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Schleswig-Holstein

09. Dezember 2016 | 16:34 Uhr

Drogenkonsum in SH : Alkohol, Nikotin, Heroin: Das Land knallt sich zu

vom
Aus der Onlineredaktion

Im vergangenen Jahr gab es im Vergleich zu 2013 fast doppelt so viele Drogentote. Ein alarmierendes Zeichen, zumal immer mehr harte und weiche, legale und illegale Drogen im Land konsumiert werden.

Bunte Pillen zum Durchhalten, Cannabis zum Relaxen: Deutschland knallt sich zu. Marihuana, Speed und Heroin – 26 Mal wurden Polizisten unlängst fündig, als sie Anreisende zum Bachblyten-Festival im nordfriesischen Schwesing kontrollierten. 600 Besucher hatten sich die Beamten näher angeschaut, 3500 waren auf dem Weg zur Technoparty.

Der Konsum illegaler Drogen steigt, das Alter der Konsumenten sinkt, die Angebotspalette synthetischer Gemische explodiert, die Zahl der Opfer wächst. Bundesweit stieg die Zahl der Drogentoten im vergangenen Jahr um 19 Prozent auf 1226, davon kamen 42 in Schleswig-Holstein ums Leben – 2013 waren es noch 23. Die Zahl der Drogendelikte stieg derweil laut Landeskriminalamt um acht Prozent auf 7767 Fälle. Beim Konsum der legalen Rauschmittel Nikotin und Alkohol verzeichnet der Drogenbericht der Bundesregierung zugleich Rückgänge.

„Verfehlte Drogenpolitik“

„Selektiv und manchmal populistisch“ tadeln Kritiker die Drogenpolitik der Bundesregierung und fordern einen Kurswechsel. Eltern klemmen derweil zwischen Baum und Borke: Was tun gegen die Neugierde auf den Drogenrausch? Präventionskampagnen, Aktionswochen, Anlaufstellen, Mahnungen, Warnungen – Marlene Mortler, Drogenbeauftragte der Bundesregierung liefert in ihrem jüngsten Drogen- und Suchtbericht mehr als nur erschreckendes Zahlenmaterial. 191 Seiten dick ist die Publikation – und gehört zu dem, was der von Akzept e.V., Deutscher AIDS-Hilfe und JES e.V. fast gleichzeitig herausgegebene dritte Alternative Drogen- und Suchtbericht 2016 als „verfehlte Drogenpolitik“ geißelt.

„Weder die Bundesregierung noch ihre Drogenbeauftragte geben auf die brennenden Herausforderungen in der Drogenpolitik zeitgemäße und wissenschaftlich fundierte Antworten“, lautet ein Vorwurf. Die Autoren berufen sich auf „immer mehr Drogentote, verschwendete Milliarden für die wirkungslose und sogar kontraproduktive Strafverfolgung von Cannabiskonsumenten“ sowie auf anhaltend hohen Konsum der legalen Drogen Tabak und Alkohol. Und die Drogenbeauftragte selbst eröffnete vergangenes Wochenende in Berlin den Deutschen Suchtkongress 2016 mit diesen Zahlen: „In Deutschland gelten etwa 20 Millionen Menschen als abhängig. Weltweit konsumieren mehr als 240 Millionen Menschen Drogen, pro Jahr sterben 200.000 Menschen an den Folgen des illegalen Drogenkonsums.“

Legal oder illegal?

„Scheißegal!“, sagt Andreas Dehnke salopp. Der Geschäftsführer des Kieler Fördervereins für Sozialarbeit mit Drogenabhängigen und -gefährdeten „Odyssee“ und seine Mitarbeiter sind mit dem im Norden einzigartigen Partyprojekt nah dran an denen, die schnupfen, schlucken, spritzen, rauchen, was der Markt hergibt. Cannabis, das bestätigt Dehnke, steht an erster Stelle. Fast jeder vierte Deutsche zwischen 15 und 64 Jahren hat zumindest schon einmal probiert. Konsumenten beurteilen es im Vergleich mit Alkohol und Nikotin oftmals als harmlos.

