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Schleswig-Holstein

22. Januar 2017 | 15:17 Uhr

Organspende : Gunda Heese und ihr Wunder vom normalen Leben

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Vor fünf Jahren bekam Gunda Heese aus Schenefeld eine neue Lunge – und will damit 80 Jahre alt werden.

Als es ernst wird, stellt sich Gunda Heese eine banale Frage: „Werde ich diese blöden Lichter wiedersehen?“ Es sind die Lichter, die sie von einer Trage aus sieht, auf der sie in den Operationssaal in Hamburg-Eppendorf geschoben wird, an jenem 17. November vor fünf Jahren. Dem Tag, der für Gunda Heese zum zweiten Geburtstag werden sollte.

Es ist der Tag, an dem die Mutter von zwei kleinen Kindern aus Schenefeld (Kreis Steinburg) wegen ihres durch Lungenhochdrucks geschädigten Organs eine neue Lunge bekommt – in einer sechsstündigen Operation. „50:50 standen die Chancen, dass ich den Eingriff überlebe“, sagt die heute 36-Jährige. Obwohl sie das auch damals weiß, wird ihr erst auf dem Weg in den Operationssaal klar, dass die „blöden“ Lichter vielleicht das letzte sind, was sie sieht. Doch sie weiß auch, dass eine Lungentransplantation das einzige ist, was ihr Leben retten kann. Denn nach mehrjähriger Leidenszeit und einem akuten Zusammenbruch liegt sie schon seit Wochen im Krankenhaus und wartet auf ein Spenderorgan. „Ich habe es lange nicht wahrhaben wollen, dass ich eine neue Lunge brauche, aber am Ende habe ich kaum mehr etwas machen können, selbst Duschen war Höchstleistungssport.“

Die Luft reicht: Gunda Heese konnte sich dank eines neuen Organs einen Jugendtraum erfüllen und spielt jetzt Klarinette im Feuerwehrmusikzug.
Die Luft reicht: Gunda Heese konnte sich dank eines neuen Organs einen Jugendtraum erfüllen und spielt jetzt Klarinette im Feuerwehrmusikzug. Foto: Kay Müller
 

Die alltäglichen Arbeiten müssen ihr damaliger Mann und die restliche Familie übernehmen. Gunda Heese erzählt das lachend, aber lustig ist die Zeit damals nicht. Als sie sich im September 2011 zu Hause von ihren damals vier und fünf Jahre alten Töchtern ins Krankenhaus verabschiedet, sagt sie: „Alles wird gut, ich bin Weihnachten wieder zu Hause.“ Zunächst ist es nur eine Hoffnung. „Doch als das Spenderorgan da war und die Operation bevorstand, habe ich kurz gerechnet und gewusst, dass ich es schaffen werde“, sagt Gunda Heese heute. Und wirklich: Am 22. Dezember wird sie nach Krankenhaus und Reha-Aufenthalt entlassen. Und als sie ein paar Tage später mit ihren Kindern rodeln geht, weiß sie: „Ich bin wieder gesund.“ Direkt nach der Operation sei es ihr besser gegangen. „Ich bin dankbar für mein neues Leben“, sagt Gunda Heese. Und die gespendete Lunge? „Für mich ist sie wie meine eigene – nur dass sie besser funktioniert.“

Gunda Heese ist sicher, dass sie überlebt hat, weil sie eine „unverbesserliche Optimistin“ ist. Warum, das erzählt sie anhand einer kleinen Geschichte, von der ihr ein Arzt kurz vor der Operation berichtet. „Er hat zwei andere Patienten behandelt: Bei einer Frau stimmten alle Werte, das Spenderorgan passte perfekt, aber sie war immer pessimistisch. Die andere hatte geringere Aussichten auf ein Spenderorgan, dann passte wenig zusammen, aber sie war optimistisch – und hat überlebt. Die andere Frau ist gestorben.“

