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Schleswig-Holstein

05. Dezember 2016 | 05:26 Uhr

Preetz, Ratzeburg und Niebüll : Das Sterben der Geburtshilfe in Schleswig-Holstein

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Entbindungsstationen sollen geschlossen werden, weil es dort zu wenige Geburten gibt. Dafür hagelt es Kritik.

Preetz/Ratzeburg/Niebüll | Geht es nach den Krankenkassen, wird die Kliniklandschaft im Norden radikal umgebaut. Von den derzeit 21 geburtshilflichen Kliniken seien höchstens 17 überlebensfähig. Die Entbindungsstationen in Preetz, Ratzeburg und Niebüll sollen geschlossen werden, weil sie schon heute die kritische Masse von 500 Geburten im Jahr nicht erfüllen. „Der in den jeweiligen Kreisen weit überdurchschnittliche Geburtenrückgang gibt diesen Standorten keine Perspektive“, heißt es in einem Positionspapier der gesetzlichen Kassen, das unserer Zeitung vorliegt. Und auch der Standort Eckernförde steht erneut zur Disposition.

Wenn mehr Entbindungsstationen schließen, müssen die Frauen weitere Wege auf sich nehmen. Außerdem verlieren sie an Planungssicherheit.

In dem Papier wird beklagt, dass bei der öffentlichen Diskussion um den Bestand der Geburtshilfe die Frage der medizinischen Qualität nur eine untergeordnete Rolle spielt. Meist sei allein die Erreichbarkeit und Entfernung der Entbindungsstation vom Wohnort ausschlaggebend. Das halten die Kassen für problematisch, weil Schleswig-Holstein im Ranking der 16 Bundesländer bezogen auf die Säuglingssterblichkeit auf Platz 14 abgesackt ist.

Vor allem extrem kleine Frühchen überleben im Norden seltener als im übrigen Bundesgebiet. Deshalb wollen die Kassen nicht nur Standorte schließen, sondern die intensivmedizinische Versorgung besonders kleiner Neugeborener auf vier Standorte konzentrieren: auf Kiel, Lübeck, Itzehoe und Flensburg. Heide würde somit seinen Status als „Level-1-Geburtshilfe“ verlieren. Rendsburg und Neumünster würden von Level zwei auf drei abgestuft, was wegen der Nähe zu den Top-Kliniken in Kiel vertretbar sei, heißt es in dem Kassen-Papier.

Die Gutachter gehen davon aus, dass die Helios-Klinik Schleswig durch den Neubau an Attraktivität gewinnt, zumal dort auch eine Kinderstation vorgehalten wird. Eckernförde hingegen habe in der Vergangenheit personelle Engpässe gehabt. Rendsburg und Schleswig seien als Alternative für Schwangere gut erreichbar.

Zumutbar ist für die Kassen eine Entfernung zur nächsten Geburtsstation von 45 Minuten. Das sei mit Ausnahme der Inseln und Halligen überall in Schleswig-Holstein gewährleistet.

Druck macht jetzt die Opposition im Landtag, weil Niebüll wegen Hebammenmangels jetzt vorübergehend die Geburtsstation schließt. „Ministerin Alheit muss endlich ein Konzept vorlegen, wie die Geburtshilfelandschaft künftig aussehen soll“, fordert die CDU. Ansonsten werde das Sterben der Entbindungskliniken weitergehen. Allein seit der Jahrtausendwende haben bereits zehn Standorte, nämlich Kappeln Helgoland, Brunsbüttel, Mölln, Elmshorn, Bad Oldesloe Westerland auf Sylt und Wyk auf Föhr dichtgemacht.

Die SPD-Ministerin räumte am Montag zwar ein, „dass es für kleinere Standorte schwieriger wird, die medizinische Qualität zu sichern“. Zugleich betonte Alheit jedoch, dass sie sich dem Positionspapier der Kassen und den darin enthaltenen Schlussfolgerungen nicht anschließe und fordert neue Daten.


Wenn in einer Klinik pro Tag nicht einmal zwei Geburten stattfinden, fehlt dem Personal die notwendige Übung, kommentiert Margret Kiosz.

Von finnischen Verhältnissen sind die Schleswig-Holsteiner noch weit entfernt. In dem skandinavischen Land beträgt der längste Weg einer Gebärenden zur nächsten Geburtsklinik deutlich über 500 Kilometer. Doch auch in Schleswig-Holstein werden die Wege länger. Wer den Frauen etwas anders erzählt, tut das wider besseres Wissen.

Wenn in einer Klinik pro Tag nicht einmal zwei Geburten stattfinden, fehlt dem Personal die notwendige Übung. Schlimmer noch, es fehlt auch das geeignete Fachpersonal – die Versorgung der Schwangeren und Wöchnerinnen wird von allgemeinen Stationsdiensten übernommen – mitunter mit fatalen Folgen. Längst haben Frauen erkannt, welches Risiko sie damit eingehen und haben mit den Füßen abgestimmt – wie die Beispiele der Entbindungskliniken auf Sylt und in Oldenburg zeigen.

Natürlich sind hohe Fallzahlen nicht alles, und natürlich verlaufen die meisten Geburten normal – ohne Komplikationen und ohne Risiko für Mutter und Kind. Aber eben nicht alle, wie die relativ hohe Säuglingssterblichkeit in Schleswig-Holstein zeigt. Jenseits des Alltagsgeschäftes der Hebammen, die hervorragende Arbeit leisten, gibt es Fälle, in denen ein Gynäkologe eingreifen muss und möglichst auch ein Kinderarzt anwesend sein sollte. Dass den Frauen klar und deutlich zu sagen, ist Aufgabe der Politik.

Die Entbindungsklinik um die Ecke war zwar bequem, aber sie ist Vergangenheit. Das Anspruchsverhalten an die Medizin ist gestiegen, die medizinischen Herausforderungen durch immer ältere Erstgebärende auch, und die Demographie verlangt neue Antworten. Eine davon ist, dass der Bauch der Mutter das bester Transportmittel für Babys ist. In Finnland hat man das begriffen – trotz 500 Kilometern Anfahrt ist die Säuglingssterblichkeit viel geringer als bei uns. Es wird Zeit, jetzt auch den Schleswig-Holsteinerinnen reinen Wein einzugießen.

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erstellt am 05.Jul.2016 | 10:43 Uhr

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