gefahren: Der Lübecker Herrentunnel wird maximal von 17.000 Fahrzeugen täglich genutzt, geplant waren 40.000. Foto: ruff
 

Deshalb hatten die Lübecker Lokalpolitiker auch größer geplant. Dass etwas Neues her musste, war klar, für eine neue Brücke hätten die 90 Millionen Euro, die der – für die Querung im Zuge der Bundesstraßen 75 und 104 zuständige – Bund zur Verfügung gestellt hatte, gereicht. Aber die Lübecker wollten freie Fahrt für alle und immer. Und so kam es im März 1999 zu der denkwürdigen Abstimmung nach turbulenter Debatte, bei der 39 der damals 49 Bürgerschaftsmitglieder für einen 176 Millionen teuren Tunnel stimmten, acht waren dagegen, unter ihnen die vier Grünenabgeordneten, zwei enthielten sich.

So kam es zum Jahrhundertbauwerk, das, gebaut von Bilfinger Berger und Hochtief, sechs Jahre und fünf Monate später eröffnet wurde – und seitdem Enttäuschung und Ärgernis ist. Um die 40.000 zahlende Autofahrer täglich hätten ja durchaus ausgereicht, der zu Betriebszwecken gegründeten Herrentunnel Lübeck GmbH & Co. KG (HLKG) die über die 90 Millionen Euro hinausgehenden Kosten wieder einzufahren. Bis zum Jahr 2035 sollte die Strecke ursprünglich mautfrei sein. Schnell war jedoch klar, dass dieser Zeitplan nicht zu halten ist, aktuell darf bis zum Jahr 2045 kassiert werden.

Die Autofahrer nämlich machten der Gesellschaft von Anfang an einen Strich durch die Rechnung. Die erträumten mehr als 40.000 waren schon bei Vertragsabschluss auf 37.000 heruntergerechnet. Tatsächlich durchfahren wollten dann aber sehr viel weniger: In den ersten Monaten zählte man durchschnittlich nur 21.000 Mautzahler pro Tag, Tendenz: fallend. Konkrete Zahlen verrät der Betreiber längst nicht mehr, noch nicht einmal der Hansestadt, zu der die Beziehungen ohnehin offenbar kühl sind.

Nach Schätzungen sind es keine 17.000 Fahrzeuge, die pro Tag die Trave via Tunnel queren. Der Widerwille gegen die Mautgebühr ist sogar so groß, dass Pkw- und Lkw-Fahrer lieber den rund fünf Kilometer langen Umweg über die Autobahn in Kauf nehmen, immerhin werden einem da die Kosten nicht direkt von Menschen in Kassenhäuschen unter die Nase gerieben. Und die sind besonders für Lkw mit vier und mehr Achsen happig: 13 Euro für eine einfache Durchfahrt.

Die HLKG will die Mauterhöhungen indessen als planmäßig verstanden wissen. „Ursprünglich war eine jährliche Anpassung der Mauthöhen vertraglich vereinbart“, hieß es von Tunnel-Chef Sven Brüning. „Im Sinne der Nutzer hat die HLKG nötige Gebührenanpassungen bisher in größeren Zeitabständen vorgenommen. Stetig steigende Betriebskosten machen eine neue Anpassung unumgänglich. Das Maß der aktuellen Mautanpassung entspricht dem Konzessionsvertrag mit der Hansestadt Lübeck.“ Und: „Langfristig kommen Gebührenanpassungen den Autofahrern wieder zugute: Sie ermöglichen weiterhin Investitionen in die Sicherheit und Qualität des Tunnels.“

zur Startseite

von
erstellt am 21.Mai.2016 | 21:11 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Themen zu diesem Artikel:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen