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Schleswig-Holstein

06. Dezember 2016 | 09:13 Uhr

Niedrige Temperaturen und Regen : April-Wetter im August: Wo bleibt der Sommer?

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Viel zu niedrige Temperaturen, immer wieder Regenschauer. Und: Meteorologen sehen keinen Umschwung.

Der Sommer kommt einfach nicht in Fahrt. Statt Hundstagen mit anhaltender Hitze liegen derzeit selbst die Tagestemperaturen um die 20 Grad, es ist dicht bewölkt und immer wieder prasseln Schauer nieder. Urlaubsgefühle kommen selten auf. Und es gibt kaum Hoffnung auf einen Wetterwechsel.

Zwar soll am kommenden Sonntag und Montag ein Zwischenhoch zumindest ein wenig mehr Wärme bringen. Allerdings sind sich die Meteorologen aus dem Team des Kieler Wetterfroschs Meeno Schrader und vom Deutschen Wetterdienst (DWD) in Hamburg einig: In den nächsten anderthalb bis zwei Wochen gebe es keine Chance, dass das Wetter besser wird, sagten sie auf Anfrage des sh:z.

„Die Wetterlage ist sehr festgefahren, da besteht keine Aussicht, dass sich ein Hoch längerfristig etabliert“, sagt Alina Voß von Meeno Schraders „Wetterwelt“. Wie ihr Kollege Karsten Kürbis vom DWD in Hamburg erwartet sie, dass vorerst weiter ein nordatlantisches Tiefdruckgebiet das nächste jagt – „mit relativ niedrigen Temperaturen, Schauerrisiko und sehr viel Wind“. Auf nur 16 bis 18 Grad könnten die Temperaturen am Sonnabend fallen.

„Diese Wechselhaftigkeit ist eigentlich typisch für Aprilwetter“, sagt die Expertin. Zur Hartnäckigkeit des Tiefdruckeinflusses trage bei, dass es kaum Temperatur-Unterschiede zwischen den Meeren und der Landmasse geben würde. Grundsätzlich gilt die Regel: Wetterwandel braucht Druckunterschiede, und die gibt es nur, wenn gegensätzliche Temperaturen aufeinandertreffen.

Trotz des gefühlt miesen Sommerwetters: Allzu ungewöhnlich ist die Wetterlage nicht. „Wir befinden uns immer noch innerhalb der sieben Wochen nach Siebenschläfer, an dem in diesem Jahr schlechtes Wetter war“, verweist die Kielerin Voß auf eine alte Bauernregel. Statistisch seien die Temperaturen im Juli in Schleswig-Holstein sogar ein Grad wärmer gewesen als im Durchschnitt der letzten 30 Jahre. Auch die Niederschlagsmenge liege im langfristigen Mittel – wenn auch mit Ausreißern in einzelnen, lokal eng begrenzten Gebieten mit Starkregen-Schauern. Kürbis meint: „Die letzten Sommer waren schön – von daher sind die Leute verwöhnt.“ 

Aber wie zuverlässig sind Prognosen überhaupt? Frank Böttcher (48),Hamburgs bekanntester TV- und Radio-Meteorologe, antwortet im Interview.

Herr Böttcher, Hand aufs Herz: Wie wird das Wetter im Rest des Sommers?

Böttcher: Das kann ich nicht sagen. Wir fahren in der Meteorologie auf Sicht, das heißt unsere Vorhersagen reichen allerhöchstens zehn Tage. Und dahinten am Horizont sind die Prognosen dann schon sehr wackelig.

Gefühlt war das Wetter in Norddeutschland in den letzten Wochen chaotisch. Stichwort Tornados. Stimmt der Eindruck? 

