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Urteil am Donnerstag in Leipzig : Elbvertiefung: Eine Reise zu den Menschen, die betroffen sind

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Am Donnerstag entscheidet das Bundesverwaltungsgericht über die Elbvertiefung. Deutlich wird: Es gibt kein klares Für und Wider.

Hamburg | Dort unten fließt sie. Ulrich Buchterkirch steht auf dem Deich und zeigt in Richtung Elbe. Das Wasser ist nur wenige Meter entfernt, aber hinter den dicken Schneeflocken, die durch die Luft wirbeln, kaum zu erkennen. Buchterkirch duckt sich tief in den Kragen seiner Jacke, es ist ein ungemütlicher Tag – und es könnte auch eine ungemütliche Woche für den Obstbauern werden. Am Donnerstag wird am Leipziger Bundesverwaltungsgericht ein Urteil gefällt, das die Zukunft des jungen Mannes und seines Berufsstandes verändern könnte. Dann werden die Richter darüber entscheiden, ob die Elbe ein weiteres Mal vertieft werden darf. Es wäre die neunte Vertiefung seit dem Jahr 1818, von einst 3,5 Meter würde sich die Tiefe der Wasserstraße auf 14,5 Meter erhöhen.

Ulrich Buchterkirch.
Ulrich Buchterkirch. Foto: Martin Schulte
 

Ein Bündnis aus Naturschutzverbänden hat gegen die Elbvertiefung geklagt. „Probleme wie die Deichsicherheit, die Zerstörung wertvoller Lebensräume sowie der Umgang mit den unkontrollierten Sand- und Schlickfrachten in der Elbe, die eine Flussvertiefung mit sich bringt, sind nicht gelöst“, heißt es in einer Erklärung des Naturschutzbundes Deutschland. Das Gericht muss darüber entscheiden, ob die Folgen dieses weiteren Eingriffs in die Natur den wirtschaftlichen Nutzen rechtfertigen.

„Ich glaube, dass der Fluss diesen Eingriff nicht mehr zulässt“, sagt Buchterkirch, der als Verbandsvorsitzender rund 1000 Obstbauern in Niedersachsen vertritt: „Die Natur ist kurz davor, eine Grenze zu setzen.“ Seine Obstplantage liegt in Krummendeich im Landkreis Stade, 50 Hektar insgesamt. Buchterkirch erzählt von seinen Eltern, die erlebt hätten, was passiert, wenn die Elbe über den Deich kriecht: „Von den Obstbäumen waren nur noch die Spitzen zu sehen.“

Wer mit dem Landwirt spricht, merkt schnell, wie kompliziert die Geschichte der Elbvertiefung ist. Buchterkirch hat mindestens vier verschiedene Perspektiven auf dieses Thema. Als Familienvater, als Obstbauer, als Verbandsvertreter und als Bewohner des flachen Landstrichs direkt hinter den Elbdeichen. Und nicht jede Perspektive ist ohne weiteres mit der anderen vereinbar. Der Familienvater sorgt sich um die Sicherheit seiner drei Kinder, der Obstbauer hat Angst um seinen Broterwerb, der Verbandsvertreter muss Kompromisse aushandeln, die allen gerecht werden. Und der Elbanwohner weiß natürlich um die Wichtigkeit des Hamburger Hafens, weil viele Jobs in der Region mit dem Hafen verbunden sind: „Trotzdem bin ich gegen die Elbvertiefung, weil ich gesehen habe, wie hoch das Wasser hier schon während der Herbststürme am Deich steht und weil die Gefahr der Versalzung des Wassers droht.“

Die Obstbauern fürchten, dass der Salzgehalt in der Elbe durch die Vertiefung so weit ansteigt, dass eine Beregnung der Bäume und Blüten mit Elbwasser nicht mehr möglich sein wird, ohne die Pflanzen zu schädigen. Buchterkirch hat deshalb schon vor knapp fünf Jahren eine Kompensation für die Obstbauern ausgehandelt: 20 Millionen Euro für große Wasserspeicherbecken, die das für die Bäume so wichtige Süßwasser bereitstellen sollen. Ein Deal, den der Interessensvertreter Buchterkirch mitgetragen hat; der Obstbauer Buchterkirch aber, das lässt er durchblicken, hätte diesen Vertrag so wohl nicht unterschrieben. Diese Zerrissenheit ist bezeichnend für das Projekt Elbvertiefung – es gibt kein einfaches Für oder Wider.

