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Schleswig-Holstein

25. September 2016 | 05:42 Uhr

Religionsstreit : Flensburger Theologie-Professor: „Terror hat nichts mit dem Islam zu tun“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Der Flensburger Theologie-Professor Ralf K. Wüstenberg schreibt in seinem neuen Buch, was das Christentum vom Islam lernen kann.

Ralf K. Wüstenberg ist Professor für Evangelische Theologie an der Europa-Universität Flensburg und mitverantwortlich für die Ausbildung von über 400 angehenden Religionslehrern. 2013 bis 2014 war er als Gast-Dozent am Muslim College in Cambridge und lernte dort einen Islam kennen, der nach seiner Darstellung so gar nicht in das Bild von einer dunklen Religion passen will. Seine Erfahrungen hat er in seinem neuen Buch „Islam ist Hingabe“ (Gütersloher Verlagshaus) beschrieben.

Herr Wüstenberg, der Dialog mit dem Islam scheint in diesen Tagen mehr als schwierig zu sein. Warum schaffen wir es nicht, Verständnis füreinander zu entwickeln?

Der Islam wird im hohen Maße instrumentalisiert. Das kennt man auch aus der christlichen Religion. Wenn ich mir ein Bild vom Christentum anhand des Nordirland-Konflikts mache, werde ich auf ähnliche Schwierigkeiten stoßen und mich fragen: Wie kann eine solche Religion fähig sein, einen Dialog zu führen. Deshalb müssen wir uns als Christenmenschen ernsthaft mit den Inhalten der Religion beschäftigen und hinter die Fassade gucken.

Bei den aktuellen Problemen sehen Sie eine besondere Verantwortung der Christen?

Ja, gerade das große Thema der Barmherzigkeit ist eines der zentralen Themen, die in einen empathischen Dialog führen können – also einen Dialog, der über das reine Informieren hinausgeht. Wir haben eine gemeinsame Linie: der Glaube, dass Gott barmherzig ist. Der Konsens liegt darin, dass man auf die Vergebung vertrauen muss.

Unser Verhältnis zum Islam ist geprägt von Spannung. Woran liegt das?
Wir gehen davon aus, dass es sich um konkurrierende Religionen handelt. Auch aus theologischer Perspektive gibt es häufig die Vorstellung, dass sich beide Religionen als zwei exklusive Heilswege konfrontativ gegenüberstehen. Diese These schürt Angst. Stattdessen sollten wir Neugier und Empathie entwickeln.

Vor Hindus und Buddhisten haben wir keine Angst. Auch da gibt es radikale Strömungen. Was macht den Unterschied?
Im Islam stehen Öffentlichkeit und Religion in einem engen Verhältnis zueinander. Das hat man in wechselvoller Spannung in der christlichen Theologie auch gehabt. Heute sind wir in Deutschland und Europa aber stark vom Liberalismus des 19. Jahrhunderts geprägt. Wir sind der Meinung: Religion ist Privatsphäre und die Nähe von Politischem und Religiösem ist etwas ganz Gefährliches.

Ist es das nicht auch?
Natürlich, das haben wir an der eigenen Christentums-Geschichte erlebt. Dennoch sollte man im Blick auf die Religion neu über die Justierung nachdenken. Religion hat eine Ausstrahlung auf das Politische, ohne es zu instrumentalisieren. Umgekehrt gilt das genauso.

Was sagen Sie den Menschen, die gerade in diesen Zeiten eher weniger Religion wagen möchten?

Der islamistische Terror hat nichts mit dem Islam zu tun. Wir sollten mit den Muslimen deutlich machen, dass es den Unterschied zwischen Terror und der Religion gibt und dass jede Religion zur Gewalt neigen kann, wenn sie politisch instrumentalisiert wird.

Warum haben Sie für Ihr Buch den Titel „Islam ist Hingabe“ gewählt? Jede Religion ist doch eine Form von Hingabe.
Hingabe ist eine von mehreren Übersetzungen des Wortes Islam. An der Hingabe im Sinne des Islam ist die Vorstellung spannend, dass Religion nicht etwas ist, das ins Private zurückdrängt, in Passivität, stille Andacht. Religion im Islam ist etwas, das teilnimmt am Leben der Gesellschaft. Der Islam ist eine Tu-Religion. Es geht dabei konkret um die Frage, was Gott von mir erwartet und wie ich tagtäglich handeln soll.

Das gibt es im Christentum doch auch.
Hundertprozentig. Nur haben wir die Tendenz, uns zurückzulehnen und zu sagen: Ich brauche nur gelten zu lassen, was Christus für uns erledigt hat. Dabei sind wir aufgefordert, teilzunehmen am Leiden Gottes in der Welt und zu fragen: Was ist das Gebot heute? Dann kommt man schnell zu den Fragen der Scharia.

Die Scharia im Christentum?
Wenn man versucht, diesen Begriff in das Christentum einzuzeichnen, verliert er diese Fremdheit und das Angst-Potenzial. Das Grundverständnis der Scharia ist die göttliche Betrachtung menschlichen Handelns. Im Christentum können wir auch sagen, es gibt eine Scharia. Auch wir müssen uns dauernd fragen, wie uns Gott betrachtet. Das war Luthers großer Kampf. Er spürte, dass Gott offensichtlich nur strafen kann, entdeckt aber, dass es einen Mensch gab, der die „Scharia“ erfüllt hat: Jesus von Nazareth. Diese Hingabe ist eine Hingabe von Gott zum Menschen, die dann die Hingabe des Menschen zu Gott verlangt. Dieses Moment betont der Islam in der Scharia.

In Ihrem Buch stellen Sie die Frage in den Raum, ob Calvin ein Dschihadist war. Wie kommen Sie darauf?
Wir verstehen unter Dschihad nur die kämpferische Auseinandersetzung im militärischen Sinne. Der Begriff ist jedoch weiter gefasst. Der Kampf gegen die Ungläubigen – das ist der Kleine Dschihad. Der Große Dschihad aber ist der Kampf gegen das Ego. Die Überwindung, nicht sich selbst, sondern Gott in den Mittelpunkt zu stellen. Ein Dschihadist ist ein zutiefst gläubiger Mensch, der sich ganz und gar – so wie man das aus der reformatorischen Theologie kennt – ein Leben der Hingabe führt. So wie Calvin.

In dem Zusammenhang sprechen Sie auch von den Schönheiten des Islam. Welche sind das für Sie?
Der Islam sagt: Alles was ich sehen kann, etwa der Baum vor dem Fenster, ist ein Hinweis auf das Göttliche. Der Ästhetikbegriff wird dabei sehr weit gedehnt bis hin zu Krankheit und Leid. Auch darin soll ich die Schönheit des Schöpfers sehen. Auch Calvin sagte, wir sollen sonntags nicht nur in die Kirchen, sondern auch in die Natur gehen, um die Schönheit Gottes zu genießen.

Was können also die Christen vom Islam lernen?
Dass man an die Schönheit Gottes in ganz anderer Form erinnert wird, an die große Einheit von Schöpfung und Christologie. Dann das große Feld von Spiritualität, diese Übersetzung des täglichen Glaubens, des Betens. Also die Vorstellung eines Lebens, das durchtränkt ist vom Bezug zu Gott. Auch die Ernsthaftigkeit, mit der man sich mit letzten Fragen beschäftigt. Wir denken eher daran, unser Haus abzubezahlen, dabei geht es doch um viel größere Fragen.

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erstellt am 17.Sep.2016 | 15:07 Uhr

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