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Schleswig-Holstein

10. Dezember 2016 | 11:57 Uhr

Ostsee und Nordsee : Animateure in SH: Arbeiten, wo andere Urlaub machen

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Ob Einrad, Jo-Jo oder Schwimmunterricht: In den Badeorten sorgen Animateure für Abwechslung im Urlaub – und der Andrang ist beachtlich.

Im Strandkorb sitzen, aufs Meer gucken, dann im Wasser mit den Wellen spielen und vielleicht mal Muscheln sammeln. Könnte man alles machen am Ostseestrand von Kellenhusen im Kreis Ostholstein. Wollen viele Urlauber aber gar nicht mehr – zumindest nicht die ganze Zeit.

„Der Gast fühlt sich heutzutage erst dann wohl, wenn er was um die Ohren hat“, sagt Martin Riedel, Touristikleiter des kleinen Ostseebads. Kellenhusen hat deshalb bereits zur Jahrtausendwende Animateure eingestellt. Die Urlauber waren begeistert, und 2010 riefen die professionellen Gästebetreuer eine eigene Agentur ins Leben, um die enorme Nachfrage zu bewältigen. „Ostsee Animation“ beschäftigt heute in der Hauptsaison 20 Mitarbeiter und kümmert sich auch um Urlauber auf Campingplätzen und in Ferienanlagen auf Fehmarn.

Gründer ist Romain Leroyer (40), ein Weltenbummler aus Frankreich, bunte Häkelmütze und gewinnendes Lächeln. „Wir sammeln die Leute nicht am Strand vom Handtuch, sie kommen zu uns“, erklärt er.

Stimmt. Am kleinen Schalter in der Kellenhusener Kurverwaltung herrscht um 11.30 Uhr ein riesiger Andrang. Wer den Einradkurs (16 Euro für zwei Übungsstunden) nicht vorab gebucht hat, ist chancenlos und muss vertröstet werden.

Während die Truppe mit ihren Rädern in einen Saal mit Spiegelwand marschiert, zählt Leroyer auf, was sonst noch geboten wird: Jonglage, Bogenschießen, Stand-Up-Paddling, Beach-Volleyball, Aquajogging, Schwimmkurse, Skiken (Inlineskaten im Gelände) aber auch Brettspiel-Nachmittage und Häkelkurse. Leroyer zeigt auf seine Mütze, die ihm ein Urlauber geschenkt hat.

„Wir sind in Kellenhusen, weil meine Frau hier als Kind Urlaub gemacht hat“, erzählt Thomas Bockmühl (47) aus Wuppertal, während er aufs Einrad steigt und elegant eine Runde dreht. „Nicht meine erste Stunde“, grinst er und fügt hinzu: „Wir kommen seit vier Jahren immer wieder her, weil hier viel geboten wird.“ Seine Tochter ist bereits Einrad-Expertin, Sohn Fabian (12) macht jetzt auch mit. Später will der noch Jonglieren und mit der Frisbee Discgolf spielen.

Eine Gruppe Jungs lässt sich derweil Tricks mit dem Jo-Jo beibringen. „Kinder ab sieben Jahren reicht der Sand am Strand nicht, sie können sich aber oft nicht mehr alleine beschäftigen“, beobachtet Leroyer. Was Eltern in echte Nöte bringen kann, aus denen ihnen die Animateure helfen. „Wir geben den Kindern einen Anstoß, dann treffen sie sich hier, spielen stundenlang, und das Smartphone ist vergessen“, sagt Leroyer. Erstaunlicher Nebeneffekt: Viele Eltern wollen ebenfalls beherrschen, was ihre Kinder können – und machen mit. Familienzusammenführung unter Anleitung des Animateurs.

Mit seinen Freizeitprofis hat Kellenhusen sich fast ein Alleinstellungsmerkmal geschaffen, das es von den meisten anderen Ferienorten an der Lübecker Bucht abhebt. Timmendorfer Strand hat ebenfalls noch ein ähnlich umfangreiches Angebot; beispielsweise Scharbeutz aber lediglich eine Kinderbetreuung. Touristikleiter Riedel: „Wir sind tatsächlich ein wenig stolz auf diese Exklusivität, die in Person von Herrn Leroyer ihren Motor hat.“

Am Nachmittag strampeln im Meerwasserfreibad kleine Mädchen und Jungs mit Schwimmnudeln durchs Becken. Unter Anleitung von Carolin Hinrichs, einer ausgebildeten Rettungsschwimmerin, üben sie die richtigen Bewegungen. „Weil es in der Schule immer weniger Schwimmunterricht gibt, ist die Nachfrage bei uns groß“, sagt die Abiturientin. Auch Rainer Joop (67) aus Hannover hat seine Enkelin Alina (4) für den Kurs (59 Euro für fünf Stunden) angemeldet. „Schon vor dem Urlaub, übers Internet“, wie er erklärt. „Es gibt ganz klar den Trend, alle Aktivitäten bereits von zu Hause aus zu planen“, bestätigt Leroyer. Wird der Urlaubstag damit nicht vollgestopft wie ein Arbeitstag? Der Chef-Animateur sagt: „Nein, es geht den Menschen darum, etwas aus dem Urlaub mitzunehmen, etwas zu lernen.“

Michelle (16) aus Herne lernt an diesem Tag schwimmen wie eine Meerjungfrau, mit einer riesigen Flosse über beiden Beinen. Dann posiert sie am Beckenrand und strahlt: „Ein Mädchentraum.“

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erstellt am 20.Aug.2016 | 17:36 Uhr

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