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Schleswig-Holstein

11. Dezember 2016 | 07:22 Uhr

Edeka-Kaiser’s Tengelmann : Geplatzte Tengelmann-Übernahme: So reagiert SH

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Landwirte im Norden atmen auf. Sie fürchteten eine zu starke Marktkonzentration durch die Fusion.

Kiel | Am Tag danach ist man in Neumünster ganz entspannt. Die am Dienstag per Gerichtsbeschluss des OLG Düsseldorfs verfügte Stopp der Tengelmann-Übernahme hat auf die Edeka-Nord „keine direkte Auswirkungen, denn im Norden gibt es keine Tengelmann-Filialen“, erklärt Konzernsprecher Max Sachau in der Schwalestadt. Von dort aus werden die 720 Edeka-Märkte in Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und Nord-Niedersachsen gemanagt. Rund 80 Prozent werden von selbstständigen Kaufleuten betrieben. Der Rest sind sogenannte Regiebetriebe.

Kaiser's Tengelmann schreibt seit Jahren rote Zahlen. Die Eigentümer wolllen den Konzern verkaufen. Zur Sicherung „kollektiver Arbeitnehmerrechte“ hatte sich Sigmar Gabriel per Ministerbeschluss über das Fusionsverbot des Bundeskartellamtes hinweg gesetzt. Doch ein Zusammenschluss hätte unangenehme Folgen für die Produzenten. Der neue Riese im Lebensmittelgeschäft könnte die Preise weiter drücken.

Auch wenn es hierzulande keine Tengelmann-Filialen gibt – mit der Fusion hat auch die nördlichste der sieben Edeka-Regionaldirektionen Erfahrung gesammelt: 2006 wurden die Kaisers Verbrauchermärkte und die „Spar“-Geschäfte übernommen, 2008 folgte dann die Integration der „Marktkauf“-Verbrauchermärkte in die Edeka Nord Organisation.

Das Oberlandesgericht Düsseldorf hatte die von Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel erteilte Ausnahmegenehmigung für die Fusion von Deutschlands Nummer eins im Lebensmitteleinzelhandel mit der angeschlagenen Nummer sieben im Eilverfahren als rechtswidrig gewertet. Begründung: Gabriel sei befangen gewesen.

Einen starken Mitstreiter für die Megafusion hatte der Minister, der am Mittwoch wegen der bundesweiten Resonanz auf das Urteil seinen Amrum-Urlaub abbrach, in den Gewerkschaften gefunden. Verdi sah die Interessen der knapp 16.000 Mitarbeiter bei Tengelmann im straff organisierten Edeka-Handelsimperium mit insgesamt 12.000 Verkaufsstellen gut gewahrt. Vertreter von Verdi Nord hielten sich gestern bei der Ministerschelte entsprechend zurück. „Edeka-Nord hat damit überhaupt nichts zu tun“, betonte Sprecher Matthias Baumgart.

Nicht nur entspannt sondern auch höchst zufrieden ist man hingegen beim Bauernverband in Rendsburg. „Wir begrüßen, dass das Gericht das nicht nachvollziehbare Hinwegsetzen von Minister Gabriel über die Entscheidung der Fachbehörde vorerst aufgehalten hat“, erklärte Bauernverbands-Geschäftsführer Stephan Gersteuer. Das Bundeskartellamt habe zurecht festgestellt, dass mit dem Zusammenschluss die Marktmacht im Lebensmitteleinzelhandel zu stark konzentriert wäre. „Dies erleben die Meiereigenossenschaften jetzt schon“, so Gersteuer.

Damit liegt der Bauern-Chef auf einer Linie mit Kartellamtschef Andreas Mundt. Der hatte sich auch deshalb gegen die Fusion ausgesprochen, weil die Marktmacht der Händler gegenüber den Rohstofferzeugern durch die Fusion zu groß werde. Die Erzeuger von Obst, Gemüse, Fleisch oder Milch hätten kaum Möglichkeiten, ihr Produkt zu veredeln oder eine Marke zu entwickeln. Zudem weisen Experten daraufhin, dass Milch keine hohe Kundentreue genieße, oft sei der Preis das entscheidende Kaufkriterium.

Erleichtert reagieren deshalb auch Schleswig-Holsteins Milchbauern auf das Urteil. „Bei uns herrschte völliges Unverständnis für das, was Gabriel gemacht hat“, erklärt Kirsten Wosnitza vom Landesverband der Milchviehhalter. Die Marktmacht wäre durch die Übernahme der 520 Tengelmann-Filialen nur noch weiter gewachsen, „und solche Konzentrationen sind für gar nichts gut“.

Schon jetzt stehen Edeka, Rewe, Aldi sowie die Schwarz-Gruppe mit den Lidl-Märkten und Kaufland für rund 85 Prozent des gesamten Lebensmittel-Einzelhandels, dessen Gesamt-Umsatz 2015 rund 160 Milliarden Euro betrug. Die Konzerne haben gegenüber kleineren Konkurrenten deutliche Vorteile beim Einkauf, denn große Verbünde können die Preise stärker drücken.

Milchbäuerin Wosnitza betont jedoch, dass es nicht nur um den Preiskampf bei der Milch gehe, „sondern auch um Vielfalt und Qualität“. Der Kostendruck durch die mächtigen Handelsunternehmen bleibe nämlich nicht ohne Wirkung auf die Produktion und bildet sich nach Ansicht von Verbraucherschützern etwa in der Massentierhaltung ab. Deren Statement war gestern deshalb auch eindeutig: „Die Übernahme vermindert den Wettbewerb. Die große Marktmacht von Edeka kann zu höherem Druck auf Hersteller und dadurch auch möglicherweise zu Qualitätseinbußen bei den Produkten im Supermarktregal führen“, erklärte Gudrun Köster von der Verbraucherzentrale in Kiel. Kartellamt und Monopolkommission hätten „eine wohlabgewogene Empfehlung“ abgegeben: Ein klares Nein zur Fusion. „Die Ministererlaubnis war deshalb ein Fehler.“ Wohl wahr: Nahezu jeder vierte Euro beim Lebensmitteleinkauf landet schon jetzt in einer Edeka- oder Netto-Filiale.

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erstellt am 14.Jul.2016 | 11:12 Uhr

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