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Schleswig-Holstein

02. Dezember 2016 | 21:12 Uhr

Gestrandete Säuger an der Ostsee : Acht tote Schweinswale gefunden - was die Tiere in Gefahr bringt

vom
Aus der Onlineredaktion

Eine ungewöhnlich hohe Anzahl von toten Schweinswalen gibt Rätsel auf. Hat Delfin Freddy etwas mit ihrem Tod zu tun?

Kiel | Nord- und Ostsee sind wichtige Aufenthalts- und Durchzugsgebiete für Schweinswale und andere Meeressäuger. Doch der Bestand an Schweinswalen, den kleinsten in deutschen Küstengewässern beheimateten Meeressäugern, ist erheblich bedroht. Und jetzt das: Acht tote Tiere wurden in den vergangenen Wochen an den Küsten rund um die Kieler Bucht entdeckt.

Der erste tote Schweinswal soll laut „Kieler Nachrichten“ am 18. September in Hohenfelde (Kreis Plön) gesichtet worden sein, aber auch Schwedeneck an der Eckernförder Bucht ist schon Zeuge eines Totfundes geworden. Weitere Tiere wurden außerdem in Kitzeberg, Düsternbrook und Schönberg entdeckt, der letzte Fund wurde am Sonntag vor einer Woche in Möltenort gemeldet. Vier von ihnen sollen keine äußeren Verletzungen aufzeigen.

Die Todesursache der gestrandeten Säuger sorgt für Rätselraten bei den Experten des Forschungs- und Technologiezentrum Westküste, die die Kadaver genauer untersuchen wollen. Die Walforscher stehen vor der Frage: Was ist der Grund für die Totfunde an der Ostsee – ein Virus, die Umweltverschmutzung oder gar der in den vergangenen Wochen so häufig gesichtete Delfin Freddy alias Fiete?

Einen Einfluss der Influenza-Epidemie, die derzeit den heimischen Kegelrobben zu schaffen macht, schließt Prof. Ursula Siebert gegenüber der „KN“ schon mal aus. Auch natürliche Feinde haben Schweinswale in der Ostsee nicht – anders als in den übrigen Meeren, wo sie von Schwertwalen und Kegelrobben gejagt werden. Dennoch geht ihre Zahl zurück. Während es in der Nordsee noch geschätzte 260.000 Schweinswale gibt und in der westlichen Ostsee 11.000 bis 12.000, schwimmen im Osten des Baltischen Meeres etwa 450 Tiere. Das ist dramatisch, gelten sie doch als eigenständige Population, die mittlerweile den Status „vom Aussterben bedroht“ hat. Die Ostsee-Schweinswale gehören zu den in Europa am stärksten gefährdeten Kleinwal-Populationen.

Stellnetze und Baulärm setzen den Tieren zu

Dabei sind die heimischen Meeressäuger einer ganzen Flut von Gefahren ausgesetzt: Überfischung, Umweltverschmutzung und auch der zunehmende Lärm im Meer stellen eine massive Bedrohung dar.

Artenschützer und Wissenschaftler halten die Fischerei für die größte Gefahr. In Stell- und Treibnetzen verfangen sich die kleinen Meeressäuger und ertrinken – obwohl die Fische, die von den Tieren gejagt werden, aufgrund ihrer Größe nicht für die kommerzielle Fischerei interessant sind. „Der unbeabsichtigte Fang in Fischereigerät, der sogenannte Beifang, hat sich zu einer zentralen Gefahr für Wale und Delfine entwickelt“, bestätigt der Kieler Meeresbiologe Prof. Boris Culik.

Als Beifang werden alle aus dem Meer gefischten Lebewesen bezeichnet, die vom beabsichtigten Fangziel abweichen – und zu denen zählen immer häufiger Meeressäuger wie der Schweinswal. Allein an den deutschen Stränden der Ostseeküsten werden jedes Jahr bis zu 150 tote Tiere, die offensichtlich in Netzen verendet sind, gefunden. Dabei spielen Delfine und Wale eine wichtige Rolle im marinen Ökosystem: An der Spitze der Nahrungskette erhalten sie das ökologische Gleichgewicht der Arten, indem sie die Population und Größenklassen von Fischen und anderen Meerestieren beeinflussen.

Zu den Gefahren der auf den ersten Blick harmlosen Netze gesellen sich störende Umwelteinflüsse wie die küstennahe Ressourcennutzung. Die Ölförderung oder der Bau von Windkraftanlagen zerstören die Lebensräume der Kleinen Tümmler oder vertreiben sie temporär – und sorgen dafür, dass den Walen im wahrsten Sinn des Wortes Hören und Sehen vergeht.

Besonders beim Rammverfahren zur Errichtung von Offshore-Windparks besteht für die Meeressäuger die Gefahr eines Gehörschadens mit tödlichen Folgen, denn Schweinswale nutzen Echoortungsklicks zum Beutefang, zur Orientierung und zur Kommunikation. Sie sind dementsprechend akustisch fokussierte Tiere, die auf ein funktionierendes Gehör angewiesen sind. Wenn ihr Gehör stark geschädigt ist, finden sie sehr wahrscheinlich zu wenig Beute und haben Probleme bei der Orientierung.

Bedrohung durch eingeschleppte Delfine?

Neben den bekannten Umwelteinflüssen wird aber auch über die Gefahr durch einen Ostsee-Neubürger spekuliert. Im September tummelte sich ein Delfin in der Kieler Förde, an der Schleuse und im Nord-Ostsee-Kanal. Eben jener Meeressäuger – von Gästen und Fans liebevoll sowohl „Freddy“ als auch „Fiete“ genannt – soll wenige Wochen zuvor für einen tödlichen Angriff auf einen Schweinswal bei Frederica verantwortlich gewesen sein.

Ob die verendeten Schweinswale an der Ostsee durch Angriffe von Delfinen getötet wurden, ließe sich nach Meinung von Dr. Michael Dähne, Kurator für Meeressäugetiere in Stralsund, durch die pathologischen Untersuchungen des Forschungs- und Technologiezentrum Westküste bestimmen. „Bei einer Tötung durch einen Delfin wären eindeutige Läsionen am Kadaver der Tiere zu erkennen.“ Dähne weiter: „Ein Mysterium wäre das nicht.“

Der Experte hält ein solches Verhalten somit nicht für außergewöhnlich, betont aber auch: „Eine Bedrohung für eine gesunde Population an Schweinswalen stellen Delfine in der Regel nicht dar.“ Ganz im Gegenteil: „Die Ostsee veträgt durchaus große Tiere“, wie der Walforscher klarstellt.

Dass Delfine Schweinswale angreifen ist zwar filmisch dokumentiert, aber äußerst selten. In den vergangenen 15 Jahren wurden lediglich drei konkrete Fälle beobachtet – in Norwegen, Schottland und jetzt in Dänemark. Über den Hintergrund des Angriffs Ende August streiten die Experten. Während Dähne der Meinung ist, die Tiere wollen sich eines Nahrungskonkurrenten entledigen, glaubt Prof. Boris Culik an ein Verständigungsproblem. „Bei Tieren gibt es soziale Verhaltensregeln. Wenn der Delfin das Gefühl hat, dass der Schweinswal nicht auf Kommunikation reagiert, kann es zu aggressivem Verhalten kommen.“ Nicht auszuschließen also, dass der Schweinswal in der Vergangenheit Opfer eines Gehörschadens wurde – mit schwerwiegenden Folgen.

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erstellt am 07.Nov.2016 | 16:10 Uhr

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