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Schleswig-Holstein

09. Dezember 2016 | 08:55 Uhr

Aukrug : Gans im Glück: Wie ein Gänseküken ein neues Zuhause fand

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Zufälle schreiben die besten Geschichten. Wie die von Katrin Schaupp und ihrer Gans Trude.

Aukrug | Es ist ein sonniger Donnerstag Mitte Juni, den Katrin Schaupp so schnell nicht vergessen wird. Die junge Frau ist auf dem Heimweg von der Arbeit, als auf der Landstraße zwischen zwei Dörfern „irgenwo im Nirgendwo“ etwas Gelbes auf ihr Auto zukommt. Sie bremst, fährt an den Straßenrand, steigt aus – da rennt das gelbe Knäuel schnurstracks auf sie zu. Als sie in die Hocke geht, will das Küken auf ihren Schoß hüpfen und kriecht schließlich unter ihre Beine, als das mit dem Schoß nicht so recht gelingen will. „Das kleine Ding suchte richtig Anschluss“, erinnert sich Katrin. „Und weit und breit war dort kein Hof zu sehen.“

Wenn es Futter gibt, dauert es nicht lange, dann sind die Gänse da.
Wenn es Futter gibt, dauert es nicht lange, dann sind die Gänse da. Foto: Henrik Matzen
 

Was also tun? Würde sie das flauschige Knäuel allein zurücklassen, hätte es wohl kaum Chancen, die Nacht zu überleben, so ihr Gedanke. So darf das Gänseküken mitfahren, in einer Kiste im Kofferraum. Als Katrin zu Hause in Aukrug (Kreis Rendsburg-Eckernförde) ankommt, bricht ihre Familie, mit der sie Haus an Haus wohnt, in Begeisterung aus. Das Tierkind erobert die Herzen im Sturm. Und spätestens, als es auf den Namen „Trude“ getauft wird, ist klar: So schnell wird das kleine Knäuel die Familie Schaupp nicht wieder verlassen.

Und genauso schnell war auch klar, dass Trude einen Artgenossen braucht – schließlich leben Gänse nie allein. Gerade ein so junger Hüpfer wie Trude, vermutlich erst wenige Tage alt, benötigt einen Spielkameraden, da waren sich alle einig. Mit dieser Mission steigt Katrins Mutter am nächsten Tag ins Auto und fährt nach Itzehoe. Zurück kommt sie mit „Frieda“, flauschiges, gelbes Fell, patschige Füße. Seit diesem Tag bilden die beiden ein unzertrennliches Gänse-Dreamteam. „Wo Trude ist, ist auch Frieda“, sagt Katrin.

Die beiden sind ein gutes Team.
Die beiden sind ein gutes Team. Foto: Henrik Matzen
 

Und richtig: Ein Blick in den Garten bestätigt das. Die beiden Gänsekinder, die mittlerweile ordentlich an Größe und Gewicht zugelegt haben und ihr gelbes Plüschgewand gegen weiße Federn getauscht haben, liegen dicht aneinander geschmiegt in der Sonne, die Köpfe jeweils im Gefieder der anderen versteckt. Schaut Katrin Schaupp um die Ecke und spricht, strecken sie die Hälse in ihre Richtung und verfolgen alles, was sie macht. Öffnet sie den Gartenzaun und betritt den Rasen, kommen die beiden auf sie zugerannt. Die Sache ist klar: Trude und Frieda haben in ihr eine Ersatzmama gefunden.

Das merkt man vor allem abends, wenn sie müde werden. Dann ist Kuschelzeit. Katrin setzt sich im Schneidersitz zu ihnen, die Gänse hüpfen – zunächst noch beide gleichzeitig, mittlerweile aus Platzgründen einzeln – auf ihren Schoß, schmiegen sich ganz eng an sie, stecken gern mal den Kopf in die Kapuze ihres Pullis und dösen.

Auch wenn die 34-Jährige, die als Redakteurin bei der Landeszeitung in Rendsburg arbeitet, recht ländlich wohnt: Einen Stall hält ihr Grundstück in Aukrug nicht bereit. Deshalb dient den Gänsekindern zunächst ein alter Umzugskarton im Wohnungsflur als Bett. „Ich wollte die beiden nachts nicht einfach ins Gartenhaus sperren, da kann schließlich der Marder rein“, sagt Katrin. Und davon gibt es in ihrer Umgebung tatsächlich viele.

Vor dem Schlafengehen machen es sich die drei meist noch auf dem Sofa im Wohnzimmer gemütlich, schauen zusammen fern, verfolgen auch die Fußball-Europameisterschaft aufmerksam. Doch ihr ist klar: Ewig kann das so nicht weitergehen, schließlich wachsen die Tiere täglich. Und mit ihrem nächtlichen Geschnatter rauben sie ihr außerdem den Schlaf. In den ersten Wochen als Gänse-Mama sucht Katrin Schaupp nach einer Möglichkeit, die Tiere wieder abzugeben, hält sie ihre Wohnung und den Garten doch nicht für den idealen Lebensraum.

