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Schleswig-Holstein

08. Dezember 2016 | 23:08 Uhr

SH-Ministerpräsident in Jerusalem : Der etwas andere Torsten Albig

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Eindrücke von der Reise einer Schleswig-Holstein-Delegation nach Israel.

Kiel/Jerusalem | Die Zeremonie ist förmlich. Die Vertreterin der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem auf dem Herzlberg in Jerusalem ruft den Redner „Torsten Albig, Primeminister of the Land Schleswig-Holstein“ ans Pult. Der Ministerpräsident trägt eine Kippa, weil sich in der Gedenkhalle die Asche ermordeter Juden befindet. Dann spricht er einige Sätze auf Englisch, legt einen Kranz nieder und verharrt lange schweigend.

Man kann vieles falsch machen auf einer Delegationsreise in Israel. Jedes Wort will gewichtet werden und zählt. Das gilt auch für Albigs Ansprache bei der Unterzeichnung einer Vereinbarung zwischen der auf dem Gelände der Gedenkstätte befindlichen International School for Holocaust Studies und dem Land Schleswig-Holstein. Weil es um Bildung geht, ist Staatssekretär Dirk Loßack mit von der Partie bei der Unterzeichnung.

Über kulturelle Grenzen hinweg: Torsten Albig applaudiert in Ost-Jerusalem dem Chor von palästinensischen Schülerinnen der deutschen Schmidt-Schule.
Über kulturelle Grenzen hinweg: Torsten Albig applaudiert in Ost-Jerusalem dem Chor von palästinensischen Schülerinnen der deutschen Schmidt-Schule. Foto: dpa

Der Ministerpräsident löst sich kurz von seinem Manuskript, spricht über die Eindrücke, die insbesondere die Gedenkstätte für ermordete Kinder hinterlässt. Auf Hebräisch, Englisch und Jiddisch werden in einem dunklen Raum voller Spiegel die Namen der umgebrachten Kinder verlesen. Es läuft einem kalt den Rücken herunter.

Palästinensische Mädchen singen deutsche Volkslieder

Wie reflektiert die Israelis mit dem Holocaust umgehen, zeigt die Pädagogik der Gedenkstätte. Der obligatorische Besuch von Schulklassen soll nicht dazu führen, dass Juden sich nur als Opfer verstehen. Gerade Jugendliche stößt das ab – sie wollen einem starken Volk und Staat angehören. Aber sie sollen auch verstehen, welch reiche Kultur in Europa durch den Holocaust verloren ging.

Auf der anderen, der arabischen Seite der Stadt liegt die Schmidt-Schule, an der palästinensische Mädchen das deutsche Abitur ablegen können. Früher kamen sie vielfach aus der Westbank, aber die Mauer hat ganze Arbeit verrichtet. Palästinensische Eltern fürchten um ihre sechsjährigen Töchter, wenn sie morgens und nachmittags durch die Checkpoints der Soldaten müssen. Also werden fast nur noch Mädchen eingeschult, die im arabischen Ostteil der Stadt leben. Dort kann man sich vergleichsweise frei bewegen, weil Israel das Territorium annektiert hat. Damit hat die deutsche Schule weit mehr als die Hälfte ihres Einzugsgebietes verloren.

Besuch in der Altstadt: Albig besichtigt die Grabeskirche, an deren Stelle einst das Kreuz und Grab Jesu Christi gewesen sein sollen.
Besuch in der Altstadt: Albig besichtigt die Grabeskirche, an deren Stelle einst das Kreuz und Grab Jesu Christi gewesen sein sollen. Foto: dpa
 

Die Mädchen singen deutsche Volkslieder. Sie sind aufgeregt, aber auch selbstbewusst. Kopftücher sind hier verboten, Schuluniform Pflicht. Die Lehrerschaft ist zu 85 Prozent christlich und zu 15 Prozent muslimisch. Bei den Schülerinnen ist es umgekehrt. Der engagierte Schulleiter Rüdiger Hocke erzählt von der zeitaufwendigen Elternarbeit, denn nicht alle muslimischen Väter mögen es, wenn ihre Teenager-Töchter so herumlaufen. Aber das deutsche Abitur soll den Mädchen eine Zukunft ermöglichen, die nicht so trostlos ist wie die ihrer Altersgenossinnen in Gaza, Nablus oder Hebron. Im Physiksaal experimentieren gerade die Leistungskurslerinnen unter Anleitung ihres deutschen Lehrers. Albig spricht sie so an, dass das Eis schnell gebrochen ist. Ärztin möchte eine werden, Architektur eine andere studieren. Wo? „In Deutschland!“ Natürlich, welch eine Frage. Und dann zurück in ihr Land, ob es Israel oder Palästina heißen mag.

Kindergärten und Schulen als Saat für den Frieden

Förmlich geht es wiederum zu, als Albig zum Präsidenten Reuven Rivlin aufbricht. Die Landtagsabgeordneten nimmt er mit. Nach kurzer Kontrolle des Botschaftsfahrzeuges darf er auf das Gelände des Präsidentenpalastes fahren. Teilnehmer berichten später, der Präsident sei sehr locker und offen gewesen. Rivlin genießt in Israel längst höheres Ansehen als Ministerpräsident Benjamin Netanjahu, auch wenn dieser ungleich mehr Macht hat. Rivlin war früher ein Hardliner, aber das waren viele israelische Politiker, bevor sie die Einsicht in die Notwendigkeit von Entgegenkommen gegenüber den Palästinensern zeigten. Denen geht es nach wie vor schlecht, vor allem hinter der Mauer.

Dass Albig mit solcher Aufmerksamkeit bedacht wird, hat seinen Grund nicht nur in seinem Amt. Sicher, Rivlin war erst kürzlich in Kiel, um sich die Werft anzuschauen, die wieder einmal ein U-Boot nach Israel auslieferte. Aber Albig ist auch als Vize-Vorsitzender der deutschen Sektion der Jerusalem Foundation, einer Gründung des legendären Jerusalemer Bürgermeisters Teddy Kollek, der sich unermüdlich um den Ausgleich zwischen Israelis und Palästinensern kümmerte. Die Arbeit der Stiftung führt zu Schulen und Kindergärten, in denen Arabisch und Hebräisch, Jungen und Mädchen unterrichtet werden. Es ist die Saat für den Frieden.

Die Grabes- oder Auferstehungskirche ist der Ort für Christen aller Konfessionen, an dem Kreuzigung und Grablegung Jesu verortet werden. Das Gewusel der Pilger in dem verschachtelten Bau verstört viele, die ihn das erste Mal erleben. Albig hält inne, wie in Yad Vashem.

„Selten hat mich eine Reise auch persönlich so tief berührt“, wird er später zurück in Kiel sagen. Vielleicht nimmt er etwas von dem Jerusalemer Licht mit in den grauen Kieler Alltag.

Ländervergleich:  Israel und Schleswig-Holstein in Zahlen

  Israel Schleswig-Holstein
Fläche (Quadratkilometer) 20.766 15.760
Einwohner (in Mio.) 8,4 2,8
Bruttoinlandsprodukt (in Mrd. Euro) 275,2 85,6
Bruttoinlandsprodukt/Einwohner 32.761 30.571
Exporte (in Mrd. Euro) 61,0 19,7
Importe (in Mrd. Euro) 66,5 19,5
Stand 31.12.2015.Quelle: Statistikamt Nord/AHK/BoI
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