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Schleswig-Holstein

10. Dezember 2016 | 09:56 Uhr

Smartphone statt Disko : Das langsame Sterben der Diskotheken in SH

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Diskothekenlandschaft in SH befindet sich im Umbruch – doch nicht alle Betreiber sehen pessimistisch in die Zukunft.

Kiel | In Schleswig-Holstein gibt es immer weniger Diskotheken. Das geht aus Daten des Landesamts für Statistik hervor. Zahlten 2003 noch 116 Betriebe Umsatzsteuer, so waren es im Jahr 2014 nur noch 75. Deutschlandweit sank die Zahl der Betriebe laut Statistischem Bundesamt im gleichen Zeitraum um 444 auf 1679.

Gewaltige Soundanlagen, gigantische Lichtshows und Hallengrößen von mehr als 2000 Quadratmetern – zu den besten Zeiten der Branche in den 90er Jahren tanzten die Massen jedes Wochenende in Schleswig-Holsteins Großraumdiskotheken. Das Fantasy in Tarp, das New Bambu in Neustadt, das Palace in Kaltenkirchen oder die Ziegelei in Groß Weeden, einst waren das klingende Namen in der Partyszene. Heute sind sie alle geschlossen.

„Die ganze Gesellschaft verändert sich durch die sozialen Medien, das betrifft besonders auch die Diskotheken“ sagt Henning Franz, Ehrenpräsident des Diskothekenverbands und Betreiber der Disco K7 in Eckernförde. „Musik hören, Freunde treffen, Austausch von Neuigkeiten, Leute kennen lernen, Tanzen – dafür stehen Diskotheken“, so Franz. „Aber viele dieser Dinge haben sich teilweise auf das Internet übertragen. Es gibt soziale Netzwerke und Apps zum schnellen Informations-Austausch, Dating-Plattformen zum Kennenlernen, das macht ganz viel aus.“ Auch die seit Jahren vermehrt über die Sommermonate boomende Festival-Landschaft sorge für spürbare Einbußen.

Von einem veränderten Freizeitverhalten der jungen Leute spricht Stefan Scholtis, Hauptgeschäftsführer des Dehoga-Landesverbands. „Früher ging man am Abend in die Disco – und da blieb man auch“, so Scholtis. „Heute glühen die Leute zu Hause vor oder gehen vorher noch Essen und kommen eher spät in die Disco. Wenn sie nicht sowieso ganz privat feiern.“

Zudem müssten sich die jungen Menschen in der heutigen Zeit viel intensiver dem Berufsleben widmen und hätten weniger Energie und Zeit zum Ausgehen, weiß Henning Franz. Wenn, dann würden sie allerdings auch weitere Strecken in Kauf nehmen, um ihre gewachsenen und immer individuelleren Ansprüche erfüllt zu sehen. „Eine Umfrage unseres Verbands hat gezeigt, dass rund 90 Prozent der Partygänger bereit sind, bis zu 50 Kilometer Anfahrtsweg in Kauf zu nehmen.“ Dafür geht es dann gern mal nach Hamburg und Kiel – zum Nachteil der infrastrukturell weniger günstig gelegenen Betriebe.

Steigende Kosten sind ein weiteres Thema: „Die Gema-Gebühren haben sich über die vergangenen zehn Jahre mehr als verdoppelt“, sagt Rudolf Diener, der in Pahlen (Dithmarschen) das Pahlazzo betreibt. „Für unseren großen Raum von 900 Quadratmetern zahlen wir pro Monat 1492 Euro, damals waren es 650.“

Die Branche habe es schwer, vor allem Großraumdiskotheken mit über 2000 Quadratmetern Fläche hätten Probleme. „Die müssen sich besonders viel einfallen lassen, um ihre Kosten reinzuholen, bei dieser Größenordnung sind 1000 Gäste nicht viel.“ Die Zeit der großen Tanztempel sei endgültig vorbei, glaubt Stefan Scholtis, das sieht auch Henning Franz so. Er hat sein K7 von einst 2000 Quadratmetern auf heute nur noch 1000 verkleinert.

Eine veränderte Feierkultur der jungen Leute sieht auch Rudolf Diener als ein Problem. „Früher war das Publikum viel dankbarer für Angebote und es gab eine viel größere Geselligkeit, mehr Kameradschaft, man wollte zusammen sein in der Gruppe und Spaß haben“, so der Betreiber des Pahlazzo in Pahlen. „Heute sind alle in ihrem Kokon und hängen an ihren Smartphones.“

Zudem seien seine Gäste dem Laden früher über viele Jahre treu geblieben. „Heute kommen die vielleicht mit 16 oder 17 Jahren und mit 18 oder 19 haben sie alles gesehen und wollen dann wieder etwas ganz anderes.“ Hatte man früher 1200 Gäste am Abend, so müsse man heute mit 400 zufrieden sein. „Und die wollen dann am liebsten abgeholt werden, umsonst rein, günstige Getränke bekommen und nach Hause gefahren werden – aber so funktioniert das nicht.“ Auch Rudolf Diener überlegt, sein Pahlazzo zu verkleinern, sich mehr auf Events zu konzentrieren. Für die Branche sieht er trübe Zeiten kommen: „Ich befürchte, in den nächstes zehn Jahren halbiert sich die Disco-Landschaft.

Eine völlig andere Sicht auf die Dinge hat BDT-Vize-Präsident Knut Walsleben. Diskotheken seien für die jungen Menschen nach wie vor interessant. „Aber natürlich verändert sich der Markt, die Ansprüche sind gestiegen, wer sich nicht mit der Zeit weiterentwickelt, der hat keine Chance zu bestehen“, sagt der Gesellschafter des Fun-Parc in Trittau. Gerade alteingesessene Betriebe würden die Zeichen der Zeit einfach nicht rechtzeitig erkennen. Als er vor neun Jahren das ehemalige New Elephant nach dessen Insolvenz übernommen habe, sei sofort ein Konzept erstellt worden. „Was wollen die Leute, welche Bedürfnisse haben sie, was gibt es für Nischen? Wir haben die Räume völlig neu gestaltet, clubbiger gemacht, statt zwei nun drei Floors mit mehr Musikrichtungen und eine Cocktailbar und Pizzeria. Aber die Fläche ist die gleiche.“

Trittau sei sehr dörflich, es gebe abends keinen Bus und keine Bahn. „Trotzdem sind wir gut besucht“, so Walsleben. Er bezahlt dann eben Shuttle-Busse. Und um am Puls der Zeit zu bleiben, lässt er sich von einer Event-Agentur von jungen Leuten beraten, welche Art von Partys, welche DJs und welche Styles angesagt sind. Das Bedürfnis der Menschen nach einem Gemeinschaftsgefühl in der Menge sei ungebrochen. „Und so etwas gibt es nur in den großen Läden, wir haben unsere Berechtigung.“ Wenn 1500 Leute gleichzeitig ihre Wunderkerze anzünden oder spezielle Armbänder in die Höhe recken, die von einem Pult aus in ihren bunten Farben gesteuert werden, dann entstehe genau das. „Dieses positive Massenerlebnis muss in die Köpfe, die Leute nehmen das mit nach Hause. Und dann kommen sie auch wieder.“

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erstellt am 24.Okt.2016 | 08:35 Uhr

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