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Schleswig-Holstein

03. Dezember 2016 | 03:36 Uhr

Szene-Blog in Kiel : Förde Fräulein: Alles nur eine Kopie?

vom

Kaum ist das neue Förde-Fräulein-Buch auf dem Markt, gibt es Streit in der Bloggerwelt: Das erste Förde Fräulein Merle Primke fühlt sich von der Nachfolgerin kopiert. Es droht sogar ein Rechtsstreit.

Kiel | Berichte über die unentdeckten Seiten Kiels, ein verträumter fast schon märchenhafter Blick auf die Stadt und ihre kleinen Geschäfte: Der Szeneblog Förde Fräulein ist in Kiel seit Jahren ein großer Erfolg. Mehr als 50.000 Seitenaufrufe im Monat, 13.000 Facebook-Fans, und seit Montag ist das zweite Förde-Fräulein-Buch auf dem Markt. Doch so zauberhaft und liebevoll wie die Texte über kleine Cafés und Deko-Läden auf dem Blog präsentiert werden, ist die Geschichte hinter dem Förde Fräulein gar nicht. Jetzt droht sogar ein Gerichtsverfahren wegen Verletzung des Urheberrechts.  

Für die 28-jährige Merle Primke, die den Blog als erstes Förde Fräulein 2012 startete, war die Veröffentlichung des neuen Buches „ein Schlag ins Gesicht“, erzählt sie. Sie selbst sei vor vier Jahren mit der ausgearbeiteten Idee des Blogs auf den Verlag Falkemedia mit Sitz in Kiel zugekommen. Als Praktikantin und später Volontärin konnte sie das Projekt umsetzen. Mit ihrem detailverliebten Blick traf sie bei den Kielern auf großes Interesse. „Da steckt so viel von mir drin. Ich habe mein ganzes Herzblut in das Projekt gesteckt. Es war alles meine Idee“, sagt sie. Ihre Arbeit krönte sie 2014 mit der Veröffentlichung ihres ersten eigenen Buches.

Merle Primke sah keinen Cent für ihr Buch

Doch als sie erfuhr, dass sie für das 6000-fach verkaufte Buch keinen einzigen Cent bekommen sollte, habe sie den Verlag verlassen und sei für ein Volontariat zu den Kieler Nachrichten gegangen, erzählt Primke. Ein Jahr später erschien bei Falkemedia ein neues Förde Fräulein auf der Bildfläche. Die 27-jährige Finja Schulze übernahm das Ruder. Das Kuriose: Mit ihrem langen, blonden Haar, ihrem maritimen Kleidungsstil und den rot geschminkten Lippen setzt sie auf den gleichen Stil wie ihre Vorgängerin. Falkemedia betont, die Ähnlichkeit sei „nur rein zufällig“ und kein bewusstes Kalkül. „Ich finde nicht mal, dass wir uns besonders ähnlich sehen“, sagte das Förde Fräulein Nummer Zwei auf Anfrage.

Im Norden unterwegs: Das Förde-Fräulein in der Person von Finja Schulze hält das zweite Buch in Händen.
Das Förde-Fräulein in Person von Finja Schulze hält das zweite Buch in Händen. Foto: Carstens
 

Die Leser jedenfalls scheinen von dem Autorenwechsel nichts bemerkt zu haben. Immer wieder werde Merle Primke gefragt, ob sie das Förde Fräulein sei. Die beiden Frauen kennen sich sogar aus Kindestagen. „Wir haben früher mal zusammen in der Sandkiste gespielt. Wir wohnten in derselben Nachbarschaft“, so Primke. Es sei aber längst nicht nur das Aussehen, durch das sich die 28-Jährige kopiert fühle. Die träumerische Art des Schreibens, die detailverliebte und besondere Art des Fotografierens: All das scheint seit Beginn des Blogs unverändert.

Gibt es bald juristische Konsequenzen?

Inzwischen sei sogar ein Rechtsstreit im Gange. Nicht etwa um ein Patent auf langes Haar und rote Lippen. Nein, es geht um das Logo des Förde Fräuleins. Primkes damaliger Freund Gerret Halberstadt habe das Förde-Fräulein-Logo für sie designt. Es zeigt die weiße Silhouette der heute 28-Jährigen vor dunkelblauem Hintergrund, umrahmt von weißer Spitze. „Das Logo habe ich für Merle gemacht, nur für Merle. Ich hatte nie etwas mit dem Verlag zu tun. Ich habe nie irgendetwas unterschrieben oder ihnen die Rechte übertragen“, erzählt der 30-Jährige.

