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Gedenktafeln in Kiel : Glanz gegen das Vergessen: Warum ein Kieler Stolpersteine poliert

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

225 Stolpersteine erinnern in Kiel an Opfer des NS-Regimes. Jörg Brüggemann putzt sie - in seiner Freizeit.

Kiel | Jeder Stolperstein ist einem Menschen gewidmet, der durch das NS-Regime gewaltsam zu Tode kam. Auf den etwa zehn mal zehn Zentimeter großen Stolpersteinen sind kleine Messingplatten mit den Namen und Lebensdaten von NS-Opfern angebracht. Sie werden vor dem letzten bekannten und frei gewählten Wohnort in das Pflaster des Gehweges eingelassen. Für Gunther Demnig, der gerade in Katalonien 36 neue Stolpersteine verlegt, machten die Kieler Steine die „Erinnerung an die Menschen lebendig, die einst hier wohnten.“ Was Jörg Brüggemann mit ihnen macht? Er putzt sie. Gibt den mit Messingplatten besetzten Pflastersteinen den Glanz zurück, den sie durch Staub und Schmutz im Laufe der Zeit verloren haben.

225 solcher Steine gibt es in Kiel, ihre Standorte sind auf einer Straßenkarte verzeichnet. Auf diese Weise weiß Brüggemann immer, wo er suchen muss. „Ich gucke auf meine Karte, setze mir einen Punkt und fahre mit dem Fahrrad los.“ Angekommen nutzt er sein Equipment aus Messingpolitur, feiner Stahlwolle, Schwämmen und Bürsten, um die Steine wieder auf Hochglanz zu polieren.

Für Jörg Brüggemann (37) aus Kiel ist das Reinigen der Stolpersteine Hobby und sinnvolles Projekt zugleich.
Für Jörg Brüggemann (37) aus Kiel ist das Reinigen der Stolpersteine Hobby und sinnvolles Projekt zugleich. Foto: Markus Gragert
 

Für ihn sei das Ansteuern der Stolpersteine mit dem Fahrrad eine gute Mischung aus Bewegung und sinnvollem Projekt. Man wäre draußen an der frischen Luft und habe so immer einen kleinen zusätzlichen Ansporn für die nächste Tour, findet er. Inzwischen hat er über 30 der 225 Stolpersteine gereinigt.

Jörg Brüggemann empfindet die Steine als intelligente Form des Gedenkens: „Wer will, kann stehen bleiben.“ Ihm gefallen vor allem der lokale Bezug und die Nähe, die durch die Steine erzeugt werden: „Es ist mitten unter uns passiert, und viele Leute haben nichts getan.“

Zuerst nur für sich und interessierte Freunde, seit einiger Zeit auch öffentlich, hat Jörg Brüggemann einen Blog erstellt, um auf das Thema aufmerksam zu machen (über diesen Link geht es dorthin). Für ihn als studierten Medienproduzenten war der Blog eine gute Möglichkeit, um sein Anliegen zu präsentieren: „Ich hatte Freunden davon erzählt, die dann Fotos sehen wollten.“

Also entschloss er sich, den Blog „Glanz klein wenig“ zu erstellen, auf dem er den Fortschritt seiner Touren mit Bildern der geputzten Steine dokumentierte: Jeder kann sich dort einen Eindruck über den Zustand der Kieler Stolpersteine machen. Er hofft, damit auch andere zur Pflege der Kieler Steine zu animieren.

Gunter Demnig ist von der Aktion begeistert. Sie sei ein „tolles Engagement“ und bringe Anteilnahme zum Ausdruck. Jörg Brüggemann macht aber auch klar, dass es ihm nicht um Lob und Zuspruch gehe. Aber er freut sich, wenn sein Sportprogramm Aufmerksamkeit auf die Sache lenkt: Die Pflege und Instandhaltung der Stolpersteine in Kiel.

Da liegt nämlich das Problem: Jörg Brüggemann meint, es sei schade, dass viele der Steine in Kiel offensichtlich selten gereinigt werden. Es gäbe zwar Patenschaften für die Pflege der Steine, aber dennoch bleiben manche Steine jahrelang ohne Glanz. Er hat beim Putzen der Steine darüber nachgedacht, ob man nicht mit moderner Technik helfen könnte. Denkbar wäre eine App, in der die Steine abonniert werden können und jeder Nutzer sich so „seinen“ Stein zur Pflege heraussuchen könnte.

Zur Info für andere Bereitwillige wäre es denkbar, dass jeder Freiwillige nach dem Putzen ein Foto des sauberen Steines mit Datum einstellt. Dadurch wird kommuniziert, an welchen Punkten Putzbedarf ist und an welchen nicht. Eine Einbettung in die bereits vorhandene App „Stolpersteine Kiel“, in der alle Steine Kiels eingezeichnet und mit Infos versehen sind, wäre dafür naheliegend.

Wie das Problem letztendlich auch gelöst werden sollte, Jörg Brüggemann wird weiterhin mit dem Fahrrad losfahren und für ein ganz klein wenig mehr Glanz auf Kiels Bürgersteigen sorgen. Und vielleicht findet er ja in Zukunft hin und wieder schon einen polierten Stein vor.

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erstellt am 13.Mär.2017 | 10:31 Uhr

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