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Schleswig-Holstein

30. Mai 2016 | 18:24 Uhr

29. Februar 1952 : Helgoland – Der letzte Tag unter britischer Herrschaft

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Ein Blick in die Geschichte Schleswig-Holsteins und ein Schaltjahr mit historischer Bedeutung für den Roten Felsen.

Morgen feiert Helgoland. Vor genau 64 Jahren, am 1. März 1952, wurde der Rote Felsen von den Briten an Deutschland zurückgegeben. Warum also ausgerechnet sich mit dem heutigen 29. Februar befassen? Vielleicht, weil er nur alle vier Jahre vorkommt – und weil der 29. Februar 1952 ausgerechnet auch der Vortag der Freigabe Helgolands war.

Wer nachforscht, stößt zunächst einmal auf Trostlosigkeit. Die Siedlung auf dem Roten Felsen war an jenem 29. Februar durch die britischen Bombardements und Sprengungen der ehemaligen Nazi-Bunker durch die Engländer völlig zerstört, Ober- und Unterland waren verwüstet und leer. Es herrschte typisches Spätwinterwetter: Es war regnerisch, diesig, ein paar Grad Celsius über Null – und es gab null Sonnenstunden.

Das Betreten der Insel vor der offiziellen Freigabe Helgolands war bei Strafe verboten – und lebensgefährlich. Nach dem Zweiten Weltkrieg starteten die Briten zu massiven Test-Bombardements. „Noch vom 26. bis 28. Februar waren Bombardements angekündigt“, berichtet Kapitän Erich-Nummel Krüss (84), Genealoge am Helgoland Museum. Der damals junge Hummerfischer Krüss sowie seine Eltern lebten vor der Freigabe in Otterndorf bei Cuxhaven. Wie alle Helgoländer, musste die Familie die Insel nach dem schweren Bombenangriff vom 18. April 1945 verlassen. Das letzte vorhergesagte Test-Bombardement Ende Februar 1952 blieb jedoch überraschenderweise aus, sagt Krüss.

So herrschte dann doch plötzlich ein wenig Leben auf der Insel – und zwar am 29. Februar. „Es mussten ja ein paar Leute rüber, eine Fläche herrichten für die Übergabe-Zeremonie“, sagt Jörg Andres, Leiter des Museum Helgoland. Nach Informationen aus dem Museum war das Anlandgehen über „die zerfetzten Steinbrocken“ am zerstörten Südhafen beschwerlich, ja halsbrecherisch. „Dies wurde den überglücklichen Heimkehrern aber gar nicht recht bewußt“, heißt es. Und weiter: „Schon am Vortag der offiziellen Freigabe der Insel, am 29. Februar im Schaltjahr 1952, begann die Einschiffung auf dem vom Kreisbauamt Pinneberg gecharterten Seenotkreuzer ‚Hindenburg‘, der am Vormittag die Leinen in Cuxhaven loswarf. (...) Am Nachmittag erreichte man die zerstörte Insel.“

Den Quellen nach zu urteilen, waren die Helgoländer – verständlicherweise – ungeduldig, nach sieben Jahren Festlands-Exil endlich wieder ihre Heimatinsel zu betreten. So schildert Michael Herms, Autor des 2002 erschienenen Buches „Flaggenwechsel auf Helgoland“, dass noch vor der Ankunft der Prominenz zum Übernahme-Festakt „bereits am frühen Freitagmorgen von Büsum, Tönning und Brunsbüttelkoog sowie von Cuxhaven und Hamburg aus ein ‚wahrer Wettlauf nach Helgoland‘“ einsetzte. In demselben Buch heißt es: „Das Rennen aber machte Jann Arian Jansen, mit 81 Jahren der älteste Helgoländer Hummerfischer, seit sieben Jahren gezwungenermaßen in Cuxhaven lebend. Er betrat Helgoland bereits in der Nacht, hißte die Grün-Rot-Weiße Fahne und begrüßte am Samstag die 57 offiziellen Gäste, die zum Festakt gekommen waren: Ministerpräsident Friedrich Wilhelm Lübke. Mitglieder der Landesregierung, Referenten aus den Bundesministerien des Innern, Verkehr und dem Auswärtigen Amt sowie vom Presse- und Informationsamt.“

Was bedeuten könnte, dass Jansen bereits in der Nacht zum 29. Februar 1952 die Insel erreicht hatte – und dann einen Tag später, am Sonnabend, 1. März, die offiziellen Festaktsgäste begrüßte.

Erich-Nummel Krüss allerdings bezweifelt den Passus im Buch: „Jann Arian Jansen war doch schon damals alt – ich kann mir nicht vorstellen, dass er das Rennen gemacht hatte.“ Sämtliche Einzelheiten der Recherche seien ihm zwar nicht mehr präsent, sagt dazu der inzwischen 60-jährige Buchautor Herms, der heute Regionalbüroleiter der Rosa Luxemburg Stiftung Mecklenburg Vorpommern ist. Er betont aber auch: „Es gibt aber für alles schriftliche Quellen.“

Diese aufzustöbern sei jedoch nach wie vor schwierig, findet Hartmut Luedtke aus Pinneberg. Der 54-jährige Helgoland-Fan befasst sich eingehend auf seiner privaten Homepage mit allen Facetten des Roten Felsens in der Nordsee. Unter anderem hat er auch eine Chronik von Helgoland ins Internet gestellt – von der erdgeschichtlichen Entstehung bis hin zur Gegenwart. „Gerade die Zeit rund um die Übergabe Helgolands an Deutschland ist nur spärlich dokumentiert“, meint Luedtke.

Wie auch immer: Beim Museum Helgoland ist auch das Ende des legendären Vorabends der Insel-Freigabe dokumentiert: „Um Mitternacht loderte auf dem Oberland schlagartig ein Feuer auf, das eine Helgoländer Flagge aus der Dunkelheit hervorhob. Ein bewegendes phantastisches Bild.“

Längst wird auf Helgoland stets der Vorabend mit einem besonderen Mitternachts-Gottesdienst in der Evangelischen Kirche St.  Nicolai begangen – so auch heute, Beginn ist um 23.15 Uhr. „In diesem Gedenkgottesdienst kommen stets Zeitzeugen zu Wort, sie berichten von damals oder lesen etwas vor“, sagt Klaus Furtmeier, Tourismusdirektor des Nordseeheilbades Helgoland. „Der Gottesdienst ist immer sehr stimmungsvoll, da kommt schon mal ein Gänsehautgefühl hoch.“

Helgoland – Stöbern im Internet

Das Museum Helgoland:

> www.museum-helgoland.de

Die Familienforschung von Kapitän Erich-Nummel Krüss:

> www.helgoland-genealogie.info/

Die Privathomepage von Hartmut Luedtke:

> www.welkoam-iip-lunn.de/index.htm

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erstellt am 29.Feb.2016 | 19:12 Uhr

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