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Schleswig-Holstein

10. Dezember 2016 | 04:09 Uhr

Kreis Dithmarschen : Geflügelpest: Massenkeulung in Gänsezucht-Betrieben hat begonnen

vom

Insgesamt 3800 Gänse müssen getötet werden. Betroffen sind zwei Ställe eines Betriebs.

Gudendorf/Kiel | Nach Ausbruch der Vogelgrippe in Gänsezucht-Betrieben in Schleswig-Holstein ist am Dienstag mit der Massenkeulung begonnen worden. Zunächst sollen 2000 Tiere in einem Betrieb in Gudendorf im Kreis Dithmarschen getötet werden. Rund 1800 Gänse im zehn Kilometer entfernten Eddelak sollen voraussichtlich am Mittwoch gekeult werden, teilte der Kreis mit.

Beide Ställen gehören zu dem Betrieb Dithmarscher Geflügel GmbH. Dort wurde die niedrigpathogene Aviäre Influenza des Subtyps H5 festgestellt. Das ergaben Analysen des Friedrich-Loeffler-Instituts im vorpommerschen Greifswald.

Zunächst war davon die Rede gewesen, dass 8800 Tiere getötet werden müssten. „Bei einem dritten Betrieb desselben Inhabers konnte indes kein Influenza H5-Virus nachgewiesen werden“, teilte der Kreis Dithmarschen mit. „Nach gründlicher Untersuchung mit negativem Ergebnis und einer Risikobewertung müssen diese 5000 Tiere nicht getötet werden“, sagte Dithmarschens Landrat Jörn Klimant.

Mit der Tötung der insgesamt 3800 Gänsen soll verhindert werden, dass die Viren des Subtyps H5 in dem Geflügel spontan zu einer hochpathogenen Form mutieren und sich weiterverbreiten, sagte Landwirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne). „Das ist angesichts der landes- und bundesweiten Ausbreitung der hochpathogenen Aviären Influenza des Subtyps H5N8 umso dringlicher.“ Die Gänse würden von einer bundesweit tätigen Spezialfirma in einem tierschutzgerechten Verfahren getötet, hieß es.

Für die Geflügelzüchter ist es „eine bedrückende Vorstellung, dass die Tiere gekeult werden müssen“, wie der Senior-Chef des Unternehmens Dithmarscher Geflügel GmbH, Jens Eskildsen sagte.

Grundsätzlich sei das Schlachten das Los eines jeden Haustieres. „Wir töten es nur, um das Fleisch essen zu können“, erklärte Geschäftsführer Karl-Heinz Heller. Anders sei es beim Keulen: Obwohl die Gänse genauso tierschutzgerecht getötet werden, fehle dieser „Respekt vor den Tieren“, erklärte Heller. „Das Tier wird nicht mit dem Ziel getötet, das Fleisch zu nutzen, sondern nur wegen der Vogelgrippe: Der Tierkörper wird vernichtet.“

Wo genau im Norden die Geflügelpest schon aufgetreten ist, zeigt unsere Karte (kein Anspruch auf Vollständigkeit):

 

Weitere wichtige Fragen und Antworten zum Thema gibt es hier:

Ist die Vogelgrippe für den Menschen gefährlich?

Das hängt vom Erreger ab. Zudem hatten die meisten der an Influenza erkrankten Menschen engen Kontakt zu krankem oder verendetem Geflügel. Mediziner gehen davon aus, dass Säugetiere und Menschen sehr große Virusmengen aufnehmen müssen, um sich zu infizieren.

Am hochpathogenen Erreger H5N1 erkrankten laut Weltgesundheitsorganisation seit 2003 weltweit rund 850 Menschen, etwa 450 starben. Für den hochpathogenen Erreger H5N8 sind bislang weltweit keine Erkrankungsfälle bekannt. Augenmerk richten die Forscher auf H7N9. Als niedrigpathogene Variante bleibt er im Geflügel lange unauffällig, kann aber beim Menschen zu Erkrankungen und Todesfällen führen. Seit 2013 wurden weltweit knapp 800 erkrankte Menschen registriert, mehr als 300 starben an H7N9.

Kann ich jetzt noch Fleisch und Eier essen?

Bislang ist nach Angaben des zuständigen Friedrich-Loeffler-Instituts auf der Ostsee-Insel Riems kein Fall bekannt, bei dem H5N8 auf den Menschen übertragen wurde. Dennoch könne eine Empfänglichkeit des Menschen nicht völlig ausgeschlossen werden. Eine Ansteckung über infizierte Lebensmittel ist nach Auskunft des Bundesinstituts für Risikobewertung „theoretisch denkbar, aber unwahrscheinlich“.

Angst vor dem Verzehr von Geflügelfleisch oder Eiern muss der Verbraucher nicht haben. Das Virus ist hitzeempfindlich und hält Temperaturen von mindestens 70 Grad nicht stand. Durchgegartes Fleisch und hartgekochte Eier können also bedenkenlos genossen werden. Wer ganz sichergehen will, sollte auf Produkte mit rohen Eiern wie etwa Tiramisu vorerst verzichten.

