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Schleswig-Holstein

11. Dezember 2016 | 09:11 Uhr

„Ich wurde systematisch missbraucht“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Ehemaliger Heimbewohner fordert von den Kirchen 134 000 Euro für Verdienstausfall und erlittene Schmerzen

Er hockt zwischen den Papieren, die in schmalen Buchstaben ausdrücken, was in seinem Leben falsch gelaufen ist. Frank Malsch sitzt in seinem Wohnzimmer in einem kleinen Dorf in der Mitte Schleswig-Holsteins und raucht eine Zigarette nach der anderen. Trotzdem schließt er die Fenster. „Die Nachbarn sollen nicht mitbekommen, was ich hier erzähle“, sagt der 49-Jährige, der seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Jetzt droht Malsch der katholischen und der evangelischen Kirche mit Klage und spricht von „Menschenrechtsverletzungen in den Heimen. Ich will Gerechtigkeit“.

In der Hand hält er ein Gutachten, das ein Neuropsychologe aus Nordrhein-Westfalen erstellt hat und in dem ihm bescheinigt wird, dass ihn eine „frühe Psychotraumatisierung in seiner Persönlichkeitsentwicklung behinderte“. Bis heute leide er unter den psychischen und physischen Folgen dessen, was er in den ersten 18 Jahren seines Lebens erlebt hat – in verschiedenen Heimen in Schleswig-Holstein. „Ich wurde systematisch und immer wieder missbraucht“, sagt Malsch. Niemand habe die Heime kontrolliert, viele Erzieher seien überfordert gewesen, die Kinder hätten es ausbaden müssen. Das habe schon im katholischen Säuglingsheim St. Franziskus auf Nordstrand begonnen, in dem er als Baby kam und seine ersten sechs Lebensjahre verbracht hat. „Ich wurde von den Nonnen angefasst und geschlagen“, sagt Malsch, der erst durch Medienberichte den Mut gefasst hat, für eine Entschädigung und Schmerzensgeld zu streiten.

„Sie haben für uns glaubhaft dargelegt, dass Sie persönlich in der Vergangenheit durch Vertreter der katholischen Kirche großes Leid erlitten haben“, steht in einem Brief, den ihm das Erzbistum Hamburg geschickt hat, nachdem er im November dort einen Antrag auf Entschädigung gestellt hat. „Symbolisch“ erhalte er eine einmalige Geldleistung von 5000 Euro heißt es weiter in dem Brief. Eine Entschuldigung gibt es nicht. Malsch sagt: „Ich betrachte die 5000 Euro als Anzahlung.“ Auch aus dem Fonds Heimerziehung, in den Kirchen, Bund und Länder eingerichtet haben, hat er 10  000 Euro Sachleistung erhalten. „Ich habe mir davon ein Auto gekauft, damit ich noch ein wenig mobil bin“, sagt Malsch. „Aber ein verlorenes Leben kann mir das nicht ersetzen.“

Mittlerweile hat Malsch einen Anwalt eingeschaltet, der seine Interessen gegenüber den Aufsichtsinstitutionen vertritt, die die Heime damals kontrollieren sollten. In einem Schreiben an den Anwalt des Erzbistums weist er diesen daraufhin, dass sein Mandant „durch die Heimunterbringung und in dem Missbrauch eine Schwerbehinderung festzustellen“ ist. Malsch habe nie vergleichbare berufliche Chancen wie ein normales Kind gehabt. Deshalb soll die Kirche seinen „Verdienstausfall“ ausgleichen, ihm dazu ein Schmerzensgeld von 50  000 Euro zahlen – alles in allem will Malsch 134000 Euro. „Wenn die Kirche nicht darauf eingeht – dann klage ich.“

„Dann ist das so“, sagt Manfred Nielen, Sprecher des Erzbistums. Aus Sicht der katholischen Kirche seien die Vorfälle, wenn es sie denn gegeben habe verjährt. Ein Kläger müsste vor Gericht beweisen, dass die Schädigungen ursächlich aus Vorfällen in dem katholischen Heim stammten. Das gebe auch das Gutachten, das Malsch vorgelegt habe, nicht her. Die 5000 Euro, die Malsch bekommen habe, „waren nie als Entschädigung gedacht, sondern in Anerkennung des Leids“. Es handele sich aber nicht um eine „juristische Schuldanerkenntnis“. Das Erzbistum habe die Anerkennungsleistung ohne juristische Prüfung gewährt, etwa weitere 50 Personen hätten diese bekommen. Und nur ein Betroffener habe danach weitere Forderungen gestellt, so Nielen.

