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Schleswig-Holstein

08. Dezember 2016 | 01:11 Uhr

Die immer polarisiert

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

„Kerstin ist ein Kumpeltyp“, sagt ein Mitarbeiter aus ihrem Team. Tatsächlich hat Kerstin Ott aus Heide überhaupt nichts Prätentiöses an sich. Zum Interview in einer Hamburger Espressobar kommt die Sängerin ganz lässig in Jogginghose. Sie trägt bequeme Kleidung, weil sie später noch mehr als drei Stunden im Auto sitzen wird. Um zu einem Auftritt nach Bochum zu fahren. Seitdem sie mit ihrem Hit „Die immer lacht“ bis auf Platz zwei der deutschen Charts gestürmt ist, reißen sich die Clubs um sie. Im In- und Ausland. Fast jedes Wochenende tritt die Dithmarscherin, die in Berlin geboren wurde, irgendwo auf. Unter der Woche arbeitet sie im Studio an ihrem ersten Album mit überwiegend selber geschriebenen Titeln – es soll im Herbst erscheinen und die unterschiedlichen Facetten der Künstlerin zeigen.

Eine Garantie dafür, dass es ebenso erfolgreich wie die erste Single sein wird, gibt es natürlich nicht. Statt sich darüber den Kopf zu zerbrechen, sieht Kerstin Ott ihrer ungewissen Zukunft ganz gelassen entgegen. „Ich habe keine Angst davor, ein One-Hit-Wonder zu bleiben“, sagt sie. „Denn ich hatte auch vor meinem Einstieg ins Musikgeschäft ein funktionierendes Leben.“ Nach ihrer Malerlehre hat sie sich selbstständig gemacht: „Ich war gerne Handwerkerin.“ Und, betont sie, es sei ihr nicht leichtgefallen, ihren Beruf aufzugeben: „Für mich ist das ein Riesenschritt gewesen. Weil ich ja auch an meine Familie denken muss, nicht nur an mich.“

Ihre Angehörigen haben sich inzwischen gut mit den einschneidenden Veränderungen arrangiert. Oft begleitet ihre Frau Kerstin Ott zu ihren Terminen. Die beiden sind ein bestens eingespieltes Team, ihre Leidenschaft für die Malerei verbindet sie. Auf Bestellung malen sie Bilder, meistens mit Acrylfarben. Sie hatten bereits zwei Ausstellungen in Heide. Und wenn sie mal entspannen wollen? Gehen sie mit ihren Hunden im Wald spazieren. Solche Momente sind die Fixpunkte in Kerstin Otts recht hektischem Alltag. Sie braucht keinen Großstadttrubel: „Ich bin ein Landei.“

Die 34-Jährige beschreibt sich als bodenständig. Sie ist zuverlässig. Eine Frau, die nie zu spät kommt oder Arroganz raushängen lässt: „Ich neige nicht zu Höhenflügen.“ Wenn sie jemand mit Helene Fischer vergleicht, kommentiert sie das mit mildem Spott. „Wir sehen uns unglaublich ähnlich…“, scherzt sie. Im Ernst: Dass Parallelen zwischen ihr und dem Schlagerstar gezogen würden, liege wohl eher an ihren Hits. Helene Fischer ist mit „Atemlos durch die Nacht“ genauso untrennbar verbunden wie Kerstin Ott mit „Die immer lacht“.

Rückblickend hat sie der Erfolg dieses Stücks überrascht. Schließlich schrieb sie es schon vor zwölf Jahren daheim am Küchentisch, um ihre kranke Freundin aufzumuntern. Weil die Heiderin damals als DJane unterwegs war, brannte sie nicht bloß eine CD, sondern 20. Sie verschenkte sie in ihrem Heimatort, aber irgendwie landete ein Exemplar in Berlin. Jemand lud die Nummer bei YouTube hoch. Dort entdeckten sie DJ Rixx und DJ Ric aus dem Erzgebirge. Sie verpassten dem gefühlvollen Gitarrensong einen Beat, dann stellten sie ihrerseits ihren „Die immer lacht“-Remix ins Netz. Damit war ein Partyhit geboren, der auf verschiedene Sampler kam und ein Chartstürmer wurde.

Die Geschichte klingt wie ein Märchen. Sie hat Kerstin Otts kühnste Träume übertroffen. Obwohl sie schon als Mädchen gesungen hat, bei Talentwettbewerben mitmachte und während ihrer Grundschulzeit in Rolf Zuckowskis Kinderchor aufgenommen wurde, war die Musik für sie nie mehr als ein Hobby: „Ich habe mir keine Chance auf eine Karriere als Sängerin ausgerechnet. Dafür war ich zu sehr Realistin.“ Umso mehr weiß sie ihren Aufstieg nun zu schätzen – ohne den Bezug zur Wirklichkeit zu verlieren: „Erfolg ist wie eine Seifenblase, die jederzeit zerplatzen kann.“

Bislang droht Kerstin Ott nicht aufs Abstellgleis zu geraten. Im Gegenteil: Jede große Plattenfirma wollte sie unter Vertrag nehmen. Sie eilt von einem Auftritt zum nächsten. Ihr anfängliches Lampenfieber hat die Heiderin, die vor ihrem allerersten Auftritt im Pahlazzo in Pahlen schrecklich nervös war, mittlerweile ziemlich gut im Griff: „Ich habe gelernt, auf der Bühne aus mir herauszugehen.“ Die Routine gibt ihr Sicherheit. Stetig ist ihre Fangemeinde gewachsen, bei Facebook bringt sie es auf fast 40  000 Follower. Was nicht heißt, dass jeder begeistert von ihr ist. Für „Die immer lacht“ erntet Kerstin Ott auch manchmal Kritik: „Meine Musik polarisiert halt.“

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erstellt am 04.Jun.2016 | 18:39 Uhr

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