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Gegen Lebensmittelverschwendung : Foodsharing: Rettung vor der Tonne

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Tausende Kilo an Lebensmitteln landen jeden Tag im Müll, obwohl fast alle noch genießbar sind. Der Verein Foodsharing Schleswig-Holstein sammelt das übrig gebliebene Essen ein – und verteilt es.

Kiel | Elf Millionen Tonnen Lebensmittel landen in Deutschland jährlich im Müll. Stephanie Uhde aus Kiel hält das für eine Katastrophe. Deswegen betreibt sie Foodsharing. Zusammen mit anderen sogenannten Foodsavern rettet sie wertvolle Nahrung. Ehrenamtlich. Fast täglich holt die Tierärztin noch verzehrfähige Lebensmittel von Restaurants, Hotels oder Supermärkten ab, die sonst in der Mülltonne gelandet wären, und verteilt sie weiter. Davon profitieren aber nicht nur Hilfsbedürftige, sondern alle, die sich dieser neuen Bewegung anschließen. Außerdem gehört dazu, dass sie selbst Essen für sich behält.

Mit großen Taschen voller Plastikschüsseln und Frischhaltedosen kommen Stephanie Uhde und ihre Tochter Larissa durch den Lieferanteneingang in die Küche des Hotels Atlantic in Kiel. In einer Ecke stehen bereits Wagen mit Resten vom Mittagsbuffet bereit. Uhde und ihre Tochter fangen sofort an, die Gerichte zügig in ihre Kunststoffbehälter zu füllen. „Ich mache schon Portionen“, sagt Uhde. Fertig gepackte Mahlzeiten. Denn sie hat bereits geplant, wen sie später besucht, um das Essen abzugeben. Neben drei Rentnern ist es eine junge Mutter, die ihre drei Kinder derzeit nicht selbst versorgen kann. „Mittlerweile weiß ich auch, wer was mag“, meint die Vorsitzende des Vereins Foodsharing Schleswig-Holstein.

Heute gibt es belegte Brötchen, Fleisch, Reis, Salat und Pudding. Schüssel für Schüssel füllt sich. Koch Michael Böttcher reicht weiteres überschüssiges Essen an. „Trotz guter Planung bleibt viel übrig“, sagt er. Das Hotel Atlantic kam von sich aus auf die Foodsaver zu. Nach einer Veranstaltung, für die 100 Lunch-Pakete bestellt wurden, von denen aber nur 20 mitgenommen wurden, fragte sich das Küchenteam, was sie mit den übrigen Paketen machen sollen. Zum Wegschmeißen waren sie zu schade. „Wir riefen erst bei der Tafel an, aber die dürfen nur original verpackte Lebensmittel annehmen und weiterverteilen“, erklärt Böttcher. Dann entdeckten sie im Internet das Foodsharing-Projekt. Das Hotel trägt so übrigens nicht nur zur Rettung von Lebensmitteln bei, sondern spart auch Geld, weil weniger Abfall anfällt.

Für Hotels ist es eine große Herausforderung die Lebensmittelmengen zu planen, auch wenn es Richtwerte gibt. „Die sind lustig, denn da kommt man auf krumme Zahlen“, verrät Böttcher. Beim Frühstück rechnet man zum Beispiel 0,9 Brötchen für einen Hotelgast ein. Da die Hotelgäste gewisse Erwartungshaltungen haben, muss vieles immer vorrätig sein.

Im Hotel Atlantic in Kiel werden die Reste vom Buffet für die Foodsaver aufbewahrt.
Im Hotel Atlantic in Kiel werden die Reste vom Buffet für die Foodsaver aufbewahrt.

Einige Lebensmittel können aus Gesundheitsgründen nicht weitergegeben werden, wie zum Beispiel Mett. „Frisches Mett wandert sofort in die Mülltonne“, stellt Böttcher klar. Auf Hygiene wird sehr geachtet beim Foodsharing. Jeder einzelne Foodsaver, der eine Rechtserklärung und die Foodsaver-Ordnung unterschrieben hat, ist für die Qualität der geretteten und zu verteilenden Lebensmittel verantwortlich. „In dem Moment, indem ich das Essen einpacke, trage ich die Verantwortung dafür“, erklärt Uhde. Aber es habe noch nie einen Zwischenfall gegeben, bei dem eine Unpässlichkeit auf gerettete Lebensmittel zurückzuführen war. „Wir sagen den Menschen, denen wir Essen bringen: Iss das bitte bis morgen!“ Jeder bekommt nur so viel, wie er an zwei Tagen verspeisen kann.

