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Schleswig-Holstein

10. Dezember 2016 | 02:15 Uhr

Mietwohnungen : Auf Wohnungssuche in Flensburg: „Eine Perle im Ghetto“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Horrende Mieten und falsche Versprechungen – angehende Mieter müssen heutzutage ein dickes Fell und viel Geduld haben, weiß unsere Autorin.

Flensburg | In meine erste eigene Wohnung zog ich 2006, kurz nach dem Abitur. Eine Einliegerwohnung in Kiel, 1,5 Zimmer, 40 Quadratmeter, ruhige Lage, die Dusche war in der Küche. Für 330 Euro warm im Monat ein Schnäppchen, so viel zahlt man heute für ein durchschnittliches WG-Zimmer. Schon nach zehn Minuten Besichtigung bekam ich von den Eigentümern eine Zusage – die Chemie stimme einfach, hieß es. Den Mietvertrag unterschrieben wir bei einer Tasse Tee in ihrem Wohnzimmer.

Heute, zehn Jahre später, bin ich wieder auf Wohnungssuche. Zusammen mit meinem Freund und vier anderen Pärchen werden wir durch eine Altbauwohnung in Flensburg gelotst. Knapp 80 Quadratmeter, drei Zimmer, kein Balkon, 1250 Euro warm. Der Quadratmeterpreis hat sich damit fast verdoppelt: von 8,25 Euro auf 15,60 Euro in nur zehn Jahren. Wer Interesse hat, füllt einen Bewerberbogen aus: Gehaltsabrechnungen, Schufa-Auskunft, Vermieterbescheinigung, manchmal auch ein aktueller Kontoauszug. Wohnungssuchende müssen sich von ihrer Privatsphäre verabschieden.

Vermieter sind wählerisch. Sie können es sich erlauben. Auf eine Wohnung kommen laut einer Studie des Online-Portals Domiando im Schnitt 125 Bewerber, in Regionen mit geringem Wohnungsleerstand – wie Schleswig-Holstein – sind es sogar noch mehr. Rar ist der Wohnraum vor allem in Studentenstädten wie Kiel, Flensburg oder Lübeck. Zu Semesterbeginn im Frühjahr und Herbst ist der Markt jedes Jahr völlig abgegrast. Besonders schwer haben es Geringverdiener, bezahlbarer Wohnraum ist kaum noch zu finden.

Stattdessen häufen sich die Angebote vermeintlicher Luxuswohnungen zu völlig überteuerten Preisen. In Flensburg werden im Akkord neue „exklusive“ Wohnanlagen aus dem Boden gestampft, die sich an ein einkommensstarkes, kinderloses Klientel richten. Die Nachfrage nach solchen hochpreisigen Immobilien scheint ungebrochen – zumindest nach Meinung der Investoren.

In der Praxis stellt sich die Lage anders dar. Auf einem ehemaligen Kasernengelände an der Flensburger Förde, das vor einigen Jahren in ein Luxus-Wohngebiet umgebaut wurde, stehen etliche Wohnungen leer. Im Internet sind die Inserate der hochpreisigen Wohnungen oft monatelang online, weil sich kein geeigneter Mieter findet. Die günstigen hingegen verschwinden nicht selten bereits nach einem Tag wieder von der Bildfläche. „Wir hatten nach einer Stunde schon 18 Anfragen für eine Besichtigung“, erzählt eine Vermieterin. Die Not ist groß.

Mit einem festen Job und zwei Einkommen haben wir eigentlich gute Voraussetzungen, eine vernünftige Wohnung zu finden. Trotzdem erleben wir eine Pleite nach der anderen. Nicht, weil uns kein Vermieter will, sondern weil das Preisleistungsverhältnis absurde Züge angenommen hat. 1600 Euro Warmmiete für eine Drei-Zimmer-Wohnung mit Balkon – solche Preise erscheinen uns trotz guter Lage am Wasser übertrieben.

Seit ich zum Studieren vor zehn Jahren von zu Hause ausgezogen bin, wohne ich zur Miete. Im Grunde bedeutet das, ich zahle jemand anderem Geld dafür, dass ich in seiner Wohnung lebe. In Summe müsste der so gezahlte Betrag sechsstellig sein. Doch das Geld ist futsch. Am Ende habe ich nichts in der Hand. Die Alternative wäre Kaufen, besonders jetzt, wo die Zinsen niedrig sind und die Banken großzügig Kredite bewilligen. Voraussetzung ist ein gewisses Maß an Eigenkapital – und die Bereitschaft sich zu binden. Manchmal fehlt Beides.

