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Schleswig-Holstein

07. Dezember 2016 | 15:29 Uhr

Bordell-Streit in Pinneberg : Der Sitten-Krieg ums Rotlicht in Schleswig-Holstein

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Türkisch-Islamische Gemeinde in Pinneberg will gegen ein Bordell vorgehen. Einmalig ist dieser Streit ums Rotlicht in SH nicht.

Pinneberg/Kiel | Von wegen grenzenlose Freiheit zwischen den Meeren: Zwar gibt es in Schleswig-Holstein laut einem Bericht der Landesregierung zur Auswirkung des Prostitutionsgesetzes 100 Bordelle sowie weitere 300 Modellwohnungen, doch die Goldgräberzeiten im Sexgeschäft scheinen lange vorbei.

Auch wenn allein in Flensburg und Umgebung über 120 Kontaktadressen auf diversen Internetseiten frei einsehbar sind und landesweit knapp 14.000 Frauen ihren Körper verkaufen. Noch, muss man sagen. Denn die Betreiber stoßen auf immer mehr Widerstand. Nicht nur vonseiten der Behörden, immer öfter wehren sich Bürger gegen das Geschäft mit dem käuflichen Sex direkt vor ihrer Haustür.

Jüngster Fall: das Pinneberger Bordell in der Friedenstraße. In dem gelben Haus bieten drei Mädchen Freiern ihre Dienste an, in der linken Hälfte ist eine Flüchtlingsfamilie mit fünf Kindern untergebracht ist. Dazu beklagte Seref Ciftci, der Vorsteher der Türkisch-Islamischen Gemeinde, mehrfach in Gesprächen mit Vertretern der Stadt, dass die Friedenstraße für Kinder ein Schulweg sei und in der Moschee 170 Kinder betreut würden und deshalb dort kein Puff hingehöre. Zumal sich Prostituierte mit entblößten Brüsten am Fenster gezeigt hätten.

Für den Betreiber, einen gebürtigen Russen, alles kein Problem: „Es gab nur einen Vorfall. Eine Frau ist in die Küche gegangen, in der das Licht an war. Sie war oben herum aber bekleidet“, sagt er. „Ich verstoße gegen kein Recht. Alle Mädchen sind angemeldet“, betont er. Für nächste Woche hat die Pinneberger Bürgermeisterin Urte Steinberg ein Gespräch anberaumt.

„Eve´s“-Nachtclub auf Sylt

In Westerland musste die Sylter „Rotlicht-Königin“ Eva Gablenz jahrelang suchen, bis sie im September nun endlich ihren „Eve´s“-Nachtclub neu eröffnen kann. Ein im vergangenen Jahr geplanter Umzug von der Norderstraße 45 in das Haus „Ankerlicht“ in der Stephanstraße, gleich neben das altehrwürdige Westerländer Rathaus, war gescheitert – offenbar hatten sich Anwohner mit ihren Bedenken durchgesetzt.

Auch am neuen Standort des Eve’s gibt es besorgte Anwohner, denen das Freudenhaus in der Nachbarschaft offenbar ein Dorf im Auge ist. Bürgermeister Nikolas Häckel bestätigte, dass bei ihm einige telefonische Anfragen zum Umzug des Nachtclubs eingegangen seien. Ärger um den Standort ihres Lokals ist für Eva Gablenz nichts Neues.

Vor 33 Jahren startete die frühere Friseurin aus Hamburg-St. Georg mit einem Nachtclub im Meisenweg, wechselte dann ins „‚Deutsche Eck“ gegenüber vom Westerländer Bahnhof. Doch der Standort mit viel Laufkundschaft passte nicht zum Qualitätsanspruch der Unternehmerin. In der Norderstraße 45 fand die Betreiberin für ihr Etablissement damals auf viele Jahre ein passendes Domizil. Nun freut sich die 68-Jährige auf den Umzug aus dem Norden Westerlands in die zentral gelegenen Räume.

