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Schleswig-Holstein

25. März 2017 | 14:42 Uhr

AfD in Kiel : Achille Demagbo – Der gute Nachbar von der AfD

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Er ist der einzige Afrikaner in der AfD Schleswig-Holstein und Mitglied im Landesvorstand. Ein Portrait.

Kiel | Würde man die Frage, ob die „Alternative für Deutschland“ in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist, anhand der Lage der Parteizentrale des schleswig-holsteinischen Landesverbandes beurteilen, müsste die Antwort ganz klar lauten: Ja. Sie befindet sich mitten in der Kieler Innenstadt. Meist ist die Tür abgeschlossen. Sicher ist sicher. Zu oft wird das Büro attackiert, werden Fensterscheiben demoliert und mit Sprüchen wie „Nazis raus“ versehen.

Gemeint ist damit auch ein Einwanderer: Achille Demagbo. Der 36-Jährige stammt aus Benin, einem der ärmsten Länder der Welt. Er ist der einzige Afrikaner in der AfD Schleswig-Holsteins, sogar Mitglied im Landesvorstand. Sein Spezialgebiet: Einwanderung und Integration. Was Sinn macht. Demagbo kam vor zwölf Jahren nach Deutschland und hat es selbst erlebt, wie es ist, als Dunkelhäutiger in einem fremden Land neu anzufangen. Der Bundesrepublik sei er „sehr dankbar, weil sie mir sehr viel gegeben hat. Ich liebe dieses Land.“

Demagbo sagt das mit Inbrunst. Patriotismus voller Pathos kennt man von der AfD. Aber wie passt ein Afrikaner zu einer Partei, die immer wieder mit Vorwürfen konfrontiert wird, Ausländer ausgrenzