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Schleswig-Holstein

27. März 2017 | 22:38 Uhr

Rettungsdienste in Schleswig-Holstein : Hinter fast der Hälfte der Notrufe stecken Lappalien

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Gründe für die vermehrten Notrufe sind verschieden - nicht immer steckt pure Gedankenlosigkeit dahinter.

Kiel | Die Rettungsdienste in Schleswig-Holstein sehen sich zunehmend für Lappalien in Anspruch genommen. „Bis zu 40 Prozent der Rettungswagen-Alarmierungen müssten nicht sein“, schätzt Michael Scheffler vom Finanz- und Rechnungswesen der Rettungsdienst-Kooperation in Schleswig-Holstein (RKiSH). Diese kümmert sich um die Kreise Rendsburg-Eckernförde, Steinburg, Dithmarschen und Pinneberg.

Wer den Notruf wählt, obwohl er ihn gar nicht braucht, gefährdet damit auch andere. „Wenn ein Notfall passiert, kann es sein, dass Kapazitäten gebunden sind. Und bei einem Herzstillstand kommt es auf Sekunden an“, sagt Klaus Lindner, Vize-Chef der Rettungsleitstelle Nord.

Aus anderen Teilen des Landes kommen ähnliche Schilderungen. „Seit zwei, drei Jahren gehen die Alarmierungen ohne dringenden Hintergrund deutlich nach oben“, berichtet Klaus Lindner, Vize-Chef der für Flensburg, Schleswig-Flensburg und Nordfriesland zuständigen Rettungsleitstelle Nord. „Die Erwartungshaltung hat sich gewandelt – auch bei kleineren Wehwehchen wollen immer mehr Menschen die Hilfe sofort“, beobachtet Lindner. „Oft herrscht der Irrglaube, im Krankenhaus käme man mit leichten Fällen schneller dran, nur weil man mit dem Rettungswagen vorfährt.“

Die Experten sind sich einig: Nicht immer stecke pure Gedankenlosigkeit hinter Anrufen, für die der Rettungsdienst nicht gedacht ist. Teils wüssten sich die Menschen einfach nicht anders zu helfen. „Es gibt immer mehr Hochbetagte, die allein leben“, gibt Michael Krohn, Sprecher der Rettungsleitstelle Kiel, zu bedenken. „Da fehlt zunehmend der Familienverband oder eine intakte Nachbarschaft.“

Die Tendenz zu Lappalien führen die Leitstellen auch auf die Zentralisierung des ärztlichen Notdienstes abends und am Wochenende über ein Callcenter und Anlaufpraxen in Krankenhäusern zurück. „Dem ist durchaus ein gewisser Teil geschuldet“, sagt Lindner. Anders als früher könnten Patienten zu Randzeiten ihren Arzt nicht mehr erreichen. Krohn registriert, dass auch lange Wartezeiten auf einen Termin beim Facharzt den Drang erhöhen, die 112 zu wählen.

Die RKiSH hat in einer Studie mit der Fachhochschule Kiel festgestellt, dass die demografische Entwicklung erst der zweitwichtigste Grund für das steigende Anrufe-Aufkommen sei. Die größere Rolle spielten organisatorische Veränderungen wie etwa bei niedergelassenen Ärzten und Kliniken sowie soziale Faktoren wie das erhöhte Anspruchsdenken. Letzteres macht Stephan Bandlow, Abteilungsleiter der Rettungsleitstelle Elmshorn, gerade an jungen Anrufern fest: „Die Erwartung ist dieselbe wie beim Pizza-Dienst – dass ohne weitere Nachfrage geliefert wird.“

Dabei verursacht der Einsatz eines Rettungswagens Kosten von 690 Euro. Nach einer Abfrage des Verbands der Ersatzkassen (VdEK) bei Kreisen und Städten ist der Rettungsdienst im vorigen Jahr in Schleswig-Holstein 550.000 Mal alarmiert worden. Abgerechnet wurden 456.000 Fahrten. Der VdEK wertet dies als Indiz dafür, dass beim größten Teil der Differenz im Nachhinein kein Notfall vorlag.

Allerdings betonten alle Gesprächspartner: Damit ernste Fälle nicht aus falsch verstandener Zurückhaltung unter den Tisch fallen: Im Zweifelsfall doch lieber einmal mehr die 112 anrufen!

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erstellt am 27.Dez.2016 | 13:31 Uhr

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