Aber wo sie sich auch umhört: „Alle wollten sie nur schlachten!“ Während es ihr um ein gutes Zuhause für Trude und Frieda ging, waren offenbar alle anderen nur an der Aussicht auf einen leckeren Weihnachtsbraten interessiert. Dann tut sich doch noch eine Möglichkeit auf: Im Reitstall einer Freundin wäre eine Box für sie frei.

Katrin Schaupp lädt die Gänse in ihren Kofferraum und fährt gemeinsam mit ihrer Mutter hin. Die Box im Pferdestall ist nach oben hin offen. „Da können ja Marder rein“, ist ihr erster Gedanke. Dennoch lassen sie die Tiere dort – auch wenn die beiden Schnattermäuler deutlich zu erkennen geben, dass sie gern wieder mit möchten. „Aber ich dachte: Hier haben sie es besser als bei mir im Karton“, erinnert sich Katrin. Mit mulmigem Gefühl im Bauch setzt sie sich ins Auto und fährt nach Hause. Da rennt plötzlich ein Marder über die Straße, direkt vor ihrem Wagen kreuzt er die Fahrbahn. „Das war wie im Film. Ich habe den Rückwärtsgang eingelegt, habe gewendet und bin zurück zum Stall gefahren, um Trude und Frieda wiederzuholen.“

Damit stand fest: Sie bleiben. Und ein Gänsestall muss her. Das weitläufige Grundstück, auf dem Familie Schaupp lebt, bietet den Gänsen zwar tagsüber genug Auslauf, aber für die Nächte und gerade den Winter muss ein marder- und fuchssicherer Ort her. Also räumt Katrin ihr Gartenhaus leer und baut es mit tatkräftiger Unterstützung von Vater und Bruder, die nebenan leben und das Gänse-Duo genauso ins Herz geschlossen haben wie sie, zu einem Stall um. „Da kommt keiner rein!“, ist sich die junge Frau sicher.

Seitdem nimmt der tierische Alltag seinen Lauf. Morgens werden Trude und Frieda aus dem Stall gelassen, bekommen frisches Wasser und vergnügen sich den Tag über im Garten, wo sie gleichzeitig als Rasenmäher dienen. Abends bekommen sie Körnerfutter, ihre Kuscheleinheit und ein warmes Plätzchen im Stroh. Ab und zu muss Katrin mal ausmisten oder die Hinterlassenschaften auf dem Rasen einsammeln. Und das Unterhaltungsprogramm darf natürlich nicht zu kurz kommen, schließlich wollen Kinder spielen. Gänse müssten doch Wasser lieben, denkt sich Katrin und setzt ihre gefiederten Mitbewohner erstmal testweise in ein Kinderplantschbecken. „Nach einer ersten Panikreaktion haben sie gemerkt, wie schön das war und wollten gar nicht wieder raus“, erzählt sie. Also ist die Zeit reif für den nächsten Schritt: ein Ausflug zum Badesee.

Allein trauen sich Trude und Frieda nicht ins kühle Nasse, erst als ihre Leihmutter mit einer Futterschale vorweggeht, watscheln sie hinterher. Doch so richtig allein schwimmen, das trauen sie sich nicht. Lieber benutzen sie ihre neue Mama als Insel, setzen sich auf ihren Kopf und lassen sich treiben. Wie ihr später der Tierarzt erklärt, lernen die Küken das Schwimmen normalerweise von ihrer Mutter. Eine weitere neue Aufgabe für Katrins Leben als Gänsemama.

Auch Krankheiten gehören zum Alltag mit Nachwuchs. Trude plagt ein entzündetes Auge und Frieda ein Humpelbein, weshalb Katrin bereits den ersten Tierarztbesuch mit den beiden hinter sich hat. Nun ist sie auch Krankenschwester, verabreicht Spritzen mit Antibiotikum, Augensalbe und Schmerzmittel. Dann kann es durchaus mal vorkommen, dass die Gänse-Ladies die Flucht ergreifen, statt erfreut auf sie zuzurennen. „Frieda ist ohnehin gern mal stur und meckerig – eine kleine Krawallschachtel.“

Nach mittlerweile zwei Monaten Gänsemama-Dasein will Katrin ihre zwei neuen Mitbewohnerinnen nicht mehr missen. „Sie erden einen total, gerade nach einem stressigen Tag.“ Spätestens bei der Schnatterzeit vor der Nachtruhe ist dann jeglicher Ärger von der Seele geredet.

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erstellt am 14.Aug.2016 | 15:52 Uhr

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