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Inselmagazin

04. Dezember 2016 | 09:19 Uhr

Museum Kunst der Westküste : Frau Mila hat ein Gespür für Föhr

vom
Aus der Redaktion des Insel-Boten

Die ukrainische Fotokünstlerin Mila Teshaieva hat Insulaner porträtiert. Es ist ihre zweite Ausstellung in Alkersum.

Jutta Kollbaum-Weber, die Frau des Utersumer Arztes, hatte eine Idee. „Meine Frau wollte Mila auf Föhr-Land unter die Leute bringen“, erzählt Dr. Hark Weber salopp. Also nahm man die Fotografin und ihren Mann Marcus mit auf die Jagd. „So lernt man die verschiedensten Menschen kennen. Gerade im Winter treffen sich da die Einheimischen“, sagt Weber, selbst Jäger. Und dann sagt er noch etwas sehr schönes: Mila habe sich sehr auf die Leute der Insel eingelassen.
Genau das Gefühl hat man, wenn man sich die mehr als 40 Bilder anguckt, die die 42-jährige Fotokünstlerin Mila Teshaieva während ihres Aufenthaltes auf Föhr von den Insulanern gemacht hat. Dunkel der Hintergrund, fotografiert wurde in tiefster Nacht. Fotografiert wurden Föhrer – in ihrer ganz eigenen, inseltypischen Umgebung. Das sparsame, eindringliche Licht auf den Fotos kommt aus einer Taschenlampe, mit der Mila Teshaieva – unterstützt von ihrem Mann und Partner Marcus Lenz – durchs Bild zog und ausleuchtete, was ihr wichtig schien. Der Jäger im Wald, das Tattoo über der Friesentracht, das alte Kirchenschiff, die Dünen, die ausgestopften Enten der Vogelkoje.
Die in Kiew geborene Künstlerin, deren Bilder weltweit ausgestellt werden, lebt in Berlin und hatte in ihrer letzten großen Arbeit den Wandel der drei am Ufer des Kaspischen Meeres gelegenen ehemaligen Sowjetrepubliken dokumentiert. Mit feinster Fotokunst und ebensolcher Beobachtungsgabe. Als die Direktorin vom Museum Kunst der Westküste (MKDW), Professor Ulrike Wolff-Thomsen, in einer Berliner Buchhandlung einen Katalog über diese Arbeiten entdeckte, holte sie Mila Teshaieva mit ihrer „Promising Waters“-Ausstellung 2014 nach Föhr. „Ich kam das erste Mal in einer schlimmen Nacht, zur Zeit dieser Riesenstürme im Herbst 2013“, erzählt Teshaieva auf Englisch. „Ich hatte so was noch nie erlebt. Dieses schlechte Wetter, der Wind, der wilde Regen; es war strange, und irgendwie magic.“
Teshaieva wurde Teil des Artist in Residence-Programms des Alkersumer Museums. Ein Glücksfall. Sie wohnte in der wunderschönen Anlage hinter dem Kunsthaus und fühlte sich so tief in die Insel hinein, dass sie ihr unbedingt näher kommen wollte – mit einer Arbeit. „Ich habe einen Weg gesucht, die Insel zu verstehen und einen, um auszudrücken, was ich an diesem mystischen Platz fühlte – umgeben von Wasser. Dazu brauchte ich eine ganz spezielle Bildsprache, die unterstreichen sollte, was ich sah und dachte.“
Den Weg hat Teshaieva gefunden, in Form unglaublich ruhiger, tiefer Fotos, die jetzt bis zum 8. Januar in Alkersum im MKDW zu sehen sind. Gemeinsam übrigens mit den ebenso klaren und unglaublich echt wirkenden Meer- und Landschaftsbildern (Ausstellungstitel: „Über die Tiefe“) des Husumer Malers Jochen Hein, der in Hamburg lebt und dem Museum ebenfalls bis in den Januar erhalten bleibt.

Jeder, der von Mila Teshaieva porträtierten Föhrer ist angetan von der zugereisten Frau, die so behutsam die Insel zu verstehen versucht. „Sie ist unglaublich stark auf uns eingegangen.“ Jeden fasziniert, wie sie fototechnisch mit der Finsternis umgeht und die erzählten Geschichten umsetzt. „Wir haben ja teilweise wirklich gar nichts gesehen, so dunkel war es. Man kommt sich in dieser Dunkelheit sehr nahe, man kommuniziert enger“, sagen die Fotografierten. „Die Dunkelheit isoliert den Menschen von seiner Umgebung“, sagt die Fotografin. „Die Annäherung an den Menschen ist eine ganz besondere.“
Painting with light – malen mit Licht, nennt Teshaieva das, was sie tut, während die Kamera langzeitbelichtet. Mit ein oder manchmal auch zwei Taschenlampen bewegt sie sich durchs Bild, auf der Suche nach dem Besonderen, was erhellt werden und dem Besonderen, was in Schatten fallen soll. Minutenlang sitzen ihr die Föhrer bewegungslos Modell.
Ihre erste Begegnung ergab sich gleich im Museum. Katrin Petersen, wissenschaftliche Mitarbeiterin, erschien für einen Fernseh-Beitrag in Föhrer Friesentracht, was Teshaieva zuvor noch nicht gesehen hatte. „Katrin sah aus wie eine Königin. Ich war erstaunt, wie anders jemand geht und wirkt mit so einem Festgewand.“ Diese tiefe, friesische Tradition gab den Anfang. Neben Katrin – mit Rückentattoo – fing Teshaieva auch das Gesicht von Elisabeth Martens ein, einer jungen Föhrerin, die im Museum als Aufsicht arbeitete und deren Konterfei nun die Ausstellungstitel ziert. Über Jutta Kollbaum-Weber, die das Wyker Friesenmuseum leitet, lernt Teshaieva deren Mann Hark kennen, den Arzt und Jäger, den sie >>>
>>> nachts im Wald fotografieren wird. Mit Licht, das sanft um Bäume zieht.
Mit dem Licht, das manche Fotos so altmeisterlich aussehen lässt, schafft Teshaieva eine Verbindung zwischen Früher und Jetzt. Zwischen Tradition und Moderne, oft ein Zwiespalt, der sich in kleinen Lebensräumen, was die Inseln hier sind, noch stärker bemerkbar macht. „Das Licht lässt dich fragen, ist das jetzt 100 Jahre her, oder ist das heute?“ Teshaieva hat interessiert, wie die Inselmenschen ihre Traditionen leben und wie sie diese wahnsinnig schöne Natur verinnerlichen. „Ich habe versucht, ein Paradies mit Fragezeichen zu erkunden.“
Da gibt es das Porträt einer Oldsumer Familie. Kinderreich, alte Wandfliesen im Hintergrund. Ein Stillleben, was tatsächlich an alte, holländische Meister erinnert. „Ich habe ihnen nie sagen müssen, was sie tun sollen für das Foto. Sie haben sich einfach zusammengesellt, haben alles ganz natürlich und allein gemacht“, sagt Teshaieva fasziniert.
Sie porträtiert Fischer, einen Feuerwehrmann und die Familie vom Oevenumer Milchschafhof. Irgendwann wird sie mit Arend Godbersen bekannt gemacht, einem 77-Jährigen ehemaligen Maurer, dessen Urgroßvater Mitbegründer der Boldixumer Vogelkoje ist, an der die Familie immer noch Anteile hält und der dort für sie geduldig Modell sitzt. Den Wassersportlehrer Dirk Hückstädt hat Teshaieva in einem Dünental nahe seiner Nieblumer Windsurfing-Station fotografiert. „Sie hat mich gefragt, was ich als letztes tue, bevor ich mit dem Surfbrett ins Meer gehe“, sagt der 43-jährige Sportfreak. Auf dem Foto hat er die Hände am Gabelbaum und den Blick Richtung Wasser. „See, Salz, Freiheit. Ich habe ihn als eine sehr spezielle Persönlichkeit wahrgenommen“, sagt Teshaieva. „Eine, die extrem von der Insel geprägt ist.“ „Dirk the pirat“ – der Pirat, nannte sie das Foto.
Nach ihrem Lieblingsmotiv darf man Mila Teshaieva nicht fragen, denn es sind eigentlich die Geschichten, >>>
>>> die sie so fesseln an dieser Insel. Wie die der jungen Elisabeth Martens in der Nieblumer St.-Johannis-Kirche. Deren grünes Schultertuch leuchtet eindringlich aus dem Dunkel des Kirchenschiffs. „Diese Kirche ist ein Teil meines Lebens“, sagt die 22-Jährige. Ich bin ziemlich christlich, dort getauft und konfirmiert. Und weil wir durch die Familie meiner Freundin einen Schlüssel für die Kirche hatten, sind wir nachts hin geradelt und haben Gitarre und Geige gespielt und am Klavier gesessen. Oder gesungen.“ Nachts? Allein, in einer dunklen Kirche? Martens nickt. „Manchmal schien der Mond.“ Das ist schönste, intime Inselgeschichte. Eingefangen von einer Fotokünstlerin, die auf ganz besondere Art versucht hat, die Inselmenschen zu verstehen. „So verletzlich“, sagt Teshaieva über einige dieser Momente." Die Stille während der Bewegungslosigkeit war ein sehr tiefer Moment", sagt Elisabeth Martens über die minutenlange Motivsitzung für Mila Teshaieva. „Ich hatte Gänsehaut.“


Ab 26. Juni im Museum Kunst der Westküste: Mila Teshaieva (Die Insel) und Jochen Hein (Über die Tiefe). Zu beiden Schauen sind Kataloge erschienen.

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