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Sachbeschädigung in SH : Graffiti: Die Sprayer sind im Land los

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Zahl der illegalen Graffiti ist in den vergangenen Jahren um zehn Prozent gestiegen. Das ist keine Bagatelle.

Ob auf Straßen, an Mehrfamilienhäusern, Bahnhöfen oder Schulen – immer mehr illegale Graffiti verunstalten Schleswig-Holstein. Nach zuvor tendenziell absinkenden Zahlen bei dieser Art von Sachbeschädigung gab es von 2013 bis 2015 wieder eine Zunahme der landesweit pro Jahr registrierten Fälle von 3799 auf 4168 – umgerechnet ein Anstieg um rund zehn Prozent, wie aus der aktuellen Kriminalstatistik der Polizei hervorgeht.

Besonders stark ist die Deutsche Bahn betroffen. Allein im vergangenen Jahr habe es in Schleswig-Holstein 550 illegale Graffiti an deren Fahrzeugen und Gebäuden sowie Brücken gegeben, berichtet Sprecher Egbert Meyer-Lovis. „Diese Art von Vandalismus ist eine große Herausforderung für uns. Die dadurch verursachten Kosten liegen bundesweit jährlich bei rund acht Millionen Euro.“

Drei Fachkräfte brauchen einen Arbeitstag zur Beseitigung eines Graffito

Erst kürzlich habe man innerhalb weniger Tage drei Fälle bearbeitet, berichtet Hanspeter Schwartz, Sprecher der Bundespolizeiinspektion Flensburg, die für die Sicherheit im Bahnverkehr zuständig ist. „In Bredstedt wurde die Bahnhofshalle beschmiert, auf der Bahnstrecke Neumünster – Büsum drei Trafohäuschen verunstaltet und in Flensburg ein Triebwagen auf rund 15 Quadratmetern besprüht (Foto). Als wir dort morgens um 4.30 Uhr ankamen, war die Farbe sogar noch feucht, die Nahbereichsfahndung verlief allerdings negativ“, berichtet Schwartz. In der Regel seien es zwischenzeitlich abgestellte Reisezüge, die von den Sprayern beschmiert würden, was dann später durch Bahnpersonal gemeldet werde. „Beweissicherung vor Ort, Zeugenbefragungen und weitere Ermittlungen erfordern sehr viel Zeitaufwand.“

Für die komplizierte und durch Verwendung von Chemikalien umweltbelastende Beseitigung eines Graffito von einem Nahverkehrstriebwagen würden drei spezialisierte Fachkräfte einen ganzen Arbeitstag aufwenden müssen, sagt Egbert Meyer-Lovis. Dazu käme der Ausfall des Fahrzeugs. „Die Neulackierung eines Triebwagens kostet 20.000 Euro. Wir würden all das Geld gern sinnvoller einsetzen.“ Manchmal verwende man mittlerweile spezielle Lackierungen, sogenannte Opferlacke. „Die können dann vergleichsweise einfach abgelöst und wieder neu aufgebracht werden.“

Wird Wohneigentum durch ein Graffito beschmiert, sofort Anzeige erstatten und nach Aufnahme durch die Polizei so schnell wie möglich die Schmierereien beseitigen – das rät Alexander Blazek, Vorsitzender des Eigentümerverbands „Haus und Grund“ in Schleswig-Holstein. „Die Erfahrung zeigt, dass sonst schnell weitere Graffiti hinzukommen. Auch betroffene Nachbarn sollten bei Nichtbeseitigung besser bald angesprochen und auf dieses Problem hingewiesen werden.“ Manche Gebäude-Versicherungen würden die mitunter hohen Kosten erstatten, es lohne sich, diesbezüglich Erkundigungen einzuholen. Die Installation von Kameras könne ebenfalls helfen, allerdings berge dies unter Umständen datenschutzrechtliche Probleme, wenn dabei öffentlicher Raum gefilmt werde.

Auf die Prävention kommt es an

Nur 19 Prozent der Fälle konnten laut Kriminalstatistik bei den illegalen Graffiti im vergangenen Jahr aufgeklärt werden. „Ermittlungen bei Graffiti-Delikten sind aufwändig, da die Täter häufig Dunkelheit und Abgeschiedenheit nutzen, sie also nur schwer wiedererkannt werden können und häufig kein Bezug zum Geschädigten besteht“, sagt Torge Stelck, Sprecher vom Landespolizeiamt. Umso wichtiger sei es daher, Tatzusammenhänge – beispielsweise über die am Tatort hinterlassenen „Tags“ (Erkennungszeichen) – zu rekonstruieren und illegalen Sprayern so auch weit zurückliegende Taten zuordnen zu können. Damit die Polizei schnell und konsequent bei Taten reagieren könne, sei man besonders auf Hinweise aus der Bevölkerung angewiesen. „Sind Sprayer am Werk, bitte sofort 110 rufen.“

Graffiti-Delikte lägen als jugendtypische Delikte besonders im Fokus der zielgruppenorientierten Kriminalprävention. „In den 5. und 7. Klassen erläutern die Präventionsbeamten umfassend das Thema“ sagt Stelck. „Sie machen deutlich, dass Graffiti-Schmierereien eben keine Bagatelle, sondern Straftaten sind, die neben den Straffolgen mit erheblichen Schadenersatzansprüchen einhergehen können.“

Prävention zählt, darüber ist man sich auch in den Fraktionen des Kieler Landtags einig. „Hier muss allerdings noch mehr gemacht werden“, fordert der Vorsitzende der CDU-Landtagsfraktion, Daniel Günther. „Darüber hinaus bin ich dafür, die Bagatellgrenze niedriger anzusetzen." Für keine gute Idee hält dies Ekkehard Klug, innenpolitischer Sprecher der FDP-Fraktion: „Es ist äußerst fraglich, ob höhere Strafen auf Sprayer abschreckend wirken.“ Dies sieht auch SPD-Fraktionschef Ralf Stegner so. Man müsse die Fälle zudem individuell betrachten: „Geht es um die Fassade eines Wohnhauses oder um die eines verlassenen Industriegebäudes?“

Für die Piraten ist Graffiti ein Ausdruck der Jugendkultur, dies müsse entsprechend gefördert werden. „Dafür benötigen wir mehr entsprechende Flächen anstatt weiterer Kriminalisierung“, fordert deshalb Sven Krumbeck, jugendpolitischer Sprecher der Fraktion. Auch Alexander Blazek von „Haus und Grund“ sieht durchaus einen Unterschied zwischen illegal hingeschmierten Tags und bunten Graffiti-Kunstwerken in passender Umgebung. „Es gibt doch bereits einige Beispiele von Kommunen, die gezielt Flächen zur Verfügung stellen, auf denen Graffiti-Künstler kreativ werden können. So kann es funktionieren.“

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erstellt am 10.Sep.2016 | 18:48 Uhr

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