Worin unterscheidet sich der jetzige Ausbruch von der Geflügelpest 2006?

Anfang 2006 war die Geflügelpest, auch Vogelgrippe genannt, schon einmal in aller Munde. Damals hatte sich der aus Asien stammende Erreger H5N1 rasant über Sibirien bis nach Deutschland ausgebreitet. Auch Schleswig-Holstein war 2006 betroffen. Im Kreis Ostholstein wurden damals zwei tote Enten gefunden, die mit einer Variante des Erregers infiziert waren. Auf der Insel Rügen, wo 2006 die ersten deutschen Fälle der Vogelgrippe auftauchen, wurde nach kurzer Zeit der Notstand ausgerufen. Dort wurden immer wieder infizierte Wildvögel gefunden. Auf der Insel wurden massenweise Nutzvögel vorsorglich getötet. Nachdem das Virus in einem sächsischen Mastbetrieb ausgebrochen war, werden auch dort Zehntausende Tiere gekeult. 

In Deutschland infiziert sich 2006 kein Mensch mit dem H5N1-Virus.

Ist die Vogelgrippe immer gleich gefährlich?

Nein. Es gibt niedrigpathogene (gering krankmachende) und hochpathogene (stark krankmachende) Varianten und verschiedene Subtypen. Gefährlich können die Influenzaviren der Subtypen H5 und H7 werden. Geringpathogene Influenzaviren dieser beiden Subtypen verursachen bei Hausgeflügel kaum oder nur milde Krankheitssymptome. Allerdings können diese Viren zu einer hochpathogenen Form der klassischen Geflügelpest (Vogelgrippe) mutieren. Die Krankheit ist für Hausgeflügel hochansteckend und verläuft mit schweren allgemeinen Krankheitszeichen. Aktuell haben wir es in Deutschland mit einem hochansteckenden Erreger zu tun.

Wie kann die Vogelgrippe nach Deutschland kommen?

Wildlebende Wasservögel sind das natürliche Reservoir für die niedrigpathogenen Vogelgrippe-Erreger. Es ist davon auszugehen, dass Zugvögel das Virus großflächig verbreiten. Der aktuelle Ausbruch steht nach Einschätzung des Friedrich-Loeffler-Instituts (FLI), des Bundesforschungsinstituts für Tiergesundheit, im Zusammenhang mit dem Vogelzug. Der Import von infiziertem Futter oder Eiern spielt demnach bei den aktuellen Fällen im Wildvogelbereich eher keine Rolle.

Bei jedem Ausbruch bei Nutzgeflügel werden laut FLI mögliche Eintragungsquellen wie Futter und Einstreu untersucht. Ist der Erreger in der Wildvogelpopulation vorhanden, kann er direkt und indirekt - etwa über den Kot infizierter Wildvögel - übertragen werden. Daher sollte Futter für Nutzgeflügel nicht frei gelagert werden. Wildvögel sollten keinen Zugang zum Trinkwasser von Nutzgeflügel haben und Menschen über Seuchenmatten Ställe betreten.

Kommt die Vogelgrippe häufiger in Deutschland vor als früher? 

Durch die verbesserte Diagnostik werden heute mehr Fälle bekannt. Nach Einschätzung des FLI hat die Zahl und Schwere der Ausbrüche seit den 1990er Jahren aber auch zugenommen. Eine Ursache könnte die Art der engen Tierhaltung in Südostasien sein.

Wie wird die Geflügelpest übertragen?

Die Geflügelpest ist ein für Hühner, Puten und andere Vogelarten hochansteckendes Virus. „Wie jedes andere hochpathogene Virus hat es eine Veränderung im Genom, so dass es sich schnell im gesamten Tier ausbreitet und dann zum Tode führt“, sagt Thomas Mettenleiter, Präsident des Friedrich-Loeffler-Instituts.

Infizierte Vögel scheiden das Virus über die Atemwege sowie Sekrete und Exkrete aus. Daher breitet sich das Virus schnell aus, wenn ein infiziertes Tier eng mit anderen Tieren in Kontakt steht. Das ist zum Beispiel in der Stallhaltung aber auch beim Transport des Geflügels der Fall.  

Auch indirekt kann das Virus übertragen werden – beispielsweise über ungereinigte Kleidungsstücke, Fahrzeuge, Transportkisten, Mist und Futter.

Wie kann man sich vor dem Virus schützen?

Es wird dringend dazu geraten, Vogelkadaver nicht mit den bloßen Händen zu berühren. In betroffenen Gebieten sollte zudem der direkte Kontakt zu Wildvögeln, etwa zur Fütterung, gemieden werden. Tote Tiere sollten den örtlichen Behörden gemeldet werden.

Betroffenen Tieren sollte sich nur in entsprechender Schutzkleidung genähert werden. Das zuständige Friedrich-Loeffler-Institut empfiehlt zudem Menschen, die in Kontakt zur Geflügelzucht stehen, eine Influenza-Schutzimpfung.