Auch Mathias Speich, Geschäftsführer der Landesstelle für Suchtfragen, kennt das Argument, dass nachweislich ungleich mehr Menschen an den Folgen legalen Drogenkonsums leiden und ebenfalls ungleich mehr Verkehrstote zu beklagen sind. Laut Verkehrssicherheitsbericht Schleswig-Holstein ereigneten sich 2015 unter Drogeneinfluss 196 Verkehrsunfälle – knapp ein Viertel mehr, als im Jahr zuvor und die höchste Zahl seit 2003. Die Unfälle unter Alkoholeinfluss haben sich im Vergleich zum Vorjahr nicht verändert: Hier krachte es 2015 1293 Mal, nur knapp ein Prozent mehr als 2014.

Für Speich stellt sich die Frage, ob der Riesenaufwand einer Strafverfolgung wegen Cannabis-Besitzes Sinn macht. Andreas Dehnke plädiert für eine Legalisierung und – zusammen mit Alkohol – einen Verkauf in Drugstores. „Dann“, sagt Dehnke, „könnte man diesen Bereich besser kontrollieren.“

Tausende sterben am Missbrauch

Im Jahr 2015 verzeichnete die Kriminalitätsstatistik insgesamt 1226 Drogentote in Deutschland, davon 42 in Schleswig-Holstein, fünf in Mecklenburg-Vorpommern, 59 in Hamburg. Mit 314 zählte Bayern die meisten Drogentoten, in Berlin waren es 153.

Der Missbrauch legaler Suchtmittel ist laut des jüngsten Drogen- und Suchtberichts der Bundesregierung für 2015 zwar zurückgegangen, aber: „Schätzungen zufolge sterben in Deutschland pro Jahr zwischen 42.000 und 74.000 Menschen an den Folgen ihres Alkoholkonsums.“ Und für den Tabakkonsum vor dem Hintergrund des jüngsten belastbaren Zahlenmaterials von 2013 stellt der Bericht fest: „Im Jahr 2013 starben in Deutschland rund 121000 Menschen an den Folgen des Rauchens.“

Klare Erkenntnisse über Medikamentenmissbrauch gibt es kaum. „Schätzungen, wie viele Menschen in Deutschland tatsächlich medikamentenabhängig sind, gehen weit auseinander“, heißt es im Drogen- und Suchtbericht. „Bisherige Studien gingen davon aus, dass 1,4 bis 1,5 Millionen Menschen in Deutschland von Medikamenten abhängig sind.“

Ohnehin schwinde das Bewusstsein, sich hier in die Illegalität zu begeben, immer mehr. Dehnke wie Speich weisen aber auch vehement darauf hin, dass Cannabis für Jugendliche verboten sein muss, weil es insbesondere in nicht ausgereiften Gehirnen Schädigungen verursachen kann. Gleichwohl erliegen gerade Minderjährige dem Reiz des Verbotenen – auch in den Umfeldern, die – wie viele Schulen –, hartnäckig vor allem in Sachen Cannabis behaupten, kein Problem mit dieser Droge zu haben.

Deutlich undurchsichtiger als bei Marihuana und Haschisch ist ohnehin der Markt der Party-Drogen und der sogenannten „Legal Highs“. Vor allem für letztere, deren Name zudem suggeriert, sich auf erlaubtem Parkett zu bewegen, ist das Internet unkontrollierter Tummelplatz. Mit dem zynischen Hinweis „für den menschlichen Verzehr nicht geeignet“, werden sie als Badesalze, Kräuter- und Räuchermischungen angeboten. Was so meist aus chinesischen Labors in die Kinderzimmer gelangt, nennen Drogenexperten hochgefährlich. „Man weiß nie, welche Charge man erwischt hat“, sagt Dehnke und weiß doch, dass junge Leute konsumieren, was sie bekommen können, „Hauptsache, es knallt“.

