zur Navigation springen

Schleswig-Holstein

06. Dezember 2016 | 19:00 Uhr

Kommentar : Brandstifter-Prozess von Altenholz: Opfer des Apparats

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Das Amtsgericht Kiel verbindet den Freispruch im Brandstifter-Prozess von Altenholz mit einer Ermittler-Schelte. Ein Kommentar von Udo Carstens.

Kiel ist nicht Prag. Und die heutige Justiz ist nicht mit dem Gerichtswesen vor einem Jahrhundert zu vergleichen. Dennoch fühlt sich der Beobachter des Prozesses um die verheerende Brandstiftung in Altenholz unwillkürlich an den berühmten Roman „Der Process“ von Franz Kafka erinnert. Zugegeben: Das liegt auch an der Gleichheit der Initialen: K. ist der Angeklagte vor dem Kieler Amtsgericht, der am Dienstag einen Freispruch erster Güte erleben durfte. Josef K. wiederum ist der „Held“ bei Kafka, der sich gegen Gerüchte und dubiose Anschuldigungen wehren will und sich doch immer stärker im Netz der anonymen Macht verfängt.

Es war vielleicht Zufall, dass wie einst Kafka auch die Richterin am Dienstag von einem „Apparat“ sprach, dem sich der 23-jährige, der schweren Brandstiftung beschuldigte Mann ausgeliefert sah. Er konnte sich nicht wehren gegen den Generalverdacht, den die Ermittler – wohl auch unter dem öffentlichen Druck – früh formulierten. Und an dem sie, gegen besseres Wissen und neue Erkenntnisse, strikt festhielten.

Deshalb sind die überdeutlichen Worte aus der Urteilsbegründung nicht nur gerechtfertigt, sondern auch notwendig. Entlastungszeugen nicht befragt, Hinweise auf andere Verdächtige ignoriert, ein fragwürdiges Geständnis entworfen, dazu ein laxer Umgang mit Beweismitteln – von der Neutralität waren die Ermittler in diesem Verfahren so weit entfernt wie ihr Beschuldigter vom Tatort. Es passiert nicht alle Tage, dass eine Richterin die Staatsanwaltschaft mahnen muss, ihre Aufgaben seriös und solide zu erledigen. Warum die Anklage nicht irgendwann die Notbremse gezogen und eigene Pannen eingeräumt hat, ist schwer verständlich angesichts der „umgekippten“ Belastungszeugen und der horrenden Widersprüche.

Man darf an dieser Stelle auch daran erinnern, dass ein Verdächtiger noch lange kein verurteilter Schuldiger ist. Brandflecken an der Jacke deuten nicht automatisch auf eine Brandstiftung hin. Es kann sich auch um Zigarettenflecke oder Reste der Silvesterknallerei handeln. Das erfährt man, wenn man den Spuren nachgeht. Aber eben nur dann.

 

zur Startseite

von
erstellt am 21.Sep.2016 | 09:57 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen