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Schleswig-Holstein

08. Dezember 2016 | 07:01 Uhr

Landwirtschaft in SH : Bio oder konventionell? Bauer fordert: „Lasst uns miteinander reden!“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Wenn es um Lebensmittel geht, gehen die Meinungen immer weiter auseinander. Sven Hansen ist Landwirt und fordert: Erzeuger und Konsumenten müssen in den Dialog treten.

Langballig | Nein, es geht Sven Hansen nicht darum, zu klagen. „Dazu habe ich keinen Anlass.“ Doch zwei Fragen bewegen den 47-Jährigen zunehmend: „Wie gehen wir miteinander um? Und welchen Platz hat die Landwirtschaft – und mit ihr die Themen Leben und Tod – in unserer Gesellschaft?
Als Bauer ist Sven Hansen nah dran an diesen Themen. In vierter Generation führt er den Hof der Familie, das Gut Freienwillen in Langballig an der Ostsee. Seine Aufgabe ist es, Nahrung zu produzieren.

Wer für die Versorgung von Menschen mit Fleisch, Weizen und sonstigen Lebensmitteln sorgt, der tötet. Das gilt für das Schlachten von Tieren. „Das gilt letztlich auch für jeden Weizenhalm, den Du schneidest“, sagt er. Leben ist ohne Sterben nicht möglich. „Das ist normal und war so lange kein Thema, wie die meisten Familien noch einen eigenen Garten mit Obst, Gemüse, Hühnern oder Kaninchen hatten. Damals waren Hausschlachtungen üblich.“

Landwirt in vierter Generation: Sven Hansen. Für ihn ist klar: Wer Menschen mit Lebensmitteln versorgt, der tötet.
Landwirt in vierter Generation: Sven Hansen. Für ihn ist klar: Wer Menschen mit Lebensmitteln versorgt, der tötet. Foto: Anette Schnoor
 

Heute ist so etwas nicht mehr denkbar. Die ursprüngliche Nähe zum Tod ist weitestgehend aus dem Alltag verschwunden. Das gesellschaftliche Leben wird bestimmt von wirtschaftlichem Gewinn, von Status, Anerkennung, Schönheit, Selbstfindung und dem Wunsch nach einem langen, gesunden, möglichst reichen und unkomplizierten Leben. Wir haben Sehnsucht nach einer heilen Welt ohne Leid, ohne Krankheit und Sterben.

Wachsende Nahrungsmittelindustrie

Der Markt richtet sich nach den Wünschen seiner Verbraucher: Also kommt das Fleisch sauber aus der Kühltheke, manchmal grüßen sogar fröhlich winkende Zeichentrick-Schweine von der Verpackung. Für alle, die aufs Geld schauen, gibt es Billigfleisch. Andere, die sich vom Tod von Tieren für ihre Mahlzeiten frei machen wollen, sind die Regale voll veganer oder vegetarischer Produkte. Tierschutzaktivisten greifen Landwirte an. Und bei alldem wächst beinahe unsichtbar im Hintergrund eine immer effizienter, unsichtbarer und unpersönlicher werdende Nahrungsmittelindustrie.

Unsere Ernährung – die Basis unserer Gesellschaft – ist zum Zankapfel geworden. Zwischen Ackerbau, Viehzucht und dem Alltag der Durchschnittsbevölkerung klafft eine Lücke, die immer größer wird.

Sven Hansen spürt die Folgen dieser Entfremdung beinahe täglich. Besonders krass war es, als Tierschützer im vergangenen Jahr jubelnd den Tod eines Bauern verkündeten, der von seinem Bullen zu Tode getrampelt worden war. Endlich habe sich die gequälte Kreatur gegen ihren „Sklavenhalter“ erhoben, hieß es. Das Tier wurde als „Held“ bejubelt. „Das tat weh“, sagt der Hofbesitzer. „Über ein solches Schicksal kann sich doch keiner ernsthaft freuen!?“ Auch er selbst hält Tiere, hat Platz für 500 Schweine, ansonsten bewirtschaftet er in einer Kooperation mit drei Kollegen insgesamt 600 Hektar Land. Weizen, Gerste und Raps wachsen darauf. Mit der sorgsamen Pflege und Ernte des Getreides sind die Bauern das Jahr über mehr als ausgelastet. Alle drei arbeiten mit Überzeugung in der konventionellen Landwirtschaft. Es klingt fast schon so, als müsse er sich deshalb verteidigen, als Sven Hansen betont: „Ein nachhaltiger und ressourcenschonender Umgang ist meinen Kollegen und mir wichtig.“