Malsch ist der Zweite. Er hofft, dass ein Gericht der Argumentation seines Anwalts folgt, der darauf pocht, dass die Verjährung in Malschs Fall ausgesetzt werden müsse, weil er zum einen bis zu seiner Volljährigkeit „gehemmt“ gewesen sei, Ansprüche geltend zu machen – und zum anderen er erst Jahre nach dem Missbrauch in der Lage gewesen sei.

„Uns nimmt doch keiner Ernst, einmal Heimkind, immer Heimkind“, sagt Malsch, auf dessen T-Shirt steht: „Dann fahre ich halt zur Hölle, im Himmel kenn ich eh keinen“. In vielen Worten beschreibt er seinen Leidensweg. In verschiedenen Heimen lernt er die Sprache der Gewalt. Schläge von Erziehern, sexuelle Gewalt – auch durch andere Heimkinder. Malsch sagt nicht Po oder Penis, er sagt Arsch und Schwanz – „das mache ich auch, um mich zu schützen, so kann ich leichter darüber reden“.

Manchmal habe er Todesangst gehabt, sagt der heute 49-Jährige. Von 1973 bis 1975 sei er bei einer Pflegefamilie untergebracht gewesen, erzählt er. „Für die musste ich arbeiten und wenn das nicht klappte, dann hat mich der Vater mit einem Bambusrohr verdroschen.“ Einmal habe er das einem Mitarbeiter des Jugendamtes erzählt. „Da stand der plötzlich mit dem Bambusrohr vor mir und hat selbst zugeschlagen. Da habe ich gelernt: Wenn man sich wehrt, wird alles nur noch schlimmer.“ Die Heimaufsicht habe komplett versagt. „Ich weiß, dass es auch gute Heime gab, aber ich war komischerweise immer in den schlechten.“ Auch in einem Heim in Sundsacker an der Schlei unter Trägerschaft der Diakonie sei er misshandelt worden. „In mehreren Gesprächen bei Kirche und Diakonie habe ich versucht, Entschädigungen oder zumindest mal ein Schuldeingeständnis zu bekommen, aber die lassen mich hängen. Die verarschen mich“, sagt Malsch.

„Jeder, der zu uns kommt, wird angehört“, sagt Diakonie-Sprecher Friedrich Keller. Mehrfach habe es Fachgespräche mit Malsch gegeben. Die Kirchen hätten sich extra an dem Heimkinderfonds beteiligt, um „eine unbürokratische Regelung für die Opfer zu finden“. Darüber hinaus seien der Diakonie in Malschs Fall „die Hände gebunden“. Für eine Entschädigung „sehen wir keine Möglichkeit“, so Keller. Malsch könne weiter seelsorgerische Gespräche in Anspruch nehmen. „Aber natürlich steht es dem Betroffenen frei juristische Schritte zu ergreifen.“

Genau das will Malsch tun, auch die Träger anderer Heime will er belangen. „Mein Leben ist in den Heimen ruiniert worden.“

Als er mit 18 Jahren entlassen wird, treibt er ziellos durchs Leben, arbeitet auf dem Bau, später als Lkw-Fahrer. „Vieles habe ich in meinem Leben falsch gemacht, mich viel mit Gelegenheitsjobs durchgeschlagen, auch viel getrunken – aber alles hat in den Heimen angefangen.“ Im Leben habe er nie eine Chance bekommen. „Als Heimkind ist man das Letzte.“ Spätfolgen habe er heute noch. „Ich habe Schlafstörungen und Angstzustände.“ Seit Jahren sei er krankgeschrieben, geht am Stock.

Wie sehr ihn das Leben gezeichnet hat, das merkt Frank Malsch vor ein paar Jahren als sein Enkel operiert wird, und er sich sorgt. „Ich hatte Atemnot und Beklemmungen, ich bin zum Arzt. Doch der hat nur zu mir gesagt: ,Sie sind nicht krank, Sie fühlen etwas, das Sie nicht kennen. Man nennt es Liebe.‘“

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