Gunda Heese überlebt, obwohl ihre Spenderlunge von einem Krankenhauskeim befallen ist. Und sie übersteht eine Abstoßungsreaktion: 2013 bekommt sie plötzlich wieder Luftnot, genau wie in den Jahren nach den Schwangerschaften als ihre Krankheit sich immer mehr verschlimmert hat. „Ich dachte, jetzt geht alles wieder von vorne los.“ Kein Medikament hilft, die Ärzte probieren eine Photopherese aus, bei der Blutkörperchen mit Medikamenten versehen werden, die über UV-Licht aktiviert werden. „Vielen Menschen hilft das nicht, aber mir hat es geholfen“, sagt Gunda Heese. Die Abstoßungsreaktion wird gestoppt, eine weitere Transplantation ist nicht nötig – vorerst. „Man sagt, dass man im Schnitt sieben Jahre mit einer neuen Lunge lebt“, sagt Gunda Heese. „Aber in der Statistik sind natürlich auch die dabei, die kurz nach der Operation sterben.“

Seit zwei Jahren geht es Gunda Heese gut, sie kann Sport treiben, ein fast normales Leben führen. Doch sie weiß, dass sie vermutlich noch einmal ein Spenderorgan brauchen wird. Schon deshalb beobachtet sie die weiter sinkenden Zahlen der Organspenden mit Sorge. Sie plädiert dafür, dass auch in Deutschland gilt, was in anderen Ländern Gesetz ist: „Alle Menschen sollten automatisch potenzielle Organspender sein. Wer das nicht möchte – was ich verstehen kann – muss sich dann aktiv dagegen entscheiden.“ Für Gunda Heese kann von einer solchen Entscheidung ihr Überleben abhängen und ob sie ihr Ziel erreicht, das sie heute noch genau so wie vor fünf Jahren hat, als sie unter den „blöden Lichtern“ in den Operationsaal geschoben worden ist: „Ich möchte sehen, wie meine Kinder aufwachsen.“ Nach zwei guten Jahren ist sie zuversichtlich, dass sie das schaffen wird. Zeit für die Optimistin, einen weiteren Wunsch zu äußern. „Ich möchte 80 Jahre alt werden.“

Weitere Informationen und Hilfe für Betroffene und Angehörige unter: www.bdo-ev.de.

Leitartikel: Jeder sollte Organspender sein

Die meisten finden es gut. 81 Prozent der Deutschen unterstützen nach einer Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung die Organspende. Über 70 Prozent wollen sogar spenden. Doch nur 36 Prozent der Menschen haben ihre Entscheidung auch schriftlich dokumentiert, so dass sie mit ihren Organen im Ernstfall Menschenleben retten können. Und die Zahl der Organspender sinkt weiter.

Die Reaktionen der Politik sind dabei immer gleich. Es wird von Aufklärung gesprochen, dass man die Menschen informieren, nach dem Skandal vor einigen Jahren Vertrauen zurückgewinnen müsse. All das stimmt – aber es reicht nicht. Denn Skandal hin oder her, die Zahl der Organspenden ist seit Jahren zu gering. Jedes Jahr sterben viele Menschen, weil sie kein Spenderorgan von anderen Menschen bekommen, die das eigentlich gewollt hätten – es aber zu Lebzeiten leider niemandem mitgeteilt haben.

In anderen Ländern gibt es deshalb bessere Regelungen – wie etwa in Österreich. Dort ist jeder automatisch Organspender, der nicht explizit zu Lebzeiten dagegen Einspruch einlegt – das gilt übrigens auch für Urlauber. Das hat Folgen: Deutschland hat zwar zehnmal so viele Einwohner wie Österreich, aber nicht einmal fünfmal so viele transplantierte Organe.

Nun gibt es genügend Gründe, warum jemand persönlich eine Organspende ablehnt – und die meisten davon sind nachvollziehbar. Es bleibt eine Entscheidung, die jeder selbst und mit seiner Familie treffen muss. Und jeder sollte in dieser Entscheidung frei bleiben.

Doch wenn eine überwältigende Mehrheit für Organspenden ist, ist es sinnvoller, deren Einverständnis zur Spende automatisch vorauszusetzen. Das sollten die Politiker mit einem Gesetz regeln. Die über 10.000 Menschen, die in Deutschland auf ein Spenderorgan warten, würden es ihnen danken.

 
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erstellt am 04.Nov.2016 | 17:33 Uhr

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