Tatsächlich gab es noch nie Tornados an drei aufeinanderfolgenden Tagen bei uns, und wir haben eine Häufung von Starkregenereignissen in Schleswig-Holstein und Hamburg gehabt. Wobei das lokal sehr unterschiedlich ist. In den letzten 30 Tagen sind etwa in Hamburg-Heimfeld 30 Liter pro Quadratmeter gefallen, keine 15 Kilometer nordöstlich in Berne waren es 150 Liter.

Ist das alles noch normal?

Es gehört einerseits zu unserem Wetter dazu, dass wir auch solche Wetterlagen haben. Aber die Entwicklung passt auch ins große Bild des Klimawandels.

Inwiefern?

Es gibt infolge des Klimawandels zwei Wetterlagen, von denen wir annehmen, dass sie im Sommer häufiger auftreten. Zum einen Südwest-Wetterlagen mit heißen, trockenen Luftmassen. Und zum anderen tropisch-feuchte Luftmassen mit vielen Gewittern. Insgesamt hat sich seit Anfang der 1990er Jahren die Zahl der Hitzetage mit Temperaturen von mehr als 30 Grad in Hamburg auf 4,5 pro Jahr fast verdoppelt.

Kann das nicht statistischer Zufall sein? Was macht Sie sicher, dass wir es mit einer Klimaveränderung zu tun haben?

Wir beobachten, dass zu den natürlichen Schwankungen beim Wetter ein menschengemachter Impuls hinzukommt: Die Abgabe von Treibhausgasen in die Atmosphäre. Das ist so wie auf der Autobahn. Leitplanken und Markierungen sorgen dafür, dass die Autos zwar mal weiter links und mal weiter rechts fahren, aber immer in einem bestimmten Bereich bleiben. Nimmt man die Leitplanken weg, wird die Fahrbahn leicht verlassen. Das passiert gerade beim Klimawandel.

Ihr Institut hat kürzlich Tornados in der Prognose genannt, woraufhin der Deutsche Wetterdienst Ihnen Panikmache vorgeworfen hat.  Müssen private Wetterdienste laut trommeln, um wahrgenommen zu werden?

Nein. Alle Wetterdienste machen ihre Vorhersagen mit sehr großer Sorgfalt, wir auch. Das war an dem Tag nicht anders. Wir hatten viele Hinweise auf eine Wetterlage, die zu Tornados in Hamburg und Schleswig-Holstein hätten führen können.

Was macht einen guten Wetterdienst-Anbieter aus?

Wichtigstes Kriterium sind hervorragende Vorhersagen über einen langen Zeitraum hinweg. Und dabei lassen wir uns auch nicht von irgendwelchen Interessen beeinflussen. Etwa, wenn Urlaubsregionen sich wünschen, dass wir die Sonne auf dem Vorschaubild größer und die Wolken kleiner machen.

Wie groß ist Ihre Trefferquote?

98 Prozent der Prognosen treffen zu, das heißt, im Jahr sind nur sechs falsch. 2015 waren die Vorhersagen für die nächsten fünf Tage übrigens so gut wie 1960 für den nächsten Tag.

Aber Fehler passieren trotzdem?

Na klar. Es kam schon vor, dass meine Frau aufwacht und sagt: „Guck mal, wie schön die Sonne scheint.“ Und ich schrecke hoch und denke: „Wo ist denn mein Hochnebel schon hin?“ Umgekehrt ist es viel unangenehmer. Stellen Sie sich vor, mein „abends sonnig“ löscht bei den Leuten den Grill.

Bekommen Sie viele Beschwerden über falsche Vorhersagen?

Sehr, sehr wenige. 

Machen Wetter-Apps und Wetter-Portale im Internet die klassischen Wetterberichte überflüssig?

Nein, im Gegenteil. Ich stelle einen Trend fest, hin zu mehr Meteorologen im Fernsehen anstelle von Moderatoren, die Meteorologie nur erzählen. Es gibt ein Bedürfnis der Menschen, sich die Flut von Wetterdaten seriös erklären und einordnen zu lassen. Die Einschaltquoten untermauern das. 

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