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Vielmehr ist dieses Infrastrukturprojekt für die 130 Kilometer lange Fahrrinne, in der die Schiffe in den Hamburger Hafen gelangen, eine Geschichte mit vielen Protagonisten, unzähligen Sichtweisen und vielen guten Argumenten auf allen Seiten. Vor 15 Jahren hat die Stadt Hamburg beim Bundesverkehrsministerium den weiteren Ausbau der Elbe beantragt, seitdem ringen der Bund und die Stadt Hamburg, Obstbauern, Umweltschützer, Fischer und Bürgermeister von Gemeinden entlang der Elbe um eine Lösung. Bislang vergeblich. Es ist eine Geschichte, die stellvertretend steht für den Konflikt zwischen Ökonomie und Ökologie. Ein Konflikt, der sich nicht lösen lässt, ohne Verlierer zu produzieren.

Das weiß auch Frank Horch, der Wirtschaftssenator der Stadt Hamburg. Horch sitzt in einem Café in der Hamburger Hafencity, er wohnt ganz in der Nähe, es ist ein verregneter Morgen. „Hamburger Wetter“, sagt Horch. Der Senator argumentiert ruhig und sachlich, wenn er von der Elbvertiefung spricht. Manchen seiner Sätze hört man an, dass er sie schon unzählige Male gesprochen hat: „Ein ‚Nein‘ zur Elbvertiefung wäre nicht nur für die deutsche Volkswirtschaft, sondern auch für unser Image in der Welt ein großer Schaden.“

Frank Horch.
Frank Horch. Foto: Martin Schulte
 

Horch ist ein Kind der Elbe: Er ist in Geversdorf an der Oste aufgewachsen, unweit des Hofes von Ulrich Buchterkirch. Er hat die Sturmflut 1962 erlebt, „wir wohnten auf dem Deich, das Elbwasser floss durch unser Haus“. Er hat Schiffbau studiert und für große Hamburger Werften gearbeitet. Im Sommer ist er in jeder freien Minute mit dem Segelboot auf der Elbe unterwegs.

„Ich weiß, wovon ich spreche“, sagt Horch. Dann spricht er von sicheren Deichen, von Obstbauern und Fischern, vom Umweltschutz, von 150.000 Arbeitsplätzen in der Metropolregion Hamburg, die am Hamburger Hafen hängen: „Es wird der Elbe nach der Vertiefung besser gehen.“ Ein Satz, der Spielraum lässt.

Meinen Sie das aus ökologischer oder ökonomischer Perspektive, Herr Horch? „Ich meine damit die richtige Balance zwischen Ökonomie und Ökologie.“ Dann verrät er, dass er auch deshalb Wirtschaftssenator geworden ist, weil er fand, dass es mit der Elbvertiefung vorangehen müsse. Dass dabei die Kontroverse nicht hilfreich ist, hat er schon als Präses der Hamburger Handelskammer beobachtet. Deshalb hat der Senator mit vielen Vertretern der Gegenseite das persönliche Gespräch gesucht. Wenn ein Name fällt, sagt Horch nicht selten: „Mit dem verstehe ich mich gut.“

Einer, mit dem der Hamburger Wirtschaftssenator sich gut versteht, sitzt in Friedrichskoog auf der anderen Elbseite auf seinem Sofa und rollt eine Seekarte aus. „Damit Sie wissen, wovon wir reden.“ Dieter Voss ist Vorsitzender des Fischervereins, er ist Jahrzehnte lang mit seinem Krabben-Kutter auf der Elbe unterwegs gewesen. Er zeigt auf das Luechterloch in der Nähe der Elbmündung, nördlich von der Insel Neuwerk. „Da haben sie so viele Sedimente von den Ausbaggerungen in der Elbe reingekippt, dass dort eigentlich ein Riesenberg sein müsste“, sagt Voss. Das sei ja kaum bekannt: Unabhängig von der Elbvertiefung würde in der Elbe das ganze Jahr gebaggert, Millionen Kubikmeter Sand. „Und das Zeug wird dann bei uns vor die Tür gekippt“, sagt Voss. Genau genommen trägt die Tide den Sand zurück in die Elbe – und dort erst vor die Haustür der Friedrichskooger. Immer und immer wieder.

