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Schleswig-Holstein

11. Dezember 2016 | 13:02 Uhr

Tatort SH : Ermordete Jeanette G.: Der Täter, der keiner sein durfte

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

1994 starb Bademeisterin Jeanette G. Es war eins der grausigsten Gewaltverbrechen in der Geschichte Schleswig-Holsteins.

Sie lag gefesselt im Kofferraum ihres brennenden Autos: Der Tod von Bademeisterin Jeanette G. (21) zählt zu den grausigsten Gewaltverbrechen in der Kriminalgeschichte Schleswig-Holsteins. Und zu den bittersten Fällen der Kripo Kiel – die sich sicher ist, den Täter ermittelt zu haben: Unter dem rechten Zeigefinger von Jeanette G. klebte die DNA eines Mannes aus Bremerhaven. Angeklagt wurde er jedoch nicht, weil auch Sperma gesichert wurde, das nicht von ihm stammt. Der Fall ist, wenn man so will, ein Mord mit zu vielen Spuren. Und bleibt ungeklärt.

In Schleswig-Holstein gibt es über 40 ungeklärte Morde. Die Verbrechen lassen die Ermittler nicht los – und in den vergangenen Jahren sind etliche dank verfeinerter DNA-Analyse geklärt worden. Doch manchmal ist der Täter einfach nicht zu fassen. In einer Serie stellt unsere Zeitung diese Fälle vor.

Rückblende, 18. Juli 1994: Die Bademeisterin aus Schacht-Audorf (Kreis Rendsburg-Eckernförde) fährt gegen Mittag mit dem Mercedes ihres Freundes zur Spätschicht ins Freizeitbad „Aqua Tropicana“ in Damp. Vielleicht nimmt sie einen Anhalter mit, vielleicht trifft sie den Täter auch auf dem Parkplatz des Bades. Fakt ist: Wenige Stunden später entdecken Streifenpolizisten das brennende Auto in einem Waldstück bei Vogelsang-Grünholz, fünf Kilometer von Damp entfernt. Als Feuerwehrleute den Kofferraum öffnen, stoßen sie auf die verkohlte und gefesselte Leiche der jungen Frau. Rechtsmediziner entdeckten Rauch in der Lunge. Jeanette G., von einem schweren Schlag gegen den Kopf bewusstlos, war am Qualm erstickt.

1994 ermordet: Jeanette G.
1994 ermordet: Jeanette G.
 

Kurz nach der Tat meldete sich ein junges Paar bei der Polizei und berichtete von einer merkwürdigen Begebenheit. Die beiden waren am fraglichen Tag in Damp von einem Mann angesprochen worden, der sie bat, für ihn einen weinroten Mercedes nach Kiel zu fahren. Die Kripo geht davon aus, dass es sich um das Auto von Jeanette gehandelt hat, die zu diesem Zeitpunkt wohl im Kofferraum lag. Die jungen Leute lehnten ab – und der Mörder disponierte um: Am Tatort wurde ein Fünf-Liter-Kanister aus Kunststoff gefunden, den er gekauft haben dürfte, um den Mercedes mit Benzin zu übergießen.

Trotz Veröffentlichung eines Phantombilds wird der Unbekannte nicht gefunden. „Wir sind über 1000 Spuren nachgegangen und haben über 100 Zeugen vernommen“, erinnert sich ein Ermittler. Doch 18 Jahre später gibt es dann plötzlich einen Verdächtigen. Bei der Arbeit an ungeklärten Altfällen gelang es dank verfeinerter Methoden, aus damals gesichertem fremden Zellmaterial DNA zu gewinnen – und die Polizisten landeten damit gleich einen Treffer. Der mutmaßliche Mörder, ein 64 Jahre alter Mann aus Bremerhaven, war in der DNA-Datenbank des Bundeskriminalamts erfasst. Unter anderem soll wegen einer Erpressung gegen ihn ermittelt worden sein.

Im März 2012 wurde er verhaftet, schwieg aber zu den Vorwürfen, und bereits im April hob das Amtsgericht Neumünster den Haftbefehl wieder auf – weil es auch die Spermaspur eines unbekannten Dritten gab. Aus ihr war bereits 1994 die Blutgruppe bestimmt worden, was bei drei Viertel der Menschen möglich ist. Es war Blutgruppe B. „Mein Mandant hat Blutgruppe A“, erklärte der Rechtsanwalt des Beschuldigten. Dieser sei damit nicht der Vergewaltiger.

Aber ist er möglicherweise der Mörder? Immerhin fand sich seine DNA unter einem Fingernagel der jungen Frau, oft ein Indiz für einen Kampf. Der Rechtsanwalt sagte: „Wie die DNA dort hingelangt ist, muss die Staatsanwaltschaft klären.“

Die legte Beschwerde gegen die Aufhebung des Haftbefehls ein, die das Gericht jedoch verwarf. Den Richtern fehlte ein „plausibler Tatverlauf“. Axel Bieler, Sprecher der Staatsanwaltschaft Kiel: „Die These war ja zunächst, dass Jeanette G. vergewaltigt und zur Verdeckung dieser Straftat getötet worden war.“ Das wäre ein klassischer Mord gewesen. Doch mit der Spermaspur des unbekannten Dritten war das nicht länger haltbar.

Ein Verteidiger hätte verschiedene Szenarien konstruieren können, die seinen Mandanten entlasten: Vielleicht hatte Jeanette G. neben dem Freund einen Liebhaber, den sie vor der Arbeit traf. Vielleicht wollte der Angeklagte sie ausrauben, hat sie dabei niedergeschlagen. Und vielleicht hielt er die Bewusstlose für tot, als er sie in den Kofferraum legte. Dann hätte er mit dem Anzünden des Autos keine vorsätzliche, sondern eine fahrlässige Tötung begangen – und die ist längst verjährt. Tragisch: Den Straftatbestand „Brandstiftung mit Todesfolge“, der nach heutiger Rechtsprechung greifen würde, gab es 1994 noch nicht.

Die Eltern von Jeanette G. können auch 22 Jahre nach dem Tod ihrer Tochter noch nicht über das Geschehen sprechen, zu tief sitzt der Schmerz. Großmutter Edith G. (88) sagt: „Jeanette war so ein liebes Mädchen.“ Sie erzählt, dass die Enkelin ihre Ausbildung eigentlich in Eckernförde gemacht hatte, dann nach Damp wechselte. Und sagt nach einer langen Pause: „Erst vor zwei Tagen habe ich wieder einmal die alten Sachen vorgeholt, die Zeitungsartikel von damals, die ich ausgeschnitten hatte. Ich komme einfach nicht darüber hinweg.“

 
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erstellt am 23.Apr.2016 | 15:50 Uhr

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