Billig und viel

Zu bekommen ist überall alles zu problematisch niedrigen Preisen. Fünf Gramm Heroin sei für 60 Euro zu haben. „Für Anfänger reicht das zwölf Tage“, sagt Dehnke. Die bunte Pille für die Wochenend-Technoparty gibt es für fünf bis zehn Euro. Auch Kokain sei längst keine Luxusdroge mehr. Umso gefährlicher schätzt Dehnke den Alkohol- und Nikotinkonsum ein. Anders als Bundesregierung und Polizei („Cannabis ist und bleibt Einstiegsdroge“) öffnen für ihn Alkohol und Nikotin viel eher den Weg in eine Drogenkarriere. „Wer Schmacht nach Zigaretten hat, aber wenig Geld, der ist viel schneller mit einer billigen Pille zu locken“, sagt er.

„Bei der Tabakkontrolle liegen wir auf einem der letzten Plätze in Europa, beim Alkohol-Pro-Kopf-Verbrauch sind wir spitze. Bei Zigarettenautomaten sind wir sogar Weltmeister! 330.000 solcher Automaten gibt es sonst nirgendwo. Ihre stillschweigende Botschaft: Tabakkonsum gehört zum Alltag“, kritisiert der Dritte Alternative Drogenbericht und fordert: „Neben dem Werbeverbot gehört dazu eine höhere Besteuerung alkoholischer Getränke. Im Handel müssten Tabak und Alkohol weniger leicht zugänglich sein.“

Mindestens 24 Milliarden Euro geben Europäer für illegale Drogen aus, berichtet die Europäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht und sieht dies als eine Haupteinnahmequelle des organisierten Verbrechens. Die Rangliste: Cannabis (jährlicher Handelswert von 9,3 Milliarden Euro), Heroin (6,8 Milliarden Euro), Kokain (5,7 Milliarden Euro).

Drogenindustrie einen Schritt voraus

Was in berauschenden Pillen und bunten Tüten verklappt ist, weiß im Zweifel keiner. Dem Gesetzgeber ist die Drogenindustrie sowieso immer einen Schritt voraus. Zwar ist endlich ein Gesetzentwurf beschlossen, der Handel, Besitz und Weitergabe von Legal Highs weitgehend verbietet und dabei erstmals auf ganze Stoffgruppen statt wie bisher auf einzelne Substanzen zielt. Unverdrossen werben Internet-Händler dennoch mit der – unwahren – Behauptung, Legal Highs seien vom Gesetzgeber legalisiert. „Junge Konsumenten fungieren womöglich unwissentlich als menschliche Versuchskaninchen für Substanzen, deren potenzielle Gesundheitsrisiken weitgehend unbekannt sind“, heißt es im EU-Drogenbericht 2016, der allein für das vergangene Jahr 98 neue, teilweise hochgiftige psychoaktive Substanzen auf dem Markt registriert hat, darunter vor allem synthetische Cannabinoide.

Wie verlockend auch gerade Party-Pillen sind, erfahren die Odyssee-Mitarbeiter regelmäßig bei ihrem Partyprojekt, mit dem sie durchs ganze Land ziehen. Auch beim Bachblyten-Festival waren sie mit ihrem Zelt dabei, haben die informiert, die sich informieren lassen wollten, haben vor allem aber einen Raum für Ruhe geboten und mit Mineralwasser, Obst, Kondomen Hilfe geleistet. Und mit Kaugummi, um die Zähne vor dem Kaureflex zu schützen, den einige Substanzen auslösen. „Wir wollen nicht mit erhobenem Zeigefinger ermahnen“, sagt Dehnke. Damit erreiche man die Jugendlichen nicht. „Wer konsumieren will, der konsumiert.“ Es geht vielmehr darum, möglichst viel Schlimmes zu verhindern und Ansprechpartner zu sein. Den nämlich gibt es zu Hause meistens nicht.

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erstellt am 11.Sep.2016 | 13:56 Uhr

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