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Schleswig-Holstein

05. Dezember 2016 | 03:33 Uhr

Friedhöfe in SH : Bronze-Diebe plündern Gräber

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

In Neumünster wurden Buchstaben von Grabsteinen gestohlen. Kein Einzelfall - und längst nicht alle Taten werden angezeigt.

Neumünster | Für die Angehörigen ist es jedesmal ein Schock. Sie besuchen die letzte Ruhestätte ihrer Angehörigen – und finden nicht einmal mehr den Namen auf dem Grabstein vor. Vor allem in Neumünster hat die Zahl der Metalldiebstähle in der Vergangenheit stark zugenommen. Mit Gewalt brechen Diebe einzelne Elemente aus dem Stein und richten dabei häufig einen immensen Schaden an. Doch nur ein Bruchteil der Fälle wird bei der Friedhofsverwaltung gemeldet und bei der Polizei angezeigt.

Zu Frank Schmidt kommen viele der schockierten Angehörigen, wenn sie den Schaden bemerkt haben und ihn reparieren lassen wollen. „In diesem Jahr waren es mindestens schon 50 Fälle“, sagt Schmidt, der technischer Betriebsleiter im Steinmetzbetrieb des Bestattungsunternehmens Johannes Selck ist. Vor einigen Jahren seien es nur eine Handvoll Metalldiebstähle gewesen, die er und seine Kollegen zu ersetzen hatten. „Da fehlten mal ein oder zwei Buchstaben oder es wurden einzelne Bronze-Accessoires wie Vögelchen oder Laternen geklaut. Aber jetzt ist es wohl langsam gewerbsmäßig, was da passiert“, sagt Schmidt. Betroffen seien oft ruhigeren Bereiche einzelner Friedhöfe in Neumünster. Der Polizei liegen für das laufende Jahr lediglich fünf entsprechende Anzeigen vor, offenbar glauben die Geschädigten nicht daran, ihren Grabschmuck zurückzubekommen.

Buchstaben werden aus Grabsteinen  herausgeschlagen, wie  Frank Schmidt in einem Steinmetzbetrieb in Neumünster zeigt.</p>
Buchstaben werden aus Grabsteinen  herausgeschlagen, wie  Frank Schmidt in einem Steinmetzbetrieb in Neumünster zeigt. Foto: Dörte Moritzen
 

Die Diebstähle sind keine Einzelfälle. Vor drei Monaten stahlen Unbekannte vom Grab des 2005 verstorbenen Niclas auf dem Nordfriedhof einen 25 Zentimeter hohen Bronze-Teddy. Der war eine Sonderanfertigung einer dänischen Künstlerin. „Der Teddy passte genau zu Niclas. Er symbolisierte ihn und hat mich all die Jahre an ihn erinnert“, sagt Vater Lutz Mischke. Der Gesamtschaden lag damals bei 800 Euro.

Das Grab von Niclas: Der bronzene Teddy hielt die Erinnerung an ihn wach. Er saß oben links auf dem Granitstein, der bei dem Diebstahl beschädigt wurde. Lutz Mischke hat die Stelle notdürftig mit einer Paste repariert.
In Neumünster brechen Diebe einen Bronze-Teddy ab . Foto: Lipovsek
 

Ebenfalls von einem Kindergrab stahlen Diebe im Mai einen ebenfalls 25 Zentimeter großen Teddy aus Messing. Tatort: der Friedhof Moldenit in Schaalby (Kreis Schleswig-Flensburg). Die Eltern zeigten den Vorfall bei der Polizei an. Die Beamten sprachen von einem schweren Diebstahl, machten aber wenig Hoffnung, dass sie die Tat aufklären könnten. „Es geht mir gar nicht um den materiellen Wert der kleinen Skulptur“, sagte die Mutter damals, „und auch nicht darum, dass der Täter bestraft wird. Es geht mir nur um den Teddy, damit ich den Glauben an die Menschheit zurückbekomme.“

Die Teddyfigur eines verstorbenen Kleinkindes im Kreis Schleswig-Flensburg wurde geraubt.
Die Teddyfigur eines verstorbenen Kleinkindes im Kreis Schleswig-Flensburg wurde geraubt. Foto: Christian Lipovsek
 

Dabei sind auch die finanziellen Schäden, die die Diebe anrichten, enorm. Eine Figur, die künstlerisch angefertigt wurde, kann ein paar hundert Euro kosten. Bronze-Buchstaben sind je nach Größe und Schriftart für 20 bis 50 Euro zu haben. Die Täter schlagen die in der Regel angedübelten Elemente einfach mit einem Hammer herunter. Manche Grabsteine werden regelrecht geplündert. „Doch am schlimmsten sind die seelischen Verletzungen bei den Angehörigen“, berichtet Frank Schmidt.

Für die Diebe ist das Geschäft nicht unbedingt attraktiv. Auf dem Schrottplatz bekommen die Übeltäter pro Kilogramm Bronze gerade einmal 2,30 Euro. „Das ist totaler Schwachssinn, solche Buchstaben zu klauen“, sagt ein Schrotthändler aus Kiel.

Frank Schmidt rät seinen Kunden jetzt, die Buchstaben nicht mehr zu ersetzen – statt dessen den Stein umzudrehen und die Inschrift auf der Rückseite einzugravieren. Und auch seine Firma hat Konsequenzen gezogen: Anfang des Jahres stahlen Metalldiebe aus der Ausstellung vor dem Betrieb viele gut befestigte Bronze-Figuren und Buchstaben. Seitdem werden Metallteile nur noch in den Innenräumen ausgestellt.

Außerhalb von Neumünster sind die Metalldiebe auf Friedhöfen offenbar eher zurückhaltend. Den Friedhofsverwaltungen etwa in Kiel und Flensburg sind aktuell keine Fälle bekannt. In Rendsburg, so ein Sprecher, habe es zwar auch ein paar Diebstähle gegeben, die würden aber bereits drei bis vier Jahre zurückliegen.

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erstellt am 06.Okt.2016 | 19:17 Uhr

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