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Schleswig-Holstein

05. Dezember 2016 | 13:44 Uhr

Ehemals Freiwillige Feuerwehr : Brandbekämpfer in Friedrichstadt: „Wäre das hier keine Pflicht, wäre ich nicht mehr hier“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Fünf Monate nach Einführung der Pflichtfeuerwehr in Friedrichstadt ringen die Retter darum, wieder mehr Interessierte ohne Zwang zu bekommen.

Friedrichstadt | Marten Röckendorf ist jetzt ein Retter. Nicht freiwillig, sondern er wurde dazu gemacht. Per Brief verpflichtet zum Dienst in der Feuerwehr Friedrichstadt (Kreis Nordfriesland), die jetzt nicht mehr freiwillig ist, sondern eine von drei Pflichtwehren in Schleswig-Holstein.

Fünf Monate ist es her, dass Friedrichstadt überregional bekannt wurde, weil die Wehr durch viele Austritte nicht mehr die laut Landesbrandschutzgesetz geforderte Einsatzstärke aufweisen konnte. 75 Friedrichstädter bekamen deshalb Post von der Amtsverwaltung Nordsee-Treene. „16 von denen sind letztlich bei uns geblieben. Sie haben alle die Grundausbildung absolviert, sind gut integriert und ziehen gut mit“, sagt Wehrführer Birger Thomsen. Und: „Das ist doch gar nicht schlecht.“

Das bedeutet aber auch, dass die überwiegende Zahl der zum Dienst verpflichteten Friedrichstädter Widerspruch gegen den Dienst am Rohr eingelegt haben und damit Erfolg gehabt haben oder nicht einsatzfähig waren. Gerade hat das Amt noch einmal 20 Schreiben verschickt. „Und ich gehe davon aus, dass in den kommenden Jahren immer mal wieder Leute nachverpflichtet werden müssen“, sagt Thomsen. Denn ihre Sollstärke hat die Friedrichstädter Wehr immer noch nicht, 52 Feuerwehrleute sind dafür nötig, 41 sind im Moment aktiv. „Wenn wir Vollalarm auslösen, werden wie vorher auch die Nachbarwehren mit alarmiert.“

Hinter vorgehaltener Hand erzählen Feuerwehrleute aus vielen Teilen des Landes, dass ihre Wehren nicht mehr genügend Leute haben. Doch offen will keiner darüber sprechen, denn dann kann schnell das Schreckgespenst Pflichtfeuerwehr Wirklichkeit werden. Nur in drei Wehren im Land, in denen wie in Friedrichstadt persönliche Auseinandersetzungen zu massiven Austritten geführt haben, war nicht mehr zu verheimlichen, dass die Einsatzstärke nicht mehr erreicht wird. „Wenn der demografische Wandel die Dörfer erst vollständig trifft, wird der Weg zur Pflichtwehr für viele unvermeidlich sein“, sagt einer, der die Feuerwehren im Land gut kennt. Wer dann nicht zu den Übungsabenden kommt, dem kann das Amt schon mal ein Ordnungsgeld aufbrummen.

Und die Verpflichteten? Was sagen sie zum Zwangsdienst? Alexander Ruch steht ganz vorn in der Reihe, verfolgt wie ein Gruppenführer ihm erklärt, was alles im Löschfahrzeug an Material ist. Erste Einsätze hat der Maurer auch bereits mitgemacht. „Der Dienst ist schon eine Belastung“, sagt der 38-Jährige. Schließlich sei er Alleinverdiener, immer einsatzbereit zu sein, sei nicht leicht. Als er vor fünf Monaten den Brief vom Amt bekam, in dem ihm mitgeteilt wurde, dass er nun Mitglied der Wehr ist, war er gar nicht begeistert. Freunde und Bekannte hätten gelacht, weil es ihn getroffen habe. Er habe kurz überlegt, ob er widersprechen solle, eine Ausrede zu finden, warum er nicht Dienst tun kann. „Aber irgendeiner muss es ja machen, und dann bin ich halt mit einem flauen Gefühl im Bauch hier hin gegangen“, erzählt Ruch. Die Leute seien nett, aber: „Wäre das hier keine Pflicht, wäre ich nicht mehr hier.“

Es sind Sätze wie diese, die Holger Bauer nicht mehr hören möchte. „Die Motivation der Leute ist einfach höher, wenn der Dienst freiwillig ist“, sagt der Sprecher des Landesfeuerwehrverbandes. Das habe schon vor 150 Jahren zur Gründung der freiwilligen Wehren geführt. Um sie zu erhalten, gibt es landesweite Mitgliederwerbeaktionen, versuchen die Wehren im Land ihr Image aufzupolieren. Bauer hofft dass auch Friedrichstadt wieder eine bekommt.

Doch der Weg ist lang. Sechs Jahre muss es laut Gesetz die Pflichtwehr geben. Birger Thomsen hofft, dass schon vorher wieder genug Freiwillige zu den Übungsabenden kommen. „Vielleicht müsste man mehr Anreize schaffen, etwa eine kleine Aufwandsentschädigung“, sagt er und ruft gleich seinen Kameraden Andreas Goerke herbei. Der hat im Schwarzwald seine Ausbildung gemacht, dort habe es rund acht Euro pro Einsatzstunde gegeben. Aber auch kleine Anerkennungen kann sich Thomsen vorstellen, etwa Gutscheine für kommunale Einrichtungen wie Schwimmbäder. „Die Gesellschaft könnte so zeigen, dass das einen Wert hat, was wir hier machen.“

Doch noch ist davon nichts geplant. Birger Thomsen muss darauf hoffen, dass es Menschen wie Marten Röckendorf gibt, die Gefallen an der Wehr finden und auch zu den Übungsabenden kommen, die für ihn nicht verpflichtend sind. „Das macht schon Spaß“, sagt der 21-Jährige, der noch nie ein Feuer im Einsatz löschen musste, „zum Glück.“ Allerdings habe er auch schon sein erstes Erfolgserlebnis gehabt, erzählt er, druckst herum und muss ein wenig grinsen. „Es ist ja ein wenig klischeehaft: Aber wir haben eine Katze gerettet – und ich habe sie getragen.“

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erstellt am 04.Okt.2016 | 13:58 Uhr

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