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Museum Kunst der Westküste : Hermann statt Malweib

vom
Aus der Redaktion des Insel-Boten

Das Worpsweder Künstlerpaar Fritz Overbeck und Hermine Overbeck-Rohte steht im Mittelpunkt einer Ausstellung in Alkersum. Die beiden führten eine für die damalige Zeit erstaunlich moderne Beziehung.

Fritz Overbeck und Hermine Overbeck-Rohte: Das Worpsweder Künstlerpaar war des ewigen Birken-Moor-Birken-Motivs und der Querelen der großen Meister im berühmten Künstlerdorf bei Bremen überdrüssig, so dass sie ab 1903 immer mal wieder auf Föhr und Sylt neue, frische Sicht nahmen: Meer, Brandung, Dünen, Friesenhäuser. Umso spannender wird das Schlendern durch die aktuelle Ausstellung im Museum Kunst der Westküste mit rund 100 Werken der beiden Eheleute, wenn man sich vergegenwärtigt, was verheiratete Frauen zu dieser Zeit überhaupt durften. Eigentlich nur dreierlei: dem Herd nah sein, sowie Mann und Kind dienen. „Malweiber“ wurden damals Jungfern mit Pinsel in der Hand abschätzig genannt. Und auch Hermine wusste, dass ihre Kreativität nach der Heirat schlimmstenfalls zu einem „Sonntagnachmittagsplaisir“ schrumpfen würde. Was Fritz Overbeck seiner Frau also damals erlaubte, was die beiden immer und immer wieder in Diskussionen miteinander aushandelten – ihr Verhältnis in der Liebe und in der Arbeit – das ist sehr, sehr ungewöhnlich für die damalige Zeit. Da die beiden nie gemeinsam auf den Inseln waren – er reiste drei Mal nach Sylt, sie einmal nach Föhr und einmal nach Sylt –, gibt es einen umfangreichen Briefwechsel, der, als Buch und als Hörbuch, ganz charmant und liebevoll nachverfolgen lässt, wie schwer es für beide war, in dieser Verbindung ihren „Mann“ zu stehen. Schöner Kunstgriff: Wenn die zwei sich über die Arbeit unterhielten, wurde aus Hermine, dem „lieben Schatz“, dem „Herzensschatz“ dann plötzlich ein „lieber Hermann“. Auch Hermine spielt mit und gibt als Hermann ihrem Mann Ratschläge zu seinen Bildern.
Sie, die im Gegensatz zu ihm auch mit der Kamera umging, setzte den Fokus ganz anders. Was sich beim >>>
>>> Gang durch die Ausstellung wunderbar beobachten lässt. Nicht das Typische, nicht die Wellen, die Dünen und die Friesenhäuschen sind ihr Ding, sondern das, was abseits liegt: Sie schneidet schmucken Friesenhäusern sogar das Dach ab, nur um den Blick auf die Wasserspiegelungen eines winzigen Tümpels zu lenken. Ihre Bildkomposition ist eine ganz andere als seine, nicht immer steht das Motiv im Zentrum, dafür ein spannender Bildausschnitt, gedanklich herangezoomt, lebendig gemalt. Was man dabei aber nicht vergessen darf: Sie konnte moderner sein, denn sie musste ja nie malen, um zu verkaufen.
Weil das Freiluftmalen damals dank kleiner, leichter Malpappen, Tubenfarbe und Malkästen für immer mehr Künstler eine Option wurde, hängen in der Ausstellung neben manchen großen Leinwandgemälden die kleinen Ölstudien auf den Malpappen, wodurch man nachvollziehen kann, wie sich der Entwurf zum fertigen Bild entwickelt hat.
Den beiden Liebenden und Malenden war kein langes gemeinsames Leben vergönnt. Es war zum Ende sogar ein Drama. Nachdem sie neun Monate lang, krank an Tuberkulose, im Sanatorium in Davos geweilt hatte und sich beide nun endlich auf ein trautes Miteinander im Haus in Bremen-Vegesack freuten, da starb er, 39-jährig, drei Tage nach ihrer Rückkehr an einem Hirnschlag. Hermine war damals 40 Jahre alt, immer noch von schwacher Konstitution, blieb mit zwei kleinen Kindern und dem Haushalt allein. Zeitlebens hat sie das Werk ihres Mannes zusammengehalten, nur im äußersten Notfall mal ein Bild verkauft. So kam es, dass heute im Overbeck-Museum in Bremen noch alles erhalten ist.

Nach dem Tod ihres Mannes übernahm sie sein Atelier, organisierte Ausstellungen mit seinen Bildern und malte im Stillen weiter. Bis auf eine Ausnahme sind ihre Bilder weder signiert noch datiert. Als nach ihrem Tod, sie starb 1937 mit 68 Jahren, die rund 70 Gemälde und über 200 Ölstudien übereinandergestapelt hinter den fast 1000 Werken ihres Mannes in ihrem/seinen Atelier entdeckt wurden, waren selbst ihre beiden Kinder, Fritz-Theodor und Gerda, erstaunt, was die Mutter geschaffen hatte. Erstmals werden jetzt ihre Bilder, die vor über 100 Jahren auf Föhr und Sylt entstanden sind, im Museum Kunst der Westküste gezeigt.

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