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Schleswig-Holstein

10. Dezember 2016 | 09:56 Uhr

Pellworm : Bei Wind und Wetter: Wenn der Briefträger durchs Watt wandert

vom

Auf Pellworm lebt Deutschlands einziger Wattpostbote. Zweimal pro Woche stapft Knud Knudsen von der Insel mit Briefen zur knapp sieben Kilometer entfernten Hallig Süderoog - bei fast jedem Wetter.

Pellworm | Unter Knud Knudsens Füßen schmatzt der Schlick. In spätestens 90 Minuten muss er auf Süderoog ankommen, sonst schafft er es nicht zurück nach Pellworm. Der 61-Jährige ist Deutschlands einziger Wattpostbote. Zweimal, manchmal dreimal pro Woche packt er bei Niedrigwasser Briefe, Pakete und oft auch frische Brötchen in seinen Rucksack - und bringt sie zu Fuß auf die Hallig.

Auf dem knapp sieben Kilometer langen Weg überwindet Knudsen Priele, in denen das Wasser ihm teils noch bis zur Hüfte steht, Muscheln schneiden in die nackten Füße. Das alles stört ihn nicht - auch mit 75 will er die Tour noch machen, die er bereits tausende Male gegangen ist. „Halb um die Erde bin ich schon“, sagt er. Ein Boot will er nicht. „Das muss auch unterhalten werden.“

An diesem Sommertag ist das Wasser warm, die Wattflächen glitzern silbern, Dutzende Wattwanderer begleiten ihn auf die bereits in der Ferne sichtbare Hallig. Was an den Touren das Schönste ist? „Man muss nicht immer alles erklären“, antwortet Knudsen, der im Hauptberuf als Wasserbauer für den Küstenschutz arbeitet. Einen Fotoapparat hat er nicht mit. „Ich hab alles in meinem Kopf.“

Rückblende: Ein Dienstagmorgen, Ende April, Schneeflocken fallen vom Himmel - und der Wind drückt das Wasser ins Watt. Es ist die dritte Tide nach Vollmond, der Pegel steht mehrere Dezimeter höher als normal. Knudsen, der trotz Kälte in kurzer Hose, offenem Hemd und barfuß unterwegs ist, blickt über den Deich. Ein Brief und ein Prospekt bleiben wegen des hohen Wassers erst mal auf Pellworm. Auch die Buttermilch, die er beim „Koopmann“ (Kaufmann) für die beiden einzigen Halligbewohner besorgt hatte, muss warten. Ihren Braten können sie darin erst später einlegen.

Wirklich gefährlich wurde die Nordsee für Knudsen, der seit 2001 im Auftrag der Deutschen Post zur Hallig geht, auf seinen Touren bislang nicht. „Vor gut zehn Jahren“, erinnert sich der gelernte Elektriker, „musste ich mal umkehren“. Auf dem Rückweg von Süderoog, wo er bereits lange für den Küstenschutz gearbeitet hatte, stand das Wasser in einem der großen Priele bereits sehr hoch. Noch vor der Hälfte des Weges wendete er und ging zurück zur Hallig. Dort wartete er bis zur nächsten Ebbe. „Ich hatte schon geahnt, dass es knapp werden würde.“

Für Notfälle hat der auf Pellworm geborene Knudsen immer Handy und auch einen Kompass dabei. Damit findet er den Weg, erst 200 Grad, später 235 und 215 Grad Südwest, auch bei Nebel. Ins Watt gerammte Pfähle mit weißen und blauen Reflektoren geben alle paar hundert Meter zusätzliche Sicherheit. Um den Hals trägt der Nordfriese einen großen Bernstein, den sein Vater einst fand. Und im Winter, wenn das Watt gefriert, zieht auch Knud Knudsen Watstiefel aus Gummi an, die bis in den Schritt reichen.

An dem warmen Juli-Tag ist all das weit weg. Knudsen und die Wattwanderer erreichen sicher die Warft, mit ihnen verdient er sich im Sommer etwas hinzu. Von der Post bekomme er laut seinem Transportvertrag nur etwas mehr als 40 Euro pro Tour, erzählt er. Das entspreche einem Stundenlohn von fünf Euro, wenn man etwa berücksichtige, dass er die Briefe, die die Halligbewohner schreiben, auch wieder wegbringe.

Mit der Zustellung bis auf die Hallig erfülle die Post ihren Versorgungsauftrag, schreibt das Unternehmen auf seiner Homepage. Demnach werden in Deutschland alle Haushalte zum gleichen Preis bedient. So engen Kontakt wie das Hallig-Paar zu Knud Knudsen, für den auch Post- und Fernmeldegeheimnis gelten, pflegen aber nur wenige Postkunden zu ihrem Briefträger. Auch Porto legt er manchmal aus.

Auf Süderoog begrüßen Hallig-Bewohner Holger Spreer und Nele Wree Knudsen und seine Gruppe herzlich. Eine Stunde Pause bei Zitronen- und Mandelkuchen ist schnell vorüber, sie müssen zurück, ehe die Flut kommt. Zwei Briefe und ein paar Eier nimmt Knudsen mit zurück. Über dem Leuchtturm von Eiderstedt, mehrere Kilometer südlich, türmen sich derweil Wolken, am Morgen war noch Starkregen gefallen. Doch nach einer Stunde und 15 Minuten erreichen alle bei strahlendem Sonnenschein den Deich von Pellworm. Im April hatte Spreer die Buttermilch für den Braten dagegen tags drauf per Boot abholen müssen.

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erstellt am 05.Aug.2016 | 07:21 Uhr

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