Dieter Voss.
Dieter Voss. Foto: Martin Schulte
 

„Erst waren die Priele, in denen wir früher bei schlechtem Wetter fischen konnten, dicht – und dann unser Hafen.“ Im vergangenen Jahr wurde der Hafen endgültig geschlossen, dem Land waren die Kosten für den Kampf gegen den Sand zu hoch. „Der Hafen ist die Seele unseres Koogs“, sagt Voss: „Wir wissen, wie wichtig der Hamburger Hafen ist, aber es kann doch nicht sein, dass wir dabei vergessen werden.“ Die Friedrichskooger schauen noch aus einem anderen Grund zum Leipziger Bundesverwaltungsgericht. Die örtliche Werft hat gegen die Hafenschließung geklagt, Mitte März wird wohl entschieden.

Auch in Kollmar versandet gerade ein Hafen. Er ist im Sommer ein beliebter Anlaufpunkt für Segelsportler. „Ich würde mir mehr Unterstützung für kleine Häfen wünschen“, sagt deshalb Klaus Kruse, der Bürgermeister von Kollmar. Auch Kruse kennt die Elbe von Kindesbeinen an, er hat im Reet am Kollmarer Ufer gespielt: „Wir haben da richtige Gänge reingebaut.“ Heute wohnt er in einer Wohnung direkt hinter dem Deich, mit Blick auf die Elbe. Kruse ist ein Mensch, der seine Worte sorgfältig abwägt. Er beantwortet die Frage, ob er für die Elbvertiefung ist, mit einem „moderaten Nein“. Die Sorgen, die mit der Elbvertiefung verbunden sind, seien größer als die Hoffnung, von ihr profitieren zu können. Kruse hat zwei Dinge beobachtet: „Das Wasser wird an einigen Stellen immer schneller, und an anderen Stellen ist kaum noch Strömung.“ Bei Niedrigwasser könne man beobachten, wo sich der Schlick ablagert und, viel schlimmer: Wo die Strömung direkt auf den Deich trifft, nehme die Wassertiefe zu. Dort gräbt sich die Elbe ihren Weg. „Es bleibt immer ein ungutes Gefühl, denn da, wo der Deich bricht, würde nichts dem Wasser standhalten.“

Klaus Kruse.
Klaus Kruse. Foto: Martin Schulte
 

Ein Satz, der während der Fahrt von Kollmar nach Brunsbüttel nachhallt. Entlang der Strecke ducken sich auf der einen Straßenseite die Häuser hinter den Deich, auf der anderen Seite ist, so weit der Blick reicht, nur flaches Land. Wenn das Wasser tatsächlich käme, würde es sich weit in das Dithmarscher und Steinburger Land ergießen.

Andererseits könnten die beiden Kreise aber auch von der Elbvertiefung profitieren, denn gemeinsam mit der Stadt Brunsbüttel werden sie in den kommenden Jahren einen neuen Hafen an der Elbe bauen. Zum Jahreswechsel ist Baurecht erteilt worden, im Jahr 2020 soll der Hafen fertig sein, 14,5 Meter tief, 70 Millionen Euro teuer. Ein wichtiges Projekt für die Stadt Brunsbüttel, in der sich Elbe und Nord-Ostsee-Kanal treffen – und die jetzt schon mit dem Elbehafen über einen profitablen Ankerplatz für große Schiffe verfügt. Bis zu 18 Millionen Tonnen Waren werden hier im Jahr umgeschlagen.

„Ein Teil unseres Hafengeschäfts hängt natürlich mit dem Hamburger Hafen zusammen“, sagt Stefan Mohrdieck. Der Bürgermeister von Brunsbüttel geht am Deich entlang, hinter ihm zieht ein Containerriese auf der Elbe vorbei. „Genau über diese Pötte sprechen wir“, sagt er. Mohrdieck ist für die Elbvertiefung: „Der Hamburger Hafen ist sehr wichtig für die deutsche Wirtschaft.“ Dann folgt, wie so oft bei dem Thema, das Aber: „Der Ausgleich ist wichtig. Egal, wie entschieden wird, es wird bei der Elbvertiefung immer Menschen geben, die unzufrieden sind oder sich als Verlierer fühlen.“

Stefan Mohrdieck.
Stefan Mohrdieck. Foto: Martin Schulte.
 

Mohrdieck streckt den Arm aus und zeigt in Richtung der anderen Elbe-Seite: „Da drüben hätten sie viel mehr Probleme mit einer weiteren Vertiefung als wir hier in Brunsbüttel.“ Da drüben, auf der anderen Elbe-Seite, liegen die Obstplantagen von Ulrich Buchterkirch.

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erstellt am 06.Feb.2017 | 09:49 Uhr

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