zur Navigation springen

Schleswig-Holstein

03. Dezember 2016 | 05:46 Uhr

Zwischen Deutschland und Dänemark : Eingependelt – zu Hause im Grenzland

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Wo ist man zu Hause, wenn man in dem einem Land arbeitet und in dem anderen lebt? Sara Wasmund aus Angeln erzählt.

Angeln/Apenrade | Der Polizist an der Grenze nickt mir zu, winkt mich zur Seite raus. Es ist Dienstag, 8.30 Uhr, und ich bin auf dem Weg zur Arbeit. Mein SL-Kennzeichen weist mich als Bürgerin der Region aus. Meistens lassen mich die Kontrolleure einfach durchfahren. Vorbei an den blinkenden „Stopp, Kontrolle“-Schildern in Krusau, hinein ins Königreich Dänemark, an dessen Grenze es wegen der nach Europa kommenden Flüchtlinge seit Januar 2016 wieder stichprobenartige Grenzkontrollen gibt. Heute aber wird es nichts mit dem Durchwinken – ein Polizist tritt an mein Auto. Fenster runter, mein Redaktionshund im Körbchen hinter mir knurrt. „Papiere, bitte“, sagt der Bedienstete auf Deutsch, „bitte schön“, antworte ich auf Dänisch. „Dein Licht wirkt nicht“, sagt der Polizist auf Deutsch. „Das musst du mal reparieren lassen.“ Ich sage „mange tak“, und wir wünschen uns gegenseitig „god arbejdslyst“, frohes Schaffen.

Die wieder eingeführten Kontrollen an der Grenze stören ihren Weg zur Arbeit und zurück nicht weiter.
Die wieder eingeführten Kontrollen an der Grenze stören ihren Weg zur Arbeit und zurück nicht weiter. Foto: Riggelsen
 

Für mich als Grenzpendlerin ist die Grenze keine eigentliche Grenze mehr. Für mich bedeutet es keine Ab-Grenzung. Für andere, die sich nicht ausweisen können und kontrolliert werden, ist sie eine unüberwindbare Hürde. Ein Kapitel des Nicht-Willkommen-Seins auf ihrer Reise durch Europa, auf der Suche nach einer neuen Heimat. Wie privilegiert ich bin, denke ich in diesen Zeiten nicht selten. Auto, Arbeit, Ausweispapiere. Alles vorhanden, um willkommen zu sein. Um als Mitglied einer Wohlstandsgesellschaft Zutritt zum Land zu bekommen. Um sich seine „Boller“ (Brötchen) vor Ort zu verdienen. Was für mich Heimat ist, bedeutet für Heimatlose einen Streifen Land, in dem eine Grenze über weiterreisen oder zurückgeschickt werden entscheidet. Zwei Welten, parallel laufende Lebensrealitäten.

Seit über elf Jahren fahre ich nach Dänemark, um für die Zeitung der deutschen Minderheit, „Der Nordschleswiger“, zu arbeiten. Der deutschen Minderheit in Nordschleswig fühlen sich rund 15.000 bis 20.000 Menschen zugehörig, es gibt unter anderem deutsche Schulen, deutsche Büchereien und eben auch eine deutsche Tageszeitung. Nach ein paar Jahren in verschiedenen Lokalredaktionen arbeite ich seit 2013 wieder in der Hauptredaktion in Apenrade. Fast täglich fahre ich an Autos mit deutschen Kennzeichen vorbei, die bis zum Wagendach vollgepackt sind mit Koffern, Proviantkisten und Decken. Urlauber auf dem Weg Richtung Küste und Ferienhäuser. Ich fahre Richtung Norden, um zu arbeiten. Nehme die Abfahrt Apenrade Süd und betrete kurze Zeit später das Medienhaus an der Schiffsbrücke in Apenrade.

In Dänemark arbeitet Sara Wasmund für den „Nordschleswiger“, die Zeitung der deutschen Minderheit.
In Dänemark arbeitet Sara Wasmund für den „Nordschleswiger“, die Zeitung der deutschen Minderheit. Foto: Riggelsen
 

Die Fahrt über die Grenze, mal über die Autobahn, mal über Krusau, ist für mich Alltag. Ich fühle mich wohl dabei, tagsüber in Interviews immer mal wieder Dänisch und nach Feierabend Deutsch zu sprechen. Ich mag es, beim Losfahren am Morgen den dänischen Nachrichtensender im Autoradio anzustellen und in dänische Politik und Gesellschaftsthemen einzutauchen, während ich über Großsolt und vorbei an Handewitt zur Arbeit fahre.

