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Schleswig-Holstein

02. Dezember 2016 | 19:17 Uhr

Handwerk in SH : Holzschuhmacher Lorenz Hamann: Der letzte seiner Art

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Früher gehörte der Holzschuh in SH zum Alltag. Heute gibt es nur noch eine Meisterwerkstatt und einen Gesellen - in Preetz.

Preetz | Lorenz Hamann nimmt eine Holzsohle vom Stapel, greift nach einem Leisten in der entsprechenden Größe und einem langen Nagel. Mit ihm fixiert er den Leisten auf der Holzsohle. Er holt sich ein zugeschnittenes, abgenähtes Lederblatt aus einem Topf mit warmem Wasser. Es ist jetzt weich und anschmiegsam – gut zum Arbeiten.

Der Holzschuhmacher setzt sich auf seinen dreibeinigen Hocker vor den Nagelbock, einen am oberen Ende mit Leder überzogenen, etwa einen Meter hohen Holzklotz. Der Bock ist oben nicht eben, sondern hat Einbuchtungen, die zunächst so aussehen, als wäre hierauf über die Jahre einfach schon viel gehämmert worden. Tatsächlich aber sind die Einlassungen präzise in das Holz eingearbeitet. Das gibt dem Holzschuh Halt, während Hamann das Leder „aufzwickt“, wie der Fachmann sagt.

Seit 1846 produzieren und verkaufen die Hamanns in Preetz Holzschuhe.
Seit 1846 produzieren und verkaufen die Hamanns in Preetz Holzschuhe. Foto: Michael Ruff
 

Hamann ist der letzte seiner Art. Auch wenn es hier und da noch Menschen gibt, die Holzschuhe herstellen – Lorenz Hamann ist der letzte echte Geselle seiner mittlerweile ausgestorbenen Zunft, seine Werkstatt die letzte noch bestehende und eingetragene Meisterwerkstatt. Und so sieht sie auch aus: wie ein Museum.

Von außen, von der Straße aus, ist das Haus des Holzschuhmachers eher unscheinbar und fügt sich in die Reihe der Gebäude in der Preetzer Wakendorfer Straße ein. Die Zeitreise in die Welt der Holzschuhproduktion beginnt rechts von der Hausfront mit einem schmalen Gang, der sich in einen schmalen Garten öffnet, flankiert von einer ebenso schmalen, aber langgezogenen Werkstatt die fast bis hinunter an die Schwentine reicht – jenem Fluss, der einst der Lebensarm der Preetzer Holzschuhmacher war.

Die Muster in verschiedenen Formen hängen an der Wand.
Die Muster in verschiedenen Formen hängen an der Wand. Foto: Michael Ruff
 

Die Tradition dieser Zunft reicht in dem einstigen Klosterort bis ins 15. Jahrhundert. Bereits 1411 werden in den Rechnungsbüchern des Klosters drei Schuhmacher erwähnt. Der Ort war geradezu ideal für die Herstellung von Holzschuhen – dem Standardschuhwerk von Arbeitern, Fischern, Bauern, Kaufleuten und Werftarbeitern bis ins 20. Jahrhundert hinein. Denn in Preetz gab es dank der Schwentine viele, schnell nachwachsende Erlen, die das Holz für die Schuhe lieferten. Im Kloster konnten die Schuhmacher das benötigte Leder beziehen und schließlich lag in Preetz die damals einzige Furt über die Schwentine. Und das bedeutete, dass alle, die die Salzstraße nutzten, um in den Hansestädten Handel zu betreiben, durch Preetz mussten. Und diese Händler brauchten Schuhe.

Das Geschäft florierte so sehr, dass es 1846, als Lorenz Hamanns Urururgroßvater seine Holzschuhmacherei eröffnete, in Preetz nur rund 400 Häuser gab. In ihnen aber hatten sich rund 160 selbstständige Holzschuhmacher niedergelassen, die 350 Gesellen und 150 Lehrlinge bei sich beschäftigten. Das hat Preetz bis heute den Beinamen „Schuhmacherstadt“ eingebracht.

Die Urkunde der Handwerkskammer.
Die Urkunde der Handwerkskammer. Foto: Michael Ruff
 

Von der einstigen Geschäftigkeit ist nur noch die etwa zwanzig Meter lange und drei Meter breite Holzschuhmacherwerkstatt von Lorenz Hamann übrig, die er vornehmlich als Museum betreibt. Dicht an dicht stehen hier die Maschinen, Leisten und Sohlen stapeln sich, alte Werkzeuge sind ebenso zu bewundern wie traditionelle Holzschuhe. „Jeder hatte früher sein eigenes Modell. Es gab Waschküchen- und Schmiedepantoffeln, Bauernholzschuhe, den sogenannten Zweischnaller – einen Sicherheitsschuh für Werftarbeiter –, Angeliter Fischerholzschuh, den Flensburger/Holsteiner Herrenpantoffel und den Propsteier Hochzeitspantoffel“, berichtet Hamann. Heute aber gebe es sie alle in der kompletten Vielfalt weltweit nur noch an zwei Orten: „Im Landesmuseum Schloss Gottorf und in meinem Holzschuhmuseum“, ergänzt er stolz.

