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Schleswig-Holstein

11. Dezember 2016 | 01:23 Uhr

Flensburger Brauerei : Das „Plop!“ einer Bierflasche macht den Unterschied

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Das Heimat-Geräusch – oder wie der Klang einer Bierflasche zur erfolgreichen Marketingstrategie wurde.

Flensburg | Manchmal ist die Differenz zwischen großem, und sagen wir mal nicht ganz so großem Erfolg nur eine Winzigkeit. In Flensburg gibt es für diese Differenz sogar ein Geräusch, und das geht so: Plop! Ein Plop markiert den Moment, in dem beim Öffnen eines mechanischen Bügelflaschenverschlusses schlagartig der Überdruck des kohlensäurehaltigen Flascheninhaltes entweicht. Für die meisten Flensburger, viele Schleswig-Holsteiner und viele andere mehr ist dieses Geräusch der Klang der Heimat geworden.

Das Geräusch gehört der Flensburger Brauerei Emil Petersen & Co. KG. Sie hat es gegen jeden Trend der Zeit einfach festgehalten, als fast alle anderen deutschen Brauereien in den 1970-er Jahren auf den pflegeleichten Kronkorken umstellten, der die Produktion günstiger machte – wenn auch auf Kosten von Milliarden zu entsorgender Metallverschlüsse. Mitte der 80-er Jahre begann diese bemerkenswerte Trendverweigerung durch die prägenden Unternehmerpersönlichkeiten Emil Petersen und Hans Dethleffsen etwas unerwartet eine erstaunliche Rendite abzuwerfen. Das regionale Bier mit dem Plop wurde bundesweit zur unverwechselbaren Marke.

Den entscheidenden Schubs bekam das traditionsreiche und zutiefst bürgerliche Flensburger Brauhaus von einer zutiefst anarchischen, Motorrad fahrenden Biker-Gestalt mit einem gewaltigem Riechkolben, markanten Hasenzähnen und einer fatalen Neigung zu komisch-überzeichneten Missgeschicken einschließlich Bruchlandungen, Massenkarambolagen und mittleren Katastrophen aller Art: Werner.

Biker-Gestalt mit einem gewaltigem Riechkolben: Werner.
Biker-Gestalt mit einem gewaltigem Riechkolben: Werner. Foto: dpa
 

„Werner“, sagt Ulrich Beuth, Marketing-Direktor der Flensburger Brauerei, „mit Werner fing alles an. Er hat die Marke damals über unsere regionalen Grenzen hinaus bekannt gemacht.“ Und zwar mit zwei Worten: „Flasch Flens“ gefolgt von dem würzigen „Plop“ der Bügelbuddel. Rötger Feldmann, Lübecker mit wichtigen Sozialisationsphasen zwischen Kiel, Flensburg und Rendsburg-Eckernförde, hatte die in den 80er und 90er Jahren bundesweit erfolgreiche Comic-Figur erfunden. Werners gedruckte und gefilmte Abenteuer verfolgte ganz Deutschland mit wachsendem Vergnügen.

Die Brauerei sah das mit Wohlwollen, natürlich, weil die Absatzkurve ihres Pilseners mit der explodierenden Popularität des Comic-Helden synchronisiert zu sein schien. Höhepunkt des Plop-Hypes war das erste Werner-Festival im September 1988 auf dem Flugplatz Hartenholm (Kreis Segeberg), das allerdings – den gezeichneten Katastrophen gar nicht unähnlich – mit weit über 200.000 Besuchern hoffnungslos übervölkert war und in Chaos und Dreck versank. Die Veranstaltung ist inzwischen Legende. Nie wieder danach sah man einen Liefer-Laster des alt-ehrwürdigen Flensburger Familienbrauhauses mit Vollgas über 27 Rockerbikes fliegen.