Die konventionelle Landwirtschaft kommt schlecht weg in der öffentlichen Diskussion. Sie ist belastet mit Stichworten wie „ungerechte Subventionierung“, „Tierquälerei“, „Milchkrise“ , „Glyphosat“. Wie die Arbeit der Landwirte tatsächlich aussieht, weiß kaum jemand, will man vielleicht auch nicht wissen. Und nicht zuletzt: die Riesenfahrzeuge und Güllegerüche stören einfach. So hat es Sven Hansen – anders als sein Vater – schon erlebt, beschimpft zu werden. „Wenn wir mit unseren Erntefahrzeugen unterwegs sind, zum Beispiel. Die haben Überbreite und man kommt an uns kaum vorbei.“ Dann wird jede Begegnung mit anderen Verkehrsteilnehmern zur Herausforderung. Die großen Maschinen können zumeist nicht ausweichen oder zurückfahren; manch einer, der im Auto oder auf dem Fahrrad entgegenkommt, tut es auch nicht. Das führt zu unschönen Szenen, „bis hin dazu, dass unsere Fahrzeuge bespuckt werden.“

Ein anderes Reizthema: Gülle

„Güllefahren“. „Es wird gerne mal die Polizei gerufen, wenn wir auf dem Feld sind.“ Warum? „Tja, da hat sich über die Jahre so eine Art von Abwehr etabliert. Die Beamten kommen dann, stellen fest, dass wir nichts Verbotenes tun, uns nach Gesetzen, sonstigen Vorgaben richten, gegebenenfalls eine Sondergenehmigung haben, und fahren wieder.“

Dass die Bauern in ihren Riesengefährten manches Mal auch rücksichtsvoller sein könnten und es Berufskollegen gibt, die, die in ihrem Streben nach Gewinn, die Verantwortung für Tier und Land fahren lassen, will Sven Hansen nicht schönreden. All das, meint er, gehöre endlich mal unaufgeregt und sachlich auf den Tisch: „Lasst uns darüber reden, wie wir miteinander umgehen wollen“, wie Verbraucher und Landwirtschaft wieder in Kontakt miteinander kommen und sich verstehen können.

Der erste Schritt hin zu mehr Verständnis für den anderen ist es, seine Welt kennenzulernen. So lädt der Hofbesitzer ein zur Fahrt auf dem Mähdrescher. Der Einstieg in die Führerkabine ist schon ein bisschen aufregend: Der Fahrer sitzt fast drei Meter über der Straße, unter sich ein mehr als drei Meter breites Gefährt mit so gigantisch großen Reifen, dass es mühelos selbst größere Hindernisse einfach überrollen kann, „ohne dass Du was merkst“. Die Macht der Maschine ist beängstigend. Mit 20 Stundenkilometern setzt sich das Monstrum langsam in Fahrt.

Zwischen den Dörfern Langballig und Siegum – nah der Flensburger Förde – sind die Straßen schmal und es gibt viele Radfahrer. Es ist Sonntagnachmittag. Da sind Ausflügler unterwegs. Die Sonne scheint. Für Landwirte ist Arbeitszeit, zumal mitten im Erntebetrieb. Alle versuchen, möglichst schnell die Früchte ihrer Arbeit einzufahren. Niemand weiß, wie lange das Wetter hält. „Dann herrscht Stress und die Nerven liegen schon mal blank.“ Nicht auszuschließen, dass Erntefahrern die nötige Ruhe fehlt, wenn die Straße blockiert ist – zum Beispiel durch entgegenkommende Fahrzeuge oder langsame Fahrradfahrer, die nicht ausweichen mögen. „Das sind so die typischen Situationen.“

Alltag auf dem Mähdrescher

Heute hat Sven Hansen Glück: Fast alle Radfahrer grüßen freundlich und machen bereitwillig Platz. Nur einer schimpft wütend in Richtung Fahrerkabine, als er von seinem Rennrad absteigen und auf den Grünstreifen warten muss. „Aber was soll ich machen? In Luft auflösen kann ich mich nicht und weiter nach rechts ist kein Platz.“

Nicht viel angenehmer ist die Situation, als ein kleiner Junge mit seinem Fahrrad auftaucht und ganz allein am Seitenrand steht. Langsam tastet sich der Mähdrescher an ihm vorbei. „Das kann gefährlich werden, wenn der Lütte Panik kriegt und umfällt.“ Nach allen Seiten hin versucht Sven Hansen, die Situation mit verschiedenen Spiegeln zu überblicken. Ein entgegenkommendes Auto weicht zurück, einige Radfahrer werden fast panisch, als sie das riesige Fahrzeug auf sich zukommen sehen, hinter dem Mähdrescher bildet sich eine Fahrzeugschlange. Nein, es ist keine Freude, diesen Oschi über die Straße zu bugsieren.