Bei der Besichtigung der Altbauwohnung sind wir inzwischen in der Küche angekommen. Die Einbauküche mit roten Hochglanzfronten gehört dem Vormieter und müsste gegen „eine geringe Ablöse“ von 1000 Euro übernommen werden, informiert uns der Makler. Er stellt viele Fragen. Wo wir arbeiten, was für ein Auto wir fahren und wie es eigentlich mit unserem Kinderwunsch aussähe? Ich komme mir vor wie bei einem Eignungstest.

Die anderen Pärchen scheint das nicht zu stören. Ein junger Mann plaudert über den letzten Urlaub auf den Florida Keys und lässt dabei seine Audi-Schlüssel klappern. Wir verabschieden uns höflich.

Die nächste Wohnung, die wir uns anschauen, liegt in einem Randbezirk der Stadt. Sozial schwache Schicht, hohe Kriminalitätsrate, wie wir später erfahren. Die Dame von der Wohnungsverwaltung hat dazu eine andere Meinung. Das Viertel sei gerade „groß im Kommen“, die Wohnung eine „Perle im Ghetto“. Noch seien die Mieten günstig, da müsse man zuschlagen.

Das sehen wir anders. Der Flur des ehemaligen Kasernengebäudes sieht aus wie im Altenheim, im Badezimmer der Wohnung sind mehrere Fliesen gesprungen, der blaue Teppich ist fleckig, es stinkt nach Zigaretten. Auf Nachfrage räumt die Hausverwalterin ein, dass in der Wohnung vorher ein „Mann mit Drogenproblemen“ gelebt habe. Bis zum Einzug würden die Handwerker aber „die meisten Mängel“ beseitigen, versichert sie. 780 Euro im Monat soll die Ghetto-Perle kosten. Wir passen.

Wer eine neue Bleibe sucht, braucht zwei Dinge: Einen langen Atem und niedrige Ansprüche. Von zehn Wohnungen ist im Schnitt eine dabei, die überhaupt in Frage kommt. Die Inserate bei Immobilienscout, dem größten Online-Portal für Immobilien, wechseln täglich, immer wieder kommen neue Angebote herein. Eigentlich ein gutes Zeichen, doch der Schein trügt. Bei den Beschreibungen wird mit Euphemismen nicht gegeizt. Der „traumhafte Ausblick“ ist in Wahrheit ein Hochhaus, der „Gemeinschaftsgarten“ ein schmaler Grünstreifen an der Straße, und hinter der „individuellen Raumaufteilung“ verbirgt sich meist ein total verschnittener Grundriss. Ob ein Angebot seriös oder eine Nullnummer ist, stellt sich meist erst bei der Besichtigung heraus.

Das merke ich auch bei der 2-Zimmer-Wohnung in einem Fachwerkhaus in der Innenstadt, die im Internet als „charmant und gemütlich“ angepriesen wurde. Die Deckenhöhe beträgt durch die alten Holzbalken 1,60 Meter, das Wohnzimmer kann ich nur gebückt betreten. Am Telefon hat der Makler diesen Umstand mit keinem Wort erwähnt. Während er mich durch die Räume führt, stößt er sich zweimal den Kopf am Türrahmen. Hier habe vorher eine ältere Dame mit Rückenproblemen gelebt, erklärt mir der Makler.

Im Schlafzimmer ist der Fußboden so schief, dass die alten Möbel der Vormieterin mit Bierdeckeln in der Waagerechten gehalten werden. Der Makler bemerkt meinen ungläubigen Gesichtsausdruck und ergänzt: „Die Wohnung ist eben ein Liebhaberstück.“ Ich nehme es mit Humor, frage mich allerdings, wer um alles in der Welt bereit ist, dafür ein halbes Monatsgehalt zu bezahlen.

Nach 18 Besichtigungen haben wir endlich Glück: Wir finden ein kleines Einfamilienhaus im Stadtgebiet, das gerade frisch renoviert wurde: 100 Quadratmeter mit Terrasse und kleinem Garten. Mit 960 Euro Miete mittlerweile ein echter Schnapper. Eine Woche später fahre ich erneut an der Wohnung mit den niedrigen Decken und dem schiefen Fußboden vorbei. In den Fenstern hängen schon neue Gardinen.

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erstellt am 06.Nov.2016 | 13:58 Uhr

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