Nicht noch einmal allerdings wollten die Flensburger Bierbrauer ihre Marke in Verbindung mit so chaotischen Zuständen sehen. Sicher aber war, dass die Brauereimanager die identität-stiftende Kraft ihres regionalen Produktes schätzen gelernt hatten und auch künftig nutzen wollten. „Alle Mitbewerber gingen damals auf Premium. Überall war Gold“, erinnert sich Beuth. „Wir wollten nicht im Tross der großen Marken mitziehen. Werner hatte gezeigt: Bier braucht Heimat. Und das sind wir!“

Die Botschaft vom Flensburger Wir wird seither stringent über pfiffige Kino-, Funk und Fernsehclips verbreitet, und irgendwie ist es logisch, dass der allererste Clip der inzwischen vielfach preisgekrönten Reihe von dem jungen Detlev Buck gefilmt wurde, der gerade zuvor mit seiner in Barmstedt angesiedelten ländlichen Krimi-Komödie „Karniggels“ bundesweit Bestbenotungen bekommen hatte.

Buck installierte damals schon alles, was die Kult-Clips vom Flensburger Bier ausmacht: (meistens) drei ungeschönte Schleswig-Holsteiner, kerzengerade und charakterfest gegen die hibbelige Kurzlebigkeit der Moden. Im legendären Erstlingswerk geht das so: Großstädtischer Typ, gelbes Sakko, schickes Cabrio, schicke Beifahrerin, schicke Surfbretter auf schickem Trailer, trifft drei Ureinwohner mit Flens auf Hollywood-Schaukel vor Bauernhaus. Westerhever. Unendliche Weiden. Charaktergesichter. Stille. Sagt der Typ ganz aufgeregt: „Moin Kollegen, wo finde ich denn hier eine nette kleine Bucht zum surfen?“ Und als keiner was sagt und alle wortlos dieses Alien begucken: „Ijooooh! könn’ se mich vertellen, wo dat hier een bannig fein Bucht zum surfen givt?“ Und als alle drei sicher sind, es mit einem Alien zu tun zu haben, fragt das Alien auch noch (vergeblich): „Wo her er een däligt bugt to suurv?“ Und als alle ihn in tiefster Bierruhe freundlich aber wortlos mustern, braust er davon. Sagt der Erste: „Mann, das war ja ein dolles Auto.“ Der Zweite: „Und der konnte ne Menge Sprachen.“ Der Dritte: „Aber genützt hat's ihm nix.“

Weit über 20 Jahre sind die Flensburger beim trockenen Humor geblieben. Die längste Zeit übrigens begleitet von der Hamburger Agentur ad.quarter und Regisseur Thorsten Wacker, der die (erst viel später entstandene) genetisch stark verwandte Image-Kampagne des Norddeutschen Rundfunks „Das Beste am Norden“ verantwortet. Dabei sind tatsächlich einige ikonische Muster entstanden. In einem der letzten Sylt-Krimis ortete Beuth als dramaturgisches Element drei knorrige wortlose Gestalten, die auf einer Pier sitzend wortlos die Ermittlungen verfolgten.

„Um die Marke zu verorten, braucht's keinen Dialog. Da genügt ein Geräusch.“ Ulrich Beuth, Marketing-Direktor, im Kinosaal der Flensburger Brauerei.
„Um die Marke zu verorten, braucht's keinen Dialog. Da genügt ein Geräusch.“ Ulrich Beuth, Marketing-Direktor, im Kinosaal der Flensburger Brauerei. Foto: Dewanger
 

Das Plop als Biergeräusch hat er vor kurzem in einem in Stuttgart spielenden Film gehört und weiß seither: „Um die Marke zu verorten, braucht's keinen Dialog. Da genügt ein Geräusch!“ Als ad.quarter für einen neuen Clip unlängst einen einzigen Laiendarsteller für die Schaukel casten wollte, meldeten sich statt erwarteter zehn über 1000 Bewerber. Das sind für Beuth Erfolgsbelege.

Der wirtschaftliche Erfolg ist natürlich noch von anderen Umständen abhängig, das weiß er auch. Das Bier ist unverwechselbar herber als die anderen. „Wir produzieren nachhaltig, zertifiziert, regional, Flensburger Pilsener darf nur in Flensburg gebraut werden, wir sind ein relativ kleiner unabhängiger Flensburger Familienbetrieb – und das bleiben wir auch.“ Und die Kampagne? Bleibt auch. „Für eine Marke sind 20 Jahre keine Zeit. Von mir aus kann es noch lange so weitergehen. Heimat hat doch irgendwie auch jeder gerne.“

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erstellt am 07.Nov.2016 | 19:53 Uhr

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