Ich arbeite hier und wohne dort. Ich spreche beide Sprachen, die eine zumindest ganz ordentlich. Mein Gehalt fließt in Kronen, meine Steuern entrichte ich bis auf die letzte Öre an die dänische Steuerbehörde Skat, ich bin in beiden Ländern krankenversichert, und meine Miete zahle ich an einen Hofbesitzer in einem Angeliter Dorf südlich von Flensburg. Für mich ist das Grenzland vertraut, zur neuen Heimat geworden. Ich habe in Flensburg mein erstes Praktikum in der Lokalredaktion des „Flensburger Tageblatts“ absolviert, in Sonderburg gearbeitet und geheiratet, habe beim Tønder Festival die Musikrichtung Folk für mich entdeckt und empfinde die Region Angeln mit all ihren grünen Hügelchen als mein persönliches Auenland. Mein Zuhause.

Wann wird eine neue Heimat zur Heimat? Wenn ich Gegenden und Städte in- und auswendig kenne. Wenn Orte mit Erinnerungen belegt, Begegnungen und Erlebnisse im Kopf lebendig werden, sobald ich an einem Strand oder einer Häuserzeile entlang laufe.

Die Grenzkontrollen sind ein Thema, über das ich als Journalistin bei der deutschen Tageszeitung in Dänemark häufig berichte. Selbst aus dem tiefsten Süddeutschland nach dem Abi eingewandert, berührt es mich zu wissen, dass ich willkommen war und bin – und andere nicht. Hinter jeder Überschrift, die über den Polizeiticker im Redaktionssystem läuft – „Grenzpolizei stoppt Transporter mit Syrern an Bord“ – stehen Menschen, die ebenfalls einen Neuanfang wagen wollen. Die Heimat suchen. Und nicht finden, weil es Grenzen gibt. Entlang der Nationen, in den Köpfen.

Oft frage ich mich, was diese aus der eigenen Heimat Geflüchteten wohl von meiner Heimat wahrnehmen, wenn sie an der Autobahnraststätte vor Pattburg aus dem Dunkel eines Kastenwagens klettern. Wenn sie auf Dänisch nach Papieren gefragt werden und kein Wort verstehen. Schilder, deren Buchstaben keinen Sinn ergeben. Nichts Vertrautes dabei. Ganz und gar kein Auswendigkennen. Ganz und gar kein Heimatgefühl.

Ich fühle mich zu Hause in beiden Gesellschaften – und zum Teil kenne ich mich in der dänischen Politik besser aus als in der norddeutschen. Ich fühle mich durch das Grenzpendeln bereichert, erweitert in meinem eigenen Sprach- und Lebenshorizont. Auch in den kleinen Dingen des Alltags. Wer einmal in Dänemark gearbeitet oder getagt hat, weiß: Vor allem im südlichen Teil des Landes, in Nordschleswig, gehören zu jeder Besprechung, zu jeder Konferenz und fast zu jedem Interview eine gute Tasse Kaffee, belegte Brote, Kuchen oder nicht eben selten Torte. Wer einmal während einer Konferenz an dänischen Marzipankuchen geknabbert und sein Gesicht bei Sitzungen dick aufgeschichteten Smørrebrøds zugeneigt hat, wird sich an zellophanumwickelte dröge Kekse auf deutschen Konferenztischen nur schwer wieder gewöhnen.

Hinzu kommt: Die Arbeitsatmosphäre ist in Dänemark weit entfernt von typisch deutschen Hierarchien. Jemand, der etwas zu sagen hat, zeichnet sich nicht etwa dadurch aus, dass er einen eigens für ihn beschrifteten Parkplatz vor dem Büro hat. Sondern dadurch, dass er wirklich etwas zu sagen hat. Ohne den Chef raushängen lassen zu müssen. Autorität ist kein Status – sondern etwas, das man sich durch das eigene Verhalten verdient. Man geht erstmal davon aus, dass ich mein Bestes gebe – und das Vertrauen spornt mich an, gut sein zu wollen. Hier ist es normal, dass der Chef nach dem gemeinsamen Frühstück auch mal das Geschirr wegräumt, Kaffee kocht oder die Praktikanten durch die Redaktion führt. Ob es auch an solchen Dingen liegt, dass derzeit mit mir rund 13.900 Deutsche zum Arbeiten über die Grenze nach Dänemark fahren und nur 650 Dänen für den Job gen Süden und zurückpendeln? Ein Anreiz für das Arbeiten in Dänemark ist sicher auch das Gehalt, das durchschnittlich höher ausfällt.

Mittlerweile liegt über ein Jahrzehnt des Grenzpendelns hinter mir. Die wieder eingeführten Kontrollen an der Grenze stören mich auf meinem Weg zur Arbeit und zurück nicht weiter. Egal sind sie mir dennoch nicht. Und so fahre ich an diesem Montagmorgen weiter, die Papiere wieder verstaut. Ich habe welche – was für ein Vorrecht, für das ich nicht einmal etwas kann. Und so folgt mir auf der Weiterfahrt ins Medienhaus an diesem Dienstagmorgen der Gedanke, dass Heimat ein Geschenk ist. Und keineswegs selbstverständlich.

zur Startseite

von
erstellt am 19.Nov.2016 | 17:43 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen