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Schleswig-Holstein

10. Dezember 2016 | 17:40 Uhr

Piraten gegen Friedhofszwang : Bestattungsrecht: Letzte Ruhe bald im eigenen Garten?

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die Piraten-Partei will den Friedhofszwang lockern: Auch Urne für zu Hause soll erlaubt werden.

Verstreuen, begraben, verbrennen? Im Bestattungsrecht gehen die Bundesländer ganz unterschiedliche Wege. So hat die Bürgerschaft in Bremen 2015 eine weitgehende Liberalisierung des Friedhofszwangs beschlossen. Jetzt wollen die Piraten im Kieler Landtag nachziehen. Für die Plenarsitzung im März haben sie einen Gesetzentwurf vorbereitet. Demnach soll die Asche von Verstorbenen künftig auch auf Privatgrundstücken, also in Gärten, verstreut werden dürfen, sofern der Verblichene dies zu Lebzeiten schriftlich verfügt hat.

Die Ursprünge des Friedhofszwangs lagen darin, eine hygienische Bestattung zu gewährleisten. Von Asche geht allerdings keine Gesundheitsgefahr aus, so dass Kritiker einen Eingriff in die Persönlichkeitsrechte sehen. Größter Verfechter des Friedhofzwangs sind die Kommunen und Kirchen, auch weil sie auf die Friedhofsgebühren ungern verzichten.

„Der Respekt vor der Pluralität der Menschen sollte auch in der Gesetzgebung zu Tod und Bestattung ihren Ausdruck finden und dem freien Wunsch des Einzelnen Rechnung tragen“, begründet Pirat Uli König den Vorstoß. Die derzeitigen Regelungen seien historisch begründet und gewachsen, aber nicht mehr zeitgemäß.

Der Gesetzentwurf sieht neben Erleichterungen der Tuchbestattung bei muslimischen Bürgern auch vor, dass Angehörige die Möglichkeit erhalten, eine Urne für bis zu zwei Jahre zu Hause aufzubewahren. „Hiermit tragen wir dem Wunsch nach einem längeren Abschied von den Verstorbenen Rechnung“, so König. Wegen juristischer Bedenken und zahlreicher Proteste gegen die „Urne auf dem Kaminsims“ hatte die Bremer Bürgerschaft einen gleichlautenden Paragrafen in ihrem Bestattungsgesetz verworfen. Davon lassen sich die Piraten in Kiel aber nicht beirren und fordern „mehr Freiheit im Jenseits“.

Schleswig-Holstein hat in den vergangenen Jahren bereits dem Wandel in der Bestattungskultur weitgehend Rechnung getragen. Der strikte Friedhofszwang wurde längst durch Sonderregelungen aufgeweicht. So ist hierzulande die Beisetzung von Urnen in Wäldern zulässig, wenn diese als Friedhöfe gewidmet sind. Träger eines solchen Friedhofs kann nach Auskunft des Sozialministeriums entweder eine Kommune oder eine als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkannte Religionsgemeinschaft sein. Die Seebestattung – in Flensburg und Kiel werden über zehn Prozent der Bestattungen auf See durchgeführt – wurde der Beisetzung auf einem Friedhof gleichgestellt. Sie ist heute eine gesetzliche Ausnahme vom grundsätzlich bestehenden Friedhofszwang.

Inzwischen wird auch in anderen Bundesländern über eine Lockerung des Friedhofszwanges diskutiert – zum Beispiel im Schweriner Landtag. In Bremen haben nach Auskunft des dortigen Bestatterverbandes aber nur zehn Menschen bei 6100 Todesfällen ihre Asche auf ihrem Privatgrundstück verstreut.

Antiquierte Zwangsruhe – ein Kommentar von Frank Albrecht

Die Zahlen sind eindeutig: Schon vor zwei Jahren ermittelte das Umfrage-Institut Emnid, dass 65 Prozent der Bundesbürger gegen die Friedhofspflicht sind. Andere Befragungen haben den Trend inzwischen bestätigt. Nur jeder Zweite wünscht sich demnach  ein Grab auf dem Friedhof. Höchste Zeit also, das Thema auch in Schleswig-Holstein auf die politische Tagesordnung zu setzen. Das haben die Piraten jetzt getan. Sie wollen auch hierzulande möglich machen, was in Bremen bereits seit gut einem Jahr erlaubt ist: Angehörige dürfen die Asche von verstorbenen auf Privatgrundstücken verstreuen.

Der Umgang mit Trauer, Verlust und Gedenken ist sehr individuell. Er sollte so frei wie irgend möglich von gesetzlicher Gängelung sein.  Wer mag, kann  ein bisschen Asche eines geliebten Menschen zu einem Diamanten pressen oder gar ins All  schießen. Niemand muss das gut finden, aber es sollte legal sein. Neben diesen Extrembeispielen zeigt auch das Entstehen von Waldfriedhöfen oder Urnen-Wiesen, dass sich die Bestattungskultur in den vergangenen Jahrzehnten gewandelt hat. Darauf sollte Politik reagieren.

 Das Ende der Friedhofspflicht gäbe nicht nur den Hinterbliebenen mehr Raum für ihre ganz eigene Form des Gedenkens. Eine Liberalisierung des Bestattungsrechtes stärkt auch die Freiheit des Einzelnen, vor seinem Tod selbst über die eigene Ruhestätte zu entscheiden.

Ohnehin kann  der Zwang zum Friedhof  relativ leicht ausgehebelt werden. Viele unserer Nachbarstaaten haben längst deutlich liberalere Gesetze zur Totenruhe. Wer will, kann also ein ausländisches Krematorium nutzen und  anschließend die Urne  in Empfang nehmen. Was  dann damit geschieht, wird in der Realität eher wenig bis gar nicht kontrolliert. Warum also nicht endlich das antiquierte Gesetz der Realität und vor allem den Wünschen der Menschen anpassen?

Im Fall der traditionellen Seebestattung ist das Land zwischen den Meeren bereits seit langem Vorbild. Diese Form der letzten Ruhe ist allen anderen Bestattungsformen rechtlich gleichgestellt. Viele  Bundesländer aber  knüpfen die Seebestattung an teilweise abstruse Bedingungen. Eindeutig ein Fall für die Piraten in den anderen Ländern.

 

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erstellt am 27.Jan.2016 | 19:37 Uhr

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