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Schleswig-Holstein

09. Dezember 2016 | 03:11 Uhr

Ein Blick auf unsere Heimat : Axel Prahl: „Heimat gibt es nicht in der Mehrzahl“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Der gebürtige Schleswig-Holsteiner Axel Prahl, der vor allem als Münsteraner „Tatort“-Kommissar Frank Thiel bekannt ist, über Kindheit und Küste.

Axel Prahl ist mal wieder im Norden, er dreht in Dithmarschen und Hamburg eine Komödie – mit dem Lübecker Schauspieler Jonas Nay und dem Dithmarscher Regisseur Lars Jessen. Grund genug, mit dem gebürtigen Eutiner, der in Neustadt aufgewachsen ist und heute in Berlin lebt, über den Begriff Heimat zu sprechen. Prahl hat viel zu dem Thema zu erzählen, er lacht oft und liefert auch gleich die Schlagzeile für das Interview: „Heimat gibt es nicht in der Mehrzahl“ – was nicht ganz stimmt, aber erst nach dem Interview geprüft werden konnte. Egal: Die Zeile war schön und, ganz ehrlich, Heimaten klingt auch ziemlich blöd.

Worum geht es bei der Serie „Heimat“?

In den kommenden Wochen werden wir der Frage nachgehen, was „Heimat“ eigentlich ist. Wir stellen Menschen vor, berichten von Institutionen, Vereinen und Verbänden und beleuchten das Thema aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln. Den Anfang macht Schauspieler Axel Prahl.

 

Herr Prahl, was bedeutet der Begriff Heimat für Sie?
Das ist gar nicht so einfach zu beantworten, weil es ja keine hundertprozentige Definition davon gibt, was Heimat eigentlich ist. Man könnte danach gehen, wo man am längsten gelebt hat oder wo man gerade lebt – oder wo man geboren wurde. Ich bin in Eutin zur Welt gekommen, aber da habe ich nur zwei Stunden im Kreißsaal verbracht. Also: Ich würde sagen, meine Heimat ist Neustadt in Ostholstein, denn dort bin ich aufgewachsen.

Klingt doch gar nicht so kompliziert...
Ja, aber erschwerend kommt hinzu, dass meine Mutter mit ihren Eltern nach dem Krieg aus Pommern geflohen ist. Insofern ist es für mich wenig überraschend gewesen, dass ich mich auch in Mecklenburg-Vorpommern relativ schnell sehr wohl gefühlt habe. Ich glaube schon, dass das etwas ist, was man mit der Muttermilch übertragen bekommt. Meine Großmutter erzählte immer voller Wehmut von den Stränden an der Kurischen Nehrung – ihrer Heimat.

Also erwächst ein Heimat-Gefühl auch aus Erzählungen innerhalb der Familie?
Das gehört bestimmt dazu. Mein leiblicher Vater ist ein Berliner, ich war schon als kleiner sechsjähriger Bengel in Berlin, da gab es am Alexanderplatz noch einen Kreisverkehr. Und irgendwann, viel später, drehen sich diese Rädchen wieder ineinander und plötzlich bin ich von Rendsburg aus, wo ich am Schleswig-Holsteinischen Landestheater war, in Berlin gelandet.

Die Stadt, in der Sie leben.
Ja, ich bin dort seit 1992. Die ersten drei Monate in Berlin waren schwer und die einsamsten meines Lebens, weil ich kaum Leute kannte. Und mir fehlten das Meer und der Wind, während ich durch die endlosen Häuserschluchten der Stadt gewandert bin. Trotzdem habe ich mich auch heimisch gefühlt, durch die gemeinsame Zeit mit meinem Vater.

Ist Berlin auch zu Ihrer Heimat geworden?
Ich bin jetzt mehr als 20 Jahre in Berlin und fühle mich sehr wohl. Das ist mein Zuhause und natürlich mittlerweile auch eine Art Heimat.

Diese Einsamkeit der ersten Monate, hat die nicht die Sehnsucht nach der vertrauten Heimat bei Ihnen geweckt?

Na ja, diese Einsamkeit rührte ja eher aus dieser alten Vertrautheit heraus. Ich hatte bis dahin nur Städte von der Größe Kiels kennengelernt. Da kannte ich viele Leute, auch aus meiner alten Heimat. In Berlin hatte ich einen einzigen Freund, bei dem bin ich in der Besenkammer untergekommen. Er arbeitete von morgens bis spätabends und hatte nur einen Haustürschlüssel – ich musste also immer warten, bis er wieder nach Hause kam.

Sie drehen gerade nahe der alten Heimat. Ist das für Sie ein besonderer Job?
Es ist immer schön, beruflich nach Schleswig-Holstein zu kommen. Aber es ist auch wegen der Dithmarscher etwas Besonderes. Die sind den Berlinern gar nicht unähnlich, beide sind sturköpfig und tragen ihr Herz auf der Zunge, auch wenn der Dithmarscher grundsätzlich weniger redet.