Jeder Foodsaver hat in der Regel sein eigenes nachbarschaftliches Netzwerk im Stadtteil, wo die Lebensmittel direkt an Nachbarn, Freunde, Bekannte, Familie oder über soziale Netzwerke abgegeben. Darüber hinaus unterhält der Verein Kontakte zu verschiedenen sozialen Einrichtungen, wie Jugendtreffs und Flüchtlingsunterkünften, sodass ein Großteil der geretteten Lebensmittel dorthin gebracht werden kann. „Auch der Malteser Hilfsdienst wird von uns versorgt, wenn er bei Veranstaltungen in der Sparkassen-Arena zugegen ist“, sagt Uhde.

300 Privatpersonen machen in Schleswig-Holstein bereits mit, allein 50 davon in der Landeshauptstadt Kiel. Foodsharing funktioniert besser in Städten, weil das Angebot größer ist und die Wege kürzer sind. Schüler bis Rentner sind dabei. Und es werden langsam immer mehr. Aber während es bereits genug Kooperationsbetriebe gibt, die Lebensmittel anbieten, dauert es etwas, bis Foodsaver überzeugt wurden. Über die Homepage, Facebook, Radio und Presseartikel bewirbt der Verein die Bewegung. Am besten funktioniert die Mund-zu-Mund-Propaganda. „Erst sagen die Leute, sie hätten keine Zeit dafür“, sagt Uhde. „Doch dann merken sie, dass sich die Touren gut in den Alltag integrieren lassen.“ So gesehen ist es nichts anderes, als Zeit dafür aufzuwenden, in den Supermarkt zu gehen.

Derweil gehen Stephanie und Larissa langsam die Behältnisse aus. „Man hat nie genug Dosen und nie die richtigen dabei“, meint Uhde. Aber das Hotel hilft dann gerne mal aus und leiht ein Behältnis. Alles wird mitgenommen. „Das gibt es nicht, dass irgendwas hier bleibt.“ Es wäre einfach zu schade. Nach einer halben Stunde ist alles verstaut. Fünf große Taschen bringen die zwei Foodsaver zum Auto und fahren los. Stephanie Uhde erzählt während der Autofahrt, wie alles losging und welche Herausforderungen es gab. Zum Beispiel wurden die Tafeln hellhörig. Aber Uhde hat sich sofort mit dem Vorsitzenden getroffen, um ihm zu erklären, dass Foodsharing keine Konkurrenz zu der gemeinnützigen Hilfsorganisation sei. „Wir sind so etwas wie die kleine Schwester der Tafel“, meint Uhde. Eine Art Ergänzung. Schließlich wird niemandem etwas weggenommen, sondern nur das ebenfalls verwertet, was sonst im Müll gelandet wäre.

Stephanie Uhde und ihre Tochter Larissa füllen das Essen in Plastikdosen ab und verteilen es später an Menschen, die es benötigen.
Stephanie Uhde und ihre Tochter Larissa füllen das Essen in Plastikdosen ab und verteilen es später an Menschen, die es benötigen.
 

Dass jemand seinen Lebensmittelbedarf zu Hundert Prozent durch das Foodsharing deckt, ist übrigens nicht gewünscht. „Denn dann steigt die Erwartungshaltung“, meint Uhde. Und Dankbarkeit könne Unzufriedenheit weichen. „Im Gegenteil sind wir ja froh, wenn die Betriebe gut wirtschaften und wenig Essen übrig bleibt.“

Dankbar ist allerdings Meike Fischer. Für die dreifache Mutter – ihr jüngstes Kind ist gerade mal sechs Wochen alt – sind Stephanie Uhde und das Foodsharing die Rettung. Eigentlich hatten sie und ihr Mann geplant, dass der Vater nach der Geburt in Elternzeit geht und seine Frau zu Hause im Haushalt unterstützen kann. Doch dann kam in seinem Betrieb etwas dazwischen. Und die Krankenkasse hat eine Haushaltshilfe bisher nicht bewilligt.

Also suchte sie per Internetanzeige nach einer älteren Dame, die kochen kann. Stephanie Uhde schrieb ihr: „Kochen kann ich für Dich nicht, aber ich kann Dich auch anders mit Essen versorgen.“ Meike Fischer freute sich und war erleichtert. „Mein Mann und ich haben nicht geglaubt, dass es sowas gibt“, sagt die 26-jährige Sozialpädagogische Assistentin. Sie hatte es alleine zwar gerade noch geschafft, die Kinder zu ernähren. Aber sie selbst kam zu kurz. „Ich hatte Hunger!“ Erst abends kam sie zum Essen.

Nun gibt es aus dem Hotel Spätzle mit Geschnetzeltem. „Letzte Woche gab es Kartoffelstampf, Rote Bete und Risotto, das die Kinder besonders mochten.“ Wenn sie und ihr Mann wieder mehr Zeit haben, wollen sie auch Touren fahren, um Lebensmittel einzusammeln und zu verteilen. Damit konnte Stephanie Uhde zwei neue Foodsaver gewinnen.


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erstellt am 05.Mär.2017 | 15:44 Uhr

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