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Schleswig-Holstein

23. März 2017 | 13:26 Uhr

Jugendhilfe : Hof Seeland in Rimmelsberg: Zu viele Strafen, zu oft „Nein“

vom
Aus der Onlineredaktion

Nach den Vorwürfen öffnet Hof Seeland die Türen. Und erklärt: Einen Loser-Tisch gab es nicht, Straf-Appelle vielleicht

Rimmelsberg | Die wegen erniedrigender Erziehungsmethoden kritisierte Jugendhilfeeinrichtung Rimmelsberg (Kreis Schleswig-Flensburg) hat am Donnerstag erstmals pädagogische Fehler zugegeben. „Das kann man nicht schön reden“, sagte der neue Geschäftsführer Volker Clemens zu den Vorfällen, die in der Vergangenheit lägen.

Im vergangenen Sommer hatten unter anderem Berichte von Jugendlichen über Demütigungen und Drangsalierungen durch das Personal zur Schließung des „Friesenhofes“ und zur Einrichtung eines Untersuchungsausschusses im schleswig-holsteinischen Landtag geführt. Nach den Vorwürfen über Missstände auch in anderen Jugendheimen waren Rücktrittsforderungen gegen Sozialministerin Kristin Alheit laut geworden.

Das umstrittene pädagogische Punktesystem, mit dem Kinder für schlechte Leistungen bis 2015 bestraft wurden, sei inzwischen gestoppt. „Die damalige pädagogische Leitung war überlastet, und es hat keine Kontrolle gegeben“, sagte Clemens. Es sei zu häufig Nein gesagt worden, ergänzte Christina Reddmann, seit Januar neue pädagogische Leiterin. Einen speziellen Loser-Tisch während der Mahlzeiten gab es Clemens zufolge nicht, allerdings hätten manche Kinder umgesetzt werden müssen, weil sie mit Essen geworfen hätten.

Die anderen Vorwürfe wie Strafsport oder nächtliche, quasi-militärische Appelle bestätigte das Jugendheim nicht, konnte sie aber auch nicht ausschließen.

Bei einem Rundgang für Journalisten präsentierte das Heim im Kreis Schleswig-Flensburg aufgeräumte Einzelzimmer. Rein äußerlich deutete zwischen farbig gestrichenen Wänden, Fußballplatz und Kummer-Kasten nichts auf Missstände hin. Doch insgesamt sei seit Juni 2015 sieben Mitarbeitern, darunter neben der pädagogischen Leitung und der alten Geschäftsführung gekündigt worden. Die Stellen seien alle neu besetzt und die pädagogische Leitung verstärkt worden. Mehr Kontrollen und neue Leitlinien zum Kinderschutz sollen neue Vorfälle verhindern, der Personalschlüssel werde stets erfüllt.

Gleichzeitig räumte der Inhaber der Einrichtung mit acht Häusern, Manuel Feldhues, aber auch wirtschaftliche Probleme ein. Als er 2012 das Heim übernahm, das in den 80er-Jahren von seiner Mutter gegründet worden war, habe er „einen Scherbenhaufen vorgefunden“, sagte er, ohne Details nennen zu wollen. Ein Flensburger Unternehmensberater überprüft derzeit die Lage und die Gründung einer gemeinnützigen GmbH. Auf Hof Seeland sind nach Heim-Angaben aktuell zudem nur vier von 16 Plätzen für Jungs belegt. Sechs junge Flüchtlinge habe das Jugendamt Hannover nach den Berichten über die Missstände vor zwei Wochen abgezogen.

Feldhues berichtete, dass Rimmelsberg lange Zeit als Auffangstation für straffällige Kinder und Jugendliche vor allem aus anderen Bundesländern gegolten habe, gewissermaßen als letzte Chance vor dem Gefängnis - „straffen Tagesablauf“ inklusive. Das sei inzwischen jedoch anders, man verfolge ein neues pädagogisches Konzept, auch bei der Auswahl der Kinder. Angesichts der schwierigen finanziellen Lage sei dies „wichtig, aber auch schwierig“, sagte Feldhues. Insgesamt leben aktuell 41 Kinder und Jugendliche in dem Heim mit 61 Plätzen.

Die Landespolitik diskutiert seit Monaten über Missstände in Jugendhilfeeinrichtungen im Land. Im Kieler Landtag hatte außer dem Friesenhof-Untersuchungsausschuss zuletzt auch der Sozialausschuss Quälereien in Jugendheimen thematisiert. In ihm war auch über die Erziehungsmethoden in dem Heim in Sillerup gesprochen worden. Sozialministerin Kristin Alheit (SPD) steht deswegen politisch unter Druck. Die Opposition wirft ihr vor, nicht angemessen auf die Vorfälle reagiert zu haben.

Rimmelsberg-Chef Clemens beschreibt das Verhältnis zur Heimaufsicht im Sozialministerium inzwischen als gut. „Wir fordern die Heimaufsicht auch für Beratung an“, sagte er. Seit Juli 2015 gab es nach Angaben der Heimaufsicht elf örtliche Prüfungen in verschiedenen Einrichtungen des Trägers im Kreis. Grundlage der Prüfungen seien 13 Meldungen und Beschwerden gewesen, die zwischen Juli 2015 und Anfang Mai 2016 eingegangen seien. An nennenswert viele Kontrollen vor 2015 kann sich Rimmelsberg-Inhaber Manuel Feldhues dagegen nicht erinnern.

Schleswig-Holsteins Staatssekretärin Anette Langner reagierte erleichtert auf den aktuellen Umgang der Jugendhilfeeinrichtung mit den Vorfällen. Die Aussagen der neuen Geschäftsführung zeugten von einem „deutlichen Umbruch in der Einrichtung“ und zeigten, dass „die von der Heimaufsicht eingeleitet Maßnahmen und Beratungen Wirkung zeigen“, heißt es in einer Mitteilung. Sie kündigte an: „Die Prüfungen werden fortgesetzt.“ Dabei gehe es neben pädagogischen Fragen auch um betriebswirtschaftliche Aspekte. Zudem habe es auch zwischen 2012 und 2014 Kontrollen in dem Heim gegeben.

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erstellt am 19.Mai.2016 | 16:12 Uhr

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