Woran erkennt man infizierte Tiere?

Die Symptome des H5N8-Erregers können vielfältig und von Art zu Art unterschiedlich sein. Bei Hühnervögeln ist auf ein stumpfes, gesträubtes Federkleid zu achten, auch voranschreitende Teilnahmslosigkeit der Tiere ist ein Indiz auf eine Infektion mit dem Virus. Verweigerung von Futter und Wasser sowie Fieber, Atemnot, Niesen, Durchfall und Ausfluss aus Augen und Schnabel deuten ebenfalls auf eine Infektion des Tieres hin. Schließlich sind auch zentralnervöse Auffälligkeiten wie Gleichgewichtsstörungen oder eine ungewöhnliche Kopfhaltung bei den Tieren Anzeichen für die Erkrankung. Bei Enten und Gänsen können sich ähnliche Symptome zeigen, sie erkranken jedoch häufig weniger schwer. Hier führt die Krankheit nicht immer zum Tod des Tieres.

Welche Maßnahmen haben die Kreise erlassen?

Ebenso wie in Schleswig-Holstein gilt seit Donnerstag auch in Hamburg ein Aufstallungsgebot, Geflügel muss in Ställen untergebracht werden. Im Hamburger Tierpark Hagenbeck wurden aus Angst vor der Vogelgrippe alle Vögel in die Winterquartiere geschickt. Unter den gut 800 betroffenen Tieren sind auch Flamingos und Pelikane.

Der Ausbruch der Vogelgrippe sorgt auch im benachbarten Niedersachsen für eine erhöhte Alarmbereitschaft bei den Behörden: Cloppenburg, das Emsland und die Grafschaft Bentheim – Hochburgen der bundesdeutschen Geflügelwirtschaft – haben vorsorglich und ab sofort eine Stallpflicht verhängt. In den Landkreisen sind etwa 60 Millionen Tiere betroffen. Die Regelung gilt dort zunächst bis zum 31. Januar 2017 – das von Habeck verhängte Aufstallungsgebot im Norden gilt „bis auf Weiteres“.

Nach Angaben des Landwirtschaftsministeriums in Hannover gibt es in Niedersachsen derzeit noch keinen Fall von Vogelgrippe. Habecks Kollege Christian Meyer (ebenfalls Grüne) appellierte jedoch an die Geflügelhalter, Ställe nur noch mit Schutzkleidung zu betreten.

Wie ist die Lage in anderen Bundesländern und in den Nachbarstaaten?

Es gibt neue Meldungen über positive H5N8-Befunde auch in Bayern, Baden-Württemberg und Österreich. Die Schweiz, Polen und Ungarn waren bereits betroffen. Vorsorglich haben die Niederländer ein Aufstallungsgebot erlassen. Auch Dänemark bereitet sich darauf  vor. „Bund und Länder sind in enger Abstimmung über die notwendigen Krisenmaßnahmen“, erklärte Habeck. Die Mitarbeiter der zuständigen Behörden im Land arbeiten auf Hochtouren, um die Ausbreitung der Tierseuche möglichst gering zu halten. „Wir können nicht ausschließen, dass es weitere Fälle in Tierhaltungsanlagen gibt.“

Wie reagieren der Geflügelwirtschaftsverband und die Eierlieferanten?

Mitglieder des Geflügelwirtschaftsverbandes im Norden zeigten sich am Donnerstag gefasst, angesichts der Problematik. „Wir kennen das Spiel schon aus dem Jahr 2014, allerdings sorgt die Geschwindigkeit, in der sich die Epidemie ausbreitet, doch für Erstaunen“ erklärt Verbandschef Nicolai Wree. Preisreaktionen bei Eiern oder Schlachtgeflügel seien derzeit noch nicht zu befürchten. Das Aufstallungsgebot bereite allerdings einigen Gänsehaltern Probleme. „Die meisten versuchen aber, die Tiere zu halten, weil sie jetzt noch nicht schlachtreif und vermarktungsfähig sind.“

Auch Hans von Meerheim, der mit seiner Gutshof-Ei GmbH zu den größten Lieferanten in der deutschen Eierbranche zählt, gibt sich gelassen. Rund eine Million Tiere vermarkte er pro Jahr aus Beständen in Schleswig-Holstein – bundesweit sind es in über 60 Stallungen weit über drei Millionen Tiere in Bodenhaltung. „Für die großen Betriebe ändert sich durch die Vogelgrippe kaum etwas, weil wir grundsätzlich hohe Hygienestandards einhalten – nicht nur in Seuchenzeiten.“ Offen ist derzeit noch, wie die Verbraucher reagieren. Laut Habeck könnten sie ihre Martinsgans oder anderes Geflügel essen, wenn sie die üblichen Hygienemaßnahmen einhalten.

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erstellt am 22.Nov.2016 | 16:01 Uhr

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