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Schleswig-Holstein

06. Dezember 2016 | 11:20 Uhr

Kiel : Die Flüchtlingsretter von der Tender „Werra“ sind wieder zu Hause

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Tender „Werra“ ist aus dem Mittelmeer zurück in Kiel. Soldaten haben 1821 Schiffbrüchige aus Seenot gerettet.

Kiel | Die letzten zwei Tage waren für die Soldaten besonders hart. So nah an der Heimat – und nach 145 langen Tagen doch nicht bei der Familie. Sehnsüchtig warteten am Freitag im Kieler Marinestützpunkt die Familien auf die Besatzung des Tenders „Werra“, die in den vergangenen Monaten im Mittelmeer Flüchtlinge aus Seenot gerettet und Schleuser bekämpft hat. Zwei Tage ankerte das Versorgungsschiff noch in der Strander Bucht, Munition wurde ins Depot Laboe ausgeladen, um am Freitag pünktlich im Heimathafen einzulaufen.

Die Familien hatten Luftballons mitgebracht, viele in Herzform, beschriftet mit „Endlich wieder da“. „Willkommen-Zuhause“-Schilder wurden in die Luft gehalten, Rosen übergeben. Kurz vor 10 Uhr, wenige Minuten bevor der Tender pünktlich anlegte, wurden in einer Gruppe junger Frauen schon vorsichtshalber Taschentücher verteilt. „Papa“-Rufe schallten über die Tirpitzmole in Kiel. Und auch der kleine Henry machte pünktlich die Augen auf. Vier Monate ist der Junge alt. „Die Abwesenheit ist schon hart“, sagt sein Vater Patrick Stark, „der Einsatz war fordernd. Aber umso schöner ist der heutige Tag.“ Mein Sohn hat jetzt angefangen, seine Hände und Füße zu erleben. Das möchte man als Vater natürlich gerne mitbekommen.“

Wieder Zuhause: Obermaat Patrick Stark mit seinem vier Monate altem Sohn Henry und Frau Nicole.
Wieder Zuhause: Obermaat Patrick Stark mit seinem vier Monate altem Sohn Henry und Frau Nicole. Foto: Marcus Dewanger
 

Nur an Hafentagen hatten die Besatzungsmitglieder Internet für den zivilen Gebrauch, nur an Hafentagen konnte der Obermaat neue Bilder von seinem Sohn empfangen. „Dabei war ich nur fünf Wochen an Bord, fast alle anderen fast fünf Monate.“ Seine Frau Nicole sagt: „Er war schon mal länger weg. Das ist dann noch härter. Jetzt war es wie bei einer Übung. Trotzdem freuen wir uns natürlich riesig, dass er wieder da ist.“

Ende Juni, während der Kieler Woche, war die „Werra“ ausgelaufen. 25.000 Seemeilen hat der Tender zurückgelegt. Also mehr als 46.000 Kilometer. Was mehr als einer Erdumrundung entspricht. Insgesamt 1821 schiffbrüchige Flüchtlinge hat die Besatzung aus akuter Seenot gerettet, an Bord genommen, verpflegt und den italienischen Behörden in Messina übergeben. Drei Schleuser wurden festgenommen.

„Wir haben unsere Aufgabe professionell ausgeführt“, sagt der Kommandant des Schiffes, Korvettenkapitän Mirko Preuß. „Man wird routiniert“, sagt er. Einerseits. Andererseits: „Der Druck ist schon sehr hoch – physisch und psychisch.“ An manchen Tagen sei es sehr ruhig, an anderen hingegen „wissen Sie nicht, wie alles zu schaffen ist“.

<p>„Wir haben unsere Aufgabe professionell ausgeführt“, sagte Kommandant Mirko Preuß.</p>

„Wir haben unsere Aufgabe professionell ausgeführt“, sagte Kommandant Mirko Preuß.

Foto: Marcus Dewanger
 

Jedem der etwa 100 Besatzungsmitgliedern wird der 21. Oktober in Erinnerung bleiben. Es war der letzte Rettungseinsatz. Und der heftigste. Nordwestlich von Tripolis waren 844 Menschen in Seenot geraten. Unterwegs waren sie in sechs völlig überfüllten Schlauchbooten. „Die Gesichter der Menschen“, sagt Alexander Prößdorf, „die vergisst man nicht. Das geht einem schon nah.“ Prößdorf arbeitet als Smut. Alle Menschen seien versorgt worden. Mit Wasser, Reis und Gemüse. Auf Fleisch wird verzichtet. Wegen der verschiedenen Nationalitäten und Kulturen der Flüchtlinge.

Auch eine Geburt fand an Bord statt. Ein kleiner Junge wurde geboren. Kommandant Preuß sieht es pragmatisch: „Bei der Anzahl der Personen, die wir an Bord genommen haben, war es nur eine Frage der Zeit. Die Geburt gehört zum Leben dazu. Genau wie der Tod.“ Es sind Erfahrungen, die die Männer und Frauen der Marine wohl ihr Leben nicht vergessen. Jetzt aber haben sie erstmal wieder Zeit für ihre Familien.

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erstellt am 12.Nov.2016 | 11:56 Uhr

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