Was für einen Film machen Sie?
Eine Komödie. Es geht um einen Vater-Sohn-Konflikt. Leider hat das Wetter etwas die Stimmung verdorben.

Das Wetter war doch gut.
Eben, das war zu gut. Wir haben eigentlich mit dem typischen Schleswig-Holstein-Wetter gerechnet, damit wollten wir die Atmosphäre für die Auseinandersetzungen schaffen – es sollte nicht alles so bilderbuchmäßig erzählt werden. Aber gegen diesen Spätsommer sind wir nicht angekommen. Ich bin mit meiner Frau an einem freien Tag nach Helgoland geflogen, da haben wir nur an den roten Felsen gemerkt, dass wir nicht auf den Balearen sind.

Was haben Sie auf Helgoland gemacht?
Wir haben dort vor zwei Jahren geheiratet und wollten unseren Hochzeitstag nachfeiern. Eine tolle Insel, gerade dann, wenn die ganzen Schiffe wieder weg sind. Dann kehrt da eine wunderbare Ruhe ein, fernab von jedem Zivilisationslärm. Es fahren keine Autos und nur ganz selten fliegt mal ein Flugzeug vorbei. Während des Spaziergangs kann man Kegelrobben und Seehunde beobachten. Und, nicht zu vergessen: Der Hummer und die Knieper sind total lecker.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, ausgerechnet auf Helgoland zu heiraten?
Es sollte eine kleine, intime und geheime Hochzeit werden, meine Frau hatte dann die Idee mit Helgoland – und das war sehr, sehr romantisch. Leider ist das dann wieder über irgendein Handyfoto bei der Bild-Zeitung gelandet – und damit an der großen Glocke. War dann die zweitgrößte Schlagzeile auf dem Titel, direkt unter der Weltmeister-Headline.

Die deutsche Nationalmannschaft hat ja im weitesten Sinne auch etwas mit Heimat zu tun.
Das stimmt. Genau wie der FC St.  Pauli für mich auch mit der Heimat verbunden ist. Wir haben den Verein im Tatort eigentlich nur als Vehikel eingesetzt, um zu erzählen, dass der Kommissar Thiel aus Hamburg nach Münster strafversetzt wurde. Aber diese Geschichte deckt sich natürlich trotzdem mit meiner Biografie, weil wir ab und zu ins Millerntor-Stadion gefahren und hinterher noch ins Grünspan gegangen sind. Insofern ist auch das Teil meiner persönlichen Geschichte.

Trotz des Films, den Sie gerade in Dithmarschen machen: Sie drehen relativ selten in Ihrer alten Heimat. Woran liegt das?
Sicherlich daran, dass ich ja eher mit dem WDR verbandelt bin. Und so furchtbar viel passiert hier oben ja auch nicht, höchstens noch in Hamburg. Aber wenn ich hier drehe, ist das für mich in gewisser Weise immer ein Heimat-Film, auch wenn ich jetzt eigentlich zwei Heimaten habe. Gibt es überhaupt eine Mehrzahl von Heimat?

Oh, das weiß ich nicht. Heimaten klingt auf jeden Fall komisch.
Heimat gibt es nicht in der Mehrzahl, das wäre eine schöne Überschrift.

Ja, das können wir machen: Axel Prahls Heimat-Wunschzeile. Haben Sie eigentlich eine Erinnerung an die Heimat, die Sie besonders geprägt hat?
Für mich steht Ostholstein in erster Linie für eine unbeschwerte Jugendzeit, mit Sommernächten im Zelt und allabendlichen Lagerfeuern am Strand.

Sie beziehen immer wieder auf das Meer, auch in Ihrer Musik. Was macht diesen Raum für Sie so besonders?
Ich finde, dass es nur wenige Orte in unseren zivilisationsverseuchten Landschaften gibt, die so naturbelassen sind wie das Meer. Es bringt mich zur Ruhe und zurück auf das Wesentliche. Ich werde da im besten Sinne fast andächtig.

Gibt es Momente in Ihrem Leben, an denen Sie unbedingt ans Meer fahren müssen?
Die gab es durchaus schon. Heute aber fahre ich immer dann ans Meer, wenn ich beruflich oder privat in Schleswig-Holstein bin und sich die Gelegenheit bietet.

Gibt es Dinge oder Bilder in Berlin, die Sie an Ihre Heimat am Meer erinnern?
Lustigerweise lebe ich seit kurzem in der Nähe von Berlin an einem See, der ist so groß und derart mit Wald umwachsen, dass es dort, wenn die Sonne richtig steht und ein kräftiger Wind geht, fast aussieht wie an der Flensburger Förde.

Sie haben vor Jahren gesagt, dass Sie sich eine Rückkehr nach Ostholstein vorstellen könnten. Gilt das noch?
Ich fürchte eher nicht, weil wir genau dieses Haus an diesem See gefunden haben. Da habe ich jetzt wieder meinen Blick aufs Meer.

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erstellt am 04.Okt.2016 | 19:42 Uhr

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