Als Primke den Verlag, zu dem auch das Stadtmagazin „Kielerleben“ gehört, im Frühjahr 2014 verließ, habe er Falkemedia schriftlich jegliche weitere Verwendung untersagt. Doch noch immer ziert die Silhouette den Blog. Inzwischen gibt es sogar T-Shirts, Taschen und Aufkleber mit dem Logo im Falkemedia-Shop zu kaufen. „Ich werde überall in der Stadt damit konfrontiert. Der Aufkleber prangt an zahlreichen Läden in der Holtenauer Straße und Innenstadt“, beklagt die Bloggerin.

Das erste Förde Fräulein Merle Primke hält ihr „Baby“ - wie sie ihr erstes eigenes Buch liebevoll nennt - in den Händen. Die Veröffentlichung habe der 28-Jährigen sehr viel bedeutet.
Das erste Förde Fräulein Merle Primke hält ihr „Baby“ - wie sie ihr erstes eigenes Buch liebevoll nennt - in den Händen. Die Veröffentlichung habe der 28-Jährigen sehr viel bedeutet. Foto: Walther
 

Seit zwei Jahren sei die rechtliche Auseinandersetzung bereits im Gange. Die Klage sei vergangenes Jahr beim Landgericht Flensburg eingereicht worden, so die Kieler Rechtsanwältin Martina Comberg. Ein Gerichtstermin stehe noch aus. Im Falle eines Prozesses glaube sie, gute Chancen zu haben. Gerret Halberstadt möchte dabei mehr als nur Schadensersatz. „Ich will, dass sie das Logo nicht mehr weiterverwenden dürfen. Mir geht es dabei vor allem darum, was sie mit Merle gemacht haben. Sie sollten sich selber ihre Bücher zum Einkaufspreis abkaufen - das ist an Dreistigkeit kaum zu überbieten“, so der Doktorand. Er selbst sei von Falkemedia unter Druck gesetzt worden, seine Rechte an dem Logo nicht weiter zu verfolgen.

In den Augen der Juristin sei das Förde Fräulein zudem mit ihrer Art zu schreiben und zu fotografieren eine Kunstfigur. „Auch dies kann dem Urheberrecht unterliegen“, sagt Comberg. Die Erfolgsaussichten einer Klage überprüfe sie gerade.

Falkemedia weist Vorwürfe zurück

Das aktuelle Förde Fräulein Finja Schulze will nichts von dem Rechtsstreit wissen: „Förde Fräulein ist ein Produkt von Falkemedia. Es ist dort entstanden – von der Idee bis zum Konzept. Es ist alles rechtens", so die 27-Jährige, die bei dem Verlag als Volontärin beschäftigt ist. Auch Falkemedia-Geschäftsführer Kassian Alexander Goukassian weist die Vorwürfe von sich. Er teilte schriftlich mit: „Nach der Beendigung der Zusammenarbeit mit Frau Primke machten sowohl sie selbst als auch ihr (damaliger) Freund 2014 verschiedene Ansprüche gegen Falkemedia geltend, die jedoch allesamt zurückgewiesen wurden.“

Ob eine Klage Aussicht auf Erfolg hat, hängt laut Rechtsanwalt Karsten Prehm von der Kieler Kanzlei Prehm und Klare davon ab, ob das Logo vom Gericht als urheberschutzfähig anerkannt wird. Dies treffe nur dann zu, wenn die Schöpfungshöhe als ausreichend eingestuft würde. „Bei einer einfachen grafischen Umsetzung ist das fraglich. Bei zum Beispiel Gemälden mit hohem künstlerischen Aufwand oder bei Fotos ist das viel eindeutiger“, so der Experte für Markenrecht. Sollte das Förde-Fräulein-Logo tatsächlich als urheberschutzfähig angesehen werden, könnten Falkemedia hohe Schadensersatzzahlungen drohen. Um von vornherein Rechtsklarheit zu schaffen, empfiehlt Prehm, eine Bildmarke beim Deutschen Patent- und Markenamt anzumelden und mit dem Urheber eine klare schriftliche Vereinbarung zu treffen.   

Trotz der rechtlichen Auseinandersetzung hat Merle Primke ihre Liebe zum Schreiben und Fotografieren nicht verloren. Inzwischen arbeitet sie selbstständig und führt ihre Arbeit auf kuestenmerle.de fort. 

Aktualisierung am 5. August 2016: Falkemedia hat zu diesem Artikel ausführlich Stellung genommen. Nachzulesen ist die Stellungnahme hier.

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erstellt am 02.Aug.2016 | 13:15 Uhr

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