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Schleswig-Holstein

05. Dezember 2016 | 17:40 Uhr

Nach Salafisten-Razzia in SH : Experte erklärt: So agiert die „Wahre Religion“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die „Wahre Religion“ hat es vor allem auf Jugendliche abgesehen - mit Predigten zum Download und Konvertierungs-Telefonaten.

Kiel | Mit einer der größten Polizeiaktionen gegen Islamisten seit Jahren haben die Sicherheitsbehörden radikal-salafistischen Terror-Werbern am Dienstag einen neuen Schlag versetzt. Nach monatelangen Ermittlungen verbot Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) am Dienstag die Vereinigung „Die wahre Religion“, die unter dem Motto „Lies!“ zahlreiche Koran-Verteilaktionen organisiert hatte. Tobias Meilicke vom Kieler Beratungsnetzwerk PROvention hat Erfahrungen mit DWR-Anhängern gemacht und erklärt im Interview ihr Vorgehen.

Herr Meilicke, Verbot der „Wahren Religion“ – was bringt das Ihrer Arbeit gegen die Radikalisierung von Jugendlichen?
Das ist ein bedeutender Erfolg. Immerhin sprach diese Vereinigung vor allem junge Menschen an. Mit dem Verbot wird das deutlich erschwert. Auf der anderen Seite birgt ein Verbot auch die Gefahr, dass sich Teile der bisher öffentlich agierenden Personen weiter zurückziehen und Radikalisierungen dadurch schwerer einsehbar werden. Oder dass sich Teile des nicht gewaltbereiten Spektrums, unter Druck gesetzt fühlen und sich weiter radikalisieren.
 

Welche Erfahrungen haben Sie in Schleswig-Holstein mit dieser Vereinigung gemacht?
Auch in unserer Beratung sind Familien, in denen sich vor allem die Söhne für dieses Netzwerk engagierten. Der Großteil lässt sich dem politischen Salafismus zuordnen. Sie wollen gesellschaftliche Veränderungen vor allem durch Missionierung erreichen. Jedoch vertritt auch diese Strömung ein extremistisches Gedankengut, das im Widerspruch zu unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung steht. Wichtig ist jedoch, dass nicht jeder der Jungs, die Korane verteilt haben, Gewalt befürwortet, nach Syrien ausreisen oder Terroranschläge begehen würden. Nach dem, was wir bisher sehen, sind es verhältnismäßig wenige Personen, die sich von diesem Netzwerk nach Syrien abgesetzt haben.

Wie geht die „Wahre Religion“ vor?

Wie jede salafistische Gruppierung spricht sie junge Menschen in Krisenmomenten an. Das kann die Trennung von der Freundin oder ein Todesfall in der Familie sein. Wenn junge Menschen keine Strukturen haben, die sie auffangen, sind sie anfällig für die salafistische Ersatzfamilie. Sie bietet Anerkennung, Geborgenheit und Antworten auf die schwierige Frage nach dem Sinn des Lebens: die Dienerschaft Gottes und schließlich das Erreichen des Paradieses. Und sie haben jugendaffine Angebote im Internet. Die Homepage der „Wahren Religion“ war hierfür ein Paradebeispiel. Neben Videos zu Themen des Erwachsenwerdens gab es Predigten zum Herunterladen und ein Konvertierungs-Telefon, über das man zum Islam übertreten konnte.

Was können wir dagegen unternehmen?
Eltern sollten mit ihren Kindern auch in der schwierigen Zeit der Pubertät in Kontakt bleiben, ihnen ein Gefühl von Geborgenheit und Anerkennung vermitteln und Strukturen vorgeben, die beim Erwachsenwerden helfen. Entfernen sich junge Menschen zu weit, verstummt der Dialog und es besteht die Gefahr, dass Extremisten zur Ersatzfamilie werden. Immer wieder erleben wir außerdem, dass mit jungen Menschen nicht über zentrale Fragen des Zusammenlebens geredet wird. Hier muss vor allem das System Schule reformiert werden. In unserer globalisierten Welt mögen Mathe, Physik und Chemie wichtig sein, doch von zentraler Bedeutung für ein friedliches Zusammenleben sind interkulturelle Kompetenzen, Empathiearbeit und ein Unterricht, der die heutigen weltpolitischen Geschehnisse stärker einbezieht. Auch Ausgrenzungs- und Diskriminierungserfahrungen spielen eine Rolle bei der Radikalisierung von Jugendlichen. Daher ist eine Selbstreflexion gegenüber islamophoben und ausländerfeindlichen Einstellungen innerhalb unserer Gesellschaft von Nöten.

Hilfe und Informationen bei Fragen zu religiös begründetem Extremismus bietet PROvention unter Tel. 0431 73 94 926 und provention.tgsh.de.

Was ist die „Wahre Religion“?

Der Hassprediger Ibrahim Abou-Nagie hatte die jetzt verbotene Vereinigung „Die wahre Religion“ („DWR“) im Jahr 2005 gegründet. Zunächst ging es um Seminare und Vorträge, mit denen die angeblich „reine Botschaft“ des Islams verbreitet werden sollte.

Seit 2011 hatte sich der Schwerpunkt verschoben, in deutschen Fußgängerzonen tauchten immer öfter „Lies!“-Infostände auf. Wegen zunehmender Schwierigkeiten bei der Genehmigung verlagerten die Salafisten sich zunehmend auf die „Street Dawa“ (aus dem Arabischen übersetzt bedeutet Dawa in etwa „Einladung zum Islam“) und verteilten den Koran aus Taschen und Rucksäcken. Eine neue Form ist das „Home Dawa“ - über das Internet können Salafisten-Prediger nach Hause eingeladen werden.

Die Ermittlungen gegen den Verein laufen seit 2013. Da hatte die acht Jahre zuvor gegründete Gruppe schon mit Koran-Verteilaktionen auf sich aufmerksam gemacht. Das Netzwerk soll 500 Mitglieder haben. Dass der Kopf von „Die wahre Religion“, der gebürtige Palästinenser Abou-Nagie, derzeit in Malaysia ist, wussten die Behörden. Aber sie hatten nach Angaben des Innenministeriums die Ermittlungen so weit abgeschlossen, dass ein Vereinsverbot auch im Fall von Anfechtungen Bestand haben würde.


 
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erstellt am 16.Nov.2016 | 09:33 Uhr

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