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Schleswig-Holstein

09. Dezember 2016 | 06:51 Uhr

Meeresrätsel : Delfine in der Ostsee: Wie Veränderungen das Ökosystem beeinflussen

vom
Aus der Onlineredaktion

Delfine könnten in der Ostsee ein neues Zuhause finden – doch das heimische Ökosystem sieht sich anderen Bedrohungen ausgesetzt.

Wer seinen Urlaub in diesem Jahr an der Ostsee verbracht hat, wähnte sich mitunter am Mittelmeer oder am Atlantik. Nicht Wärme sorgte für mediterranes Flair, sondern vor allem exotische Besucher: Seit Juli tummelt sich zwischen den Inseln Rügen und Usedom ein zehn Meter großer Buckelwal. Weiter westlich sorgt ein Delfin für Begeisterung, den es von der Kieler Bucht aus nach Eckernförde getrieben hat. Und dann sind da noch die Delfine „Selfie“ und „Delfie“. Die beiden Großen Tümmler schwimmen seit einem Jahr in der Ostsee umher, sind zuletzt in Dänemark gesichtet worden.

Erobern sich fremde Arten mit der Ostsee einen neuen Lebensraum? Oder haben sich Arten wie Buckelwal und Großer Tümmler nach konsequenten Schutzmaßnahmen so vermehrt, dass mehr Irrläufer in das Randmeer kommen? „Wir wissen es nicht“, sagt der Direktor des Deutschen Meeresmuseums, Harald Benke, in Stralsund. Die Forscher stehen vor einem Rätsel, bei dem auch die Frage nach dem Einfluss der Meeressäuger auf das hiesige Ökosystem offen bleibt.

Einschleppung neuer Arten keine Seltenheit

Einige ebenso fremde, aber weniger auffällige Arten wie Wal oder Delfin sind in den letzten Jahren in der Ostsee durchaus heimisch geworden. So haben sich die Schwarzmundgrundel - ein Fisch - und die Meerwalnuss - eine Rippenqualle - als invasive Arten in der Ostsee festgesetzt.

Die Meerwalnuss wurde 2006 erstmals in der Ostsee registriert, in diesem Sommer hat sie sich stark vermehrt. Die im Asowschen und im Kaspischen Meer beheimatete Schwarzmundgrundel wurde 1990 erstmals in der Danziger Bucht bei Polen erfasst, von wo sie sich nach Norden in Richtung Finnland und Schweden und nach Westen in Richtung Dänemark ausbreitete.

Auch für den Großen Tümmler sehen die Meeresbiologen des Deutschen Meeresmuseums durchaus Chancen, dass er die Ostsee als Lebensraum langfristig annehmen kann - auch, weil anscheinend die Population in der Nordsee wächst. „Der Große Tümmler ist sehr standorttreu“, sagt der Walforscher Benke. Mit Dorschen und Heringen gebe es in der Ostsee ausreichend Nahrung.

Voraussetzung für den dauerhaften Verbleib sei das Nachrücken von Weibchen. Bislang wurden in der Ostsee nur Männchen beobachtet. Zudem hat die Ostsee eine Besonderheit, die zum Problem für die Gäste werden kann: Anders als die Nordsee friert sie bei kalten Wintern zu großen Teilen zu. Meeressäuger müssen aber regelmäßig zum Atmen an die Oberfläche. Wie „Selfie“ und „Delfie“ bewiesen haben, sind aber auch Delfine - ähnlich wie die heimischen Schweinswale - durchaus in der Lage, in der Ostsee zu überwintern.

Experten erwarten keine Veränderungen am Ökosystem

Ob die Neubürger in der Ostsee nun eher gut oder schlecht für das heimische Ökosystem sind, lässt sich laut Dr. Michael Dähne, Kurator für Meeressäugetiere in Stralsund, pauschal nicht sagen. Während die harmlos anmutende Meerwalnuss bisher keinen großen Einfluss auf das Ökosystem Ostsee hat, löste sie in den 90er Jahren eine ökologische Katastrophe im Schwarzen Meer aus und verdrängte 90 Prozent aller anderen Lebewesen. Mit einer derartigen Plage wird für die Ostsee nicht gerechnet, da es hier noch ausreichend Nahrungskonkurrenten wie die Sprotten, Heringe und Ohrenquallen gibt.

Einen solch drastischen Wandel erwartet Dähne auch im Zusammenhang mit den immer häufiger gesichteten Meeressäugern nicht. „Große Veränderungen für das marine Ökosystem sind auch bei kleineren Delfin-Gruppen nicht zu erwarten“, sagt er. Interessant bleibt nach Meinung des Experten zu beobachten, wie die neu zusammengewürfelten Tierarten miteinander in Wechselwirkung treten. „Schließlich buhlen Delfine mit Seehunden, Kegelrobben und Schweinswalen um ähnliche Beute“, so Dähne.

Dass bei Fredericia erst kürzlich ein Delfin dabei gefilmt wurde, wie er einen Schweinswal getötet hat, hält der Experte für eine Ausnahme: „Das ist kein ungewöhnliches Verhalten, aber eine Bedrohung für die Population des Schweinswals stellen Delfine in der Regel nicht dar.“ Ganz im Gegenteil: „Die Ostsee veträgt durchaus große Tiere“, wie der Walforscher betont.

Bedrohung durch Beifang und Umwelt

Eine viel größere Bedrohung als durch die Einschleppung neuer Arten geht nach Meinung der Experten von der Fischerei - und nicht zuletzt der Umweltverschmutzung - aus. „Der unbeabsichtigte Fang in Fischereigerät, der sogenannte Beifang, hat sich zu einer zentralen Gefahr für Wale und Delfine entwickelt“, so Meeresbiologe Prof. Boris Culik aus Kiel.

Als Beifang werden alle aus dem Meer gefischten Lebewesen bezeichnet, die vom beabsichtigten Fangziel abweichen – und zu denen zählen immer häufiger Meeressäuger wie der Schweinswal. Allein an den deutschen Stränden der Ostseeküsten werden jedes Jahr bis zu 150 tote Tiere, die offensichtlich in Netzen verendet sind, gefunden. Dabei spielen Delfine und Wale eine wichtige Rolle im marinen Ökosystem: An der Spitze der Nahrungskette erhalten sie das ökologische Gleichgewicht der Arten, indem sie die Population und Größenklassen von Fischen und anderen Meerestieren beeinflussen.

Kopfzerbrechen bereitet den Experten auch, dass die Ostsee als das am stärksten verschmutzte Meer der Welt gilt. Bis zu 25 Prozent des Meeresbodens gelten als biologisch tot. Auf Fehmarn haben Umweltschützer 2010 bei Untersuchungen mehrerer 100 Meter langer Küstenabschnitte im Schnitt 92 Müllteile gefunden, mehr als 60 Prozent waren aus Plastik.

Schleswig-Holsteins Umweltminister Robert Habeck sieht die Vermüllung der Meere daher mit Sorge. „Es kann nicht sein, dass Meeressäuger sich in Abfall verheddern, dass sie Plastikteile anstelle von Fisch im Magen haben, sich kleinste Kunststoffteile in der Nahrungskette anreichern - nur, weil die Meere zu Müllhalden werden“, sagte er damals.

(mit dpa)

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erstellt am 04.Okt.2016 | 20:24 Uhr

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