Gentlemen’s Club auf Sylt

Keinen Erfolg auf Sylt dagegen hatte Jürgen Rudloff. Der Bordell-Unternehmer aus Stuttgart plante einen Gentlemen’s Club für rund 2,5 Millionen Euro im ehemaligen Kino im Appartementhaus Strandburg. Hier sollten rund 15 bis 20 Angestellte „auch der Prostitution nachgehen“. Der Sex-Unternehmer warb offensiv für sein Sylter Etablissement: „Der idyllische Charakter Sylts wird nicht verloren gehen, weil ich komme.“ Vergebens, nach Bürgerprotesten ging auch die Verwaltung auf Gegenkurs. Folge: Der Bordellkönig musste sein Projekt beerdigen.

Straßenstrich in Neumünster

Im sonst eher beschaulichen Neumünster gab es jahrelang Streit um den einzigen Straßenstrich in Schleswig-Holstein. Erst in der Hanssenstraße, dann vor dem Südfriedhof positionierten sich abends immer drei junge Rumäninnen in knappen Kleidern. Die Anwohner zeigten sich ob des zunehmenden Verkehrs vor dem Friedhof empört. Als die Kirche ihr Hausrecht durchsetzte („Uns liegt viel daran, die Würde des Ortes aufrechtzuerhalten“, so Pastorin Simone Bremer), wanderten die Huren weiter – zur Bushaltestelle vor dem Parkplatz einer nahegelegenen Schule.

Das löste erst recht eine Welle der Empörung aus. „Das geht so gar nicht. Diesen Zustand werden wir nicht tolerieren“, erklärte Schulleiterin Silke Rohwer. Die Wanderhuren dagegen zogen erneut 200 Meter weiter. Bis die Ratsversammlung – in Schleswig-Holstein einmalig – eine Sperrbezirksverordnung erließ. Der Haken daran: Wohnungsprostitution ist nicht von diesem Erlass betroffen, so leuchtete später ausgerechnet neben der katholischen St.-Maria-St.-Vicelin-Kirche das bekannte rote Licht.

FKK-Sauna Club in Reinsberg abgelehnt

Weiteres Beispiel: Im Reinsberger Gewerbegebiet in zentraler Lage an der A1 wollte ein Investor einen FKK-Sauna-Club mit Wellness-Hotel errichten. Nach Bürgerprotesten wurde dies von den Stadtverordneten auf Eis gelegt.

„ElmsPorn“ in Elmshorn

Oder der Fall Elmshorn: Die beschauliche Kleinstadt machte als „ElmsPorn“ Schlagzeilen. Jede Menge Porno-Filme sollen Giulia S. und ihr Mann Martin in der Wohnung von Vermieter Erich Erbst gedreht haben. Unter dem Künstlernamen „Schnuggie91“ hatte die junge Frau ihre Filmchen ins Netz gestellt. Das Ganze ging vor Gericht – allerdings auch wegen massiver Schäden an der Wohnung.

Trotz aller Bürgerproteste und Widerstände, noch immer werden im Milieu enorme Summen umgesetzt. Geschätzter Umsatz: 150 Millionen Euro bundesweit, in Schleswig-Holstein immerhin auch noch mindestens 5,2 Millionen – täglich. Kein Wunder, dass hier mit harten Bandagen gekämpft wird.

In Schleswig-Holstein gehen die Behörden davon aus, dass insbesondere Rockergruppen das Rotlicht dominieren und haben aufgerüstet: Bei der Bezirkskriminalinspektion Kiel und bei der Kriminalpolizeistelle Lübeck besteht eine spezielle „Ermittlungsgruppe Milieu“. Im Landeskriminalamt (LKA) besteht die Zentralstelle Menschenhandel. Allerdings kommen jährlich nur zwischen vier und 20 Verfahren in Schleswig-Holstein wegen „Menschenhandels zum Zwecke der sexuellen Ausbeutung“ vor Gericht, verzeichnet die polizeiliche Kriminalstatistik nur sieben beziehungsweise sechs Straftaten wegen „Ausbeutung von Prostituierten“ oder Zuhälterei. Die Aufklärungsquote liegt bei 100 Prozent.

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erstellt am 13.Aug.2016 | 19:54 Uhr

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