Verantwortung für Mensch und Tier

Zurück auf Gut Freienwill ist nach dieser Fahrt das Verständnis für die Verantwortung gewachsen, mit denen der Bauer und seine Kollegen täglich umgehen: Verantwortung für ihre Tiere, Verantwortung für die sorgsame Bewirtschaftung der Felder, für die Erntearbeit, den bewussten Umgang mit Natur, Nährstoffen, Nahrungsmitteln und nicht zuletzt den Menschen, denen sie in ihren riesigen Gefährten begegnen – dabei noch die Verantwortung, gut zu wirtschaften.

Sven Hansen führt seinen Hof in vierter Generation und in dem Bewusstsein, ihn später einmal an seinen Sohn zu übergeben. „Ich sehe das so, dass ich den Betrieb von ihm geliehen habe.“ Er soll ein gesundes Unternehmen übernehmen können und Arbeit haben, die Spaß macht, weil sie der Gesellschaft dient und als solche anerkannt wird. Auch deshalb treibt Sven Hansen die Frage um, was mit einer Gesellschaft geschieht, die sich immer weiter von ihrer Basis entfernt und in der statt Respekt und Rücksichtnahme, Anklagen und Streit den Alltag bestimmen. Noch einmal fordert der Bauer: „Lasst uns offen darüber reden, wie wir miteinander umgehen wollen.

Wie kann die Landwirtschaft – und mit ihr die Themen Leben und Tod – wieder ihren Platz in der Mitte unserer Gesellschaft einnehmen? Hat er selbst eine Idee, wie das gelingen könnte? „Jedenfalls ist es schwierig, solange Geld das Maß aller Dinge ist“, glaubt der 47-Jährige und wirkt etwas ratlos. Er will zum Nachdenken anregen, wünscht sich eine kritische Auseinandersetzung im Umgang mit Lebensmitteln. Denn: Solange viele Verbraucher auf der einen Seite mit gutem Gewissen wenig bezahlen und die Produzenten auf der anderen Seite möglichst viel Geld verdienen wollen, werde es kaum eine Lösung geben.

Es komme also zunächst auf das Verbraucherverhalten an. „Es geht nicht darum, ungerechte Zustände zu beklagen oder öffentlichkeitswirksam zu protestieren“. Wichtig sei es, den tatsächlichen Wert von Nahrung anzuerkennen – um die Bereitschaft, gute Produkte für gutes Geld zu kaufen, weil sie es wert sind. „Letztlich spielt unsere Haltung die entscheidende Rolle. Was bedeutet mir meine Umwelt? Guck ich genau hin oder verschließe ich die Augen vor unbequemen Wahrheiten? Wie kritisch – wie ehrlich – bin ich im Umgang mit mir selbst und mit meiner Umgebung?“

Gewinnstreben versus Verantwortung

Wenn in der öffentlichen Wahrnehmung statt Reichtum der respektvolle Umgang eines Menschen mit seiner Umgebung für den gesellschaftlichen Status ausschlaggebend sei, werde sich etwas ändern.
Und wie kommen wir dahin? „Tja ...“, sagt der ambitionierte Bauer.

Durch eine Stärkung des Bildungssystems vielleicht. Letztlich sind es urchristliche Werte, die Sven Hansen anspricht. Es ist der Wunsch nach einer Welt, in der die Menschen ein Auge für ihre Umgebung haben und sich liebevoll begegnen – ohne Vorbehalte, Ängste oder übermäßiges Gewinnstreben. Nichts Neues also und eigentlich auch ganz einfach.

Und doch: Am nächsten Morgen auf der Fahrt zur Arbeit wird das Herz in der Autoschlange hinter einem Maistrecker eng. „Mann, was macht der denn hier um diese Uhrzeit?“ Okay, es ist Erntezeit, nicht ungewöhnlich also. Wer daran denkt, fährt früher los. Und dennoch: „Kann der da oben nicht mal rechts ranfahren und uns vorbeilassen?“

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erstellt am 09.Okt.2016 | 11:32 Uhr

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