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Schleswig-Holstein

11. Dezember 2016 | 01:26 Uhr

Tierschutz contra Unterhaltung : Das Dilemma der Zoos

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Eine möglichst artgerechte Haltung der Wildtiere und die Unterhaltung der Besucher – geht das zusammen?

Neumünster | Bereits drei männliche Tiere hat das Seeadlerweibchen getötet – deswegen muss es nun einzeln gehalten werden. „Es wurde aus dem Freiland entnommen, wahrscheinlich ist es in der Falknerei nicht optimal aufgezogen worden“, erklärt Verena Kaspari, Leiterin des Tierparks Neumünster. „Für die Besucher ist das schwer nachzuvollziehen, die sagen dann: Wie traurig, das arme Tier ist ganz allein. Aber sie kennen die Umstände nicht. Was sollen wir denn sonst machen?“

Diese Geschichte ist nur ein kleines Beispiel dafür, in welchem Dilemma Tierparks heutzutage stecken. Auf der einen Seite wollen sie die anspruchsvollen Besucher unterhalten, auf der anderen Seite den Tieren und deren Bedürfnissen gerecht werden. 700 Wildtiere aus 137 Arten vom Eisbären bis zur kleinen Farbmaus leben im Tierpark Neumünster auf rund 24 Hektar. Seit 1951 gibt es die Anlage – und seither hat sich in Sachen Tierwohl einiges geändert.

Die alte Form der Haltung auf Beton und hinter Gittern verschwinde im gesamten Zoobereich immer mehr, sagt Kaspari. „Es ist für die Besucher ja auch viel spannender, die Tiere so zu erleben, wie man sie im Freiland erleben würde.“ Die Daseinsberechtigung moderner Zoos bestehe aus den Säulen Artenschutz, Forschung, Bildung/Aufklärung und der Erholung für die Besucher. „Wir sprechen bewusst nicht mehr von artgerechter Haltung“, sagt Kaspari, der Begriff sei widersprüchlich. „Wir beschäftigen uns damit, wie wir einer Tierart gerecht werden können.“ Erkenntnisse der Wissenschaft über das Verhalten der Tiere in menschlicher Obhut eröffneten weitere Möglichkeiten, besser auf diese einzugehen.

Eisbär „Kap“ ist die Attraktion im Tierpark Neumünster.
Eisbär „Kap“ ist die Attraktion im Tierpark Neumünster. Foto: strebos
 

Ein gutes Beispiel für die Entwicklung sei der Eisbär Kap, quasi das Flaggschiff des Zoos. „2014 wurde die Eisbärenanlange komplett umgestaltet, vorher war das eine reine Betonwüste mit Wasserbecken“, so Verena Kaspari. Ein Eisbär sei aber sehr reizempfänglich und empfindlich an den Pfoten. „Jetzt haben wir im Gehege viele verschiedene Sedimente: Holzhäcksel, Naturboden, Rasen.“ Es gebe eine andere Topografie mit einem Hügel und einem zusätzlichen kleineren Becken mit einem beweglichen Baumstamm zum Spielen.

„Es gilt: Je intelligenter ein Tier ist, desto mehr muss es beschäftigt werden, sonst hat es Langeweile.“ Auch ein gutes Vertrauensverhältnis sei für die Tiere wichtig. Durch spezielles Training etwa reagiert der Eisbär mittlerweile auf Kommandos, was den Umgang mit ihm wesentlich erleichtert. „Er öffnet zur Zahnkontrolle auf Kommando das Maul, lässt sich mit Fischöl über eine Spritze Medikamente verabreichen und zeigt auf Befehl seine Pfoten, die sehr rissempfindlich sind.“ Gleichzeitig dient der Eisbär – der einzige im Norden – dem Zoo als Botschafter für den Klimawandel. Auf Infotafeln und per Fotos wird über seinen bedrohten Lebensraum aufgeklärt.

Ist die Fläche begrenzt, dann kann auch die gezielte Reduzierung der Tierarten ein Weg zur Schaffung von Platz und folglich zur Verbesserung des Tierwohls sein. Vor 20 Jahren gab es im Tierpark Gettorf (Kreis Rendsburg-Eckernförde) noch 190 Tierarten, heute sind es auf den gut vier Hektar Fläche 150 Arten bei rund 800 Tieren, berichtet Geschäftsführer Jörg Bumann. Dazu gehören Exoten wie Schimpansen, Kamele, kleine Krokodile und Chamäleons.

Ein weiterer moderner Ansatz ist die sogenannte Vergesellschaftung. Hierbei werden zwei Tierarten aus ihren kleineren Gehegen zur Wohngemeinschaft in ein großes verlegt – wenn sie miteinander auskommen. „Unsere Mähnenspringer, eine Ziegenart, sind jetzt mit den Berberaffen zusammen in einer viel größeren Anlage mit natürlichem Lebensraum.“ Es gibt Steine und Höhlen, für die Affen vier Bäume zum Klettern und Seile zum Schaukeln. „Beide Arten haben mehr Bewegungsmöglichkeiten, stören sich nicht, es ist eine Win-Win-Situation“, sagt Jörg Bumann.

Einen anderen Ansatz hat der Westküstenpark in St. Peter-Ording (Kreis Nordfriesland), der sich auf seinen rund 15 Hektar Fläche auf die Präsentation von Tieren der Küstenregion konzentriert. „Bei uns ist naturnaher Raum ganz bewusst so gestaltet, dass die Tiere auch von draußen rein kommen und sich hier heimisch fühlen“, sagt Leiter Peter Marke. Ob Graugänse oder Singschwäne, Störche, Silbermöwen oder Eisvögel, sie kommen und gehen als Gäste und ergänzen den festen Bestand von rund 800 Tieren vom Nandu bis zum Dexter-Rind. Diese gehaltenen Tiere müssten mit den Flächen gut zurechtkommen. Für eine artgerechte Haltung müsse man deshalb die richtigen Landschaftstypen anbieten.

Ein wenige Stunden altes Seehund-Baby liegt neben seiner Mutter im Seehundbecken des Westküstenparks in St. Peter-Ording.
Ein wenige Stunden altes Seehund-Baby liegt neben seiner Mutter im Seehundbecken des Westküstenparks in St. Peter-Ording. Foto: dpa

„Das Becken für die Seehunde haben wir zum Beispiel nach Überlegungen aufgrund von Beobachtungen in freier Wildbahn konzipiert. Kein Beton, große Sandbänke, eine riesige Flachwasserzone, wo sie gern liegen und ihre Jungen versorgen.“ Mittels einer Pipeline zum Meer wird den sechs Weibchen und zwei Bullen regelmäßig frisches Meerwasser in ihr 3000 Quadratmeter großes Territorium geleitet. „Das Schöne ist, die leben wie draußen und im Sommer kommt viel Plankton mit rein und die Garnelenbrut.“

Es habe sich in den Zoos einiges zum Guten verändert, man befinde sich auf dem richtigen Weg, sagt Holger Sauerzweig-Strey, Landesverbands-Vorsitzender des Deutschen Tierschutzbundes. „Personal und Ärzte sind heute gut ausgebildet, die Tiere werden zudem nicht mehr sich selbst überlassen sondern beschäftigt und haben Rückzugsmöglichkeiten. Das ist ein wichtiger Schritt zur Verbesserung ihrer Lebensqualität.“ Auch die umfangreiche Information der Besucher über die Tiere sei positiv zu werten.

Auf der anderen Seite sei das grundlegende Problem der zu geringen Flächen nach wie vor nicht behoben. „Auch wenn die Tiere ihre Nahrung nicht selbst finden müssen, so brauchen sie doch ihre Bewegungsfreiheit, um ihre Bedürfnisse ausleben zu können.“ Das Konzept der Zoos sei deshalb nicht zukunftsweisend, sie müssten eigentlich schließen. „Die Normen der Unterbringung laut Säugetiergutachten werden erfüllt, dies kann aber den freien Lebensraum nicht ersetzen.“ Eine gewisse Ausnahme bilde der Westküstenpark mit seinen großen naturnahen Flächen und dem Anteil wild lebender Vögel. Aber in Tierparks wie Neumünster oder Gettorf habe man lediglich die Möglichkeit, sie durch Umbaumaßnahmen optisch zu vergrößern.

Verschwiegen würden zudem die Probleme, die sich aus der Vermehrung der Tiere ergeben. „Die Zoos züchten sich junge Tiere heran, um die Besucher anzulocken. Aber was passiert mit denen, wenn sie größer werden?“ Abgesehen vom Austausch zur Zucht sei es für Zoos sehr schwierig, Tiere abzugeben. Hier spielten nicht nur Platzgründe eine Rolle, viele Wildtierarten würden auch keine fremden Tiere in ihrer Gruppe akzeptieren.

„Gerade im Winter, wenn weniger Publikum kommt und aufgrund der Temperaturen viele Außengehege nicht genutzt werden können, wird es eng. Jedes Jahr werden dann hinter verschlossenen Türen viele Tiere geschlachtet und als Nahrung verwertet.“ Und die Zukunft? Holger Sauerzweig-Strey sieht sie darin, dass Menschen sich entweder über Medien über die Tierwelt informieren – „oder sie müssen dorthin reisen, wo die Wildtiere in der Natur vorzufinden sind“.

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erstellt am 23.Okt.2016 | 12:27 Uhr

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