Mit jedem der Schuhe verschwand auch ein Stück der alten Tradtitionen. Der Propsteier Hochzeitspantoffel etwa. Hamann hat ihn selbst noch gefertigt – doch heute wird er nicht mehr nachgefragt. Er ist Teil einer alten Bauerntradition aus der Preetzer Propstei. Der Holzschuhmacher kam damals am Tag der Hochzeit auf den Hof und fertigte für das Brautpaar je ein Paar dieser Pantoffeln. Derweil überlegte sich die Hochzeitsgesellschaft einen Spruch, den sie dem Paar als Begleitung durch die ehe mitgeben wollte. Dieser wurde in die Schuhe gemalt, die nur ein einziges Mal getragen wurden: zum Tanz auf der Hochzeit. Danach kamen sie in die Vitrine.

Ein fertiges Paar.
Ein fertiges Paar. Foto: Michael Ruff
 

Hamann wendet sich wieder seiner Arbeit zu. Er spannt das Leder über den Leisten, fixiert es mit Daumen, kleinem und Zeigefinger rechts, links und an der spitze der Holzsohle und beginnt mit dem Aufzwicken. Dazu wird das Leder mit 16 Millimeter langen Krampen auf dem Holz festgenagelt. Er benutzt dafür den Holzschuhhammer, er ist relativ klein, gleicht einem T, und hat zwei Schlagflächen, die beide aufgeraut sind. Mit einer Zange zieht er dabei das Leder in Position, sodass es keine Falten wirft. Wenn alle Krampen sitzen, hämmert er noch einmal mit einem handelsüblichen Hammer nach, um die Abdrücke des Holzschuhhammers aus dem Leder wieder herauszuarbeiten.

Nun zieht er die Längsseite des Hammerstils immer wieder aufs Neue kräftig über das Leder. „So lange bis es glänzt. Das verdichtet das Leder und macht es länger haltbar“, erklärt Hamann. Eine langwierige, fast schon meditative Arbeit, bei der er auch schon mal die Zeit vergesse – eine gute Gelegenheit, um mehr über seinen Betrieb zu erfahren.

„Wir hatten sehr gute und sehr schlimme Jahre“, erzählt Lorenz Hamann, Holzschuhmacher in der fünften Generation. Die besten lagen in der Zeit seiner Kindheit und Jugend – nach dem Zweiten Weltkrieg. Schuhe waren damals Mangelware, Leder kaum aufzutreiben, da erlebte der Holzschuh noch einmal eine Blütezeit. Der „LF36“ kam auf den Markt, benannt nach einem damals gängigen Feuerwehrfahrzeug, denn anstelle des Leders wurden für ihn zerschnittene Feuerwehrschläuche verwendet.

Mit dieser Nähmaschine arbeitet Hamann.
Mit dieser Nähmaschine arbeitet Hamann. Foto: Michael Ruff
 

Zwar brach dieser Markt mit den Wirtschaftswunderjahren ein – die Leute konnten sich zunehmend Schnürschuhe leisten. Doch es gab viele Werften im Land mit rund 40.000 Arbeitern – und die trugen alle den sogenannten Zweischnaller, einen Holzschuh mit Stahlkappe und höherem Lederschaft, der, daher der Name, mit zwei Schnallen verschlossen wurde. „146 Holzschuhmacherbetriebe gab es damals in Schleswig-Holstein“, berichtet Hamann, in dem seiner Familie waren 16 bis 20 Mitarbeiter beschäftigt. „Doch dann kam 1969 eine neue Sicherheitsverordnung, die Holzsohlen bei Arbeitsschuhen verbat – und praktisch von einem auf den anderen Tag fiel dieser Markt weg“, erinnert er sich.

Die Leute mussten entlassen werden, der Betrieb ging fast pleite und Lorenz Hamann musste umschulen. Er wurde Bankkaufmann und machte Karriere bei der Sparkasse – aber nur so lange, bis die Schulden alle abgetragen waren. Dann stieg er aus. „Verstehen Sie mich nicht falsch, die Sparkasse war ein toller Arbeitgeber“, sagt er. „Aber diese Arbeit war nicht mein Herzblut.“

Dennoch hat er viel aus dieser Zeit mitgenommen und in seinen Holzschuhbetrieb einfließen lassen – den Verkauf über das Internet etwa. 50 Prozent der Schuhe würde er dort mittlerweile vertreiben. Er hat Kunden in Los Angeles, San Franzisco, Australien. Gerade arbeitet er an einem Großauftrag, bei dem Holzschuhe mit Symbolen der Aborigines versehen werden sollen. Er punzt, also hämmert, diese Symbole, die ihm als Fax zugesendet wurden, in das Leder.

Früher hatte fast jeder Holzschuhe - heutzutage kaum mehr jemand.
Früher hatte fast jeder Holzschuhe - heutzutage kaum mehr jemand. Foto: Michael Ruff
 

Solche Arbeiten macht Hamann noch selber. Die Masse der Schuhe, aus seiner Produktion aber kommt aus einer kleinen Fabrik, die er in Dänemark betreibt. Er selbst schafft von Hand zwei Schuhe am Tag, mit der Hilfe der Maschinen bringen es seine Mitarbeiter auf sechs in der Stunde.

Der Schuh auf seinem Nagelbock ist fertig. Das Leder glänzt, keine Falte ist dort zu sehen, wo es auf die Ledersohle genagelt wurde. Zufrieden stellt Lorenz Hamann ihn zu den anderen. Er ist der letzte seiner Zunft. Aber er ist nicht der letzte, der die Tradition der Holzschuhmacherei aufrecht hält. Sein Enkel wird den Betieb und das Museum einst übernehmen; neben seiner Arbeit in einer Bank.

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erstellt am 25.Sep.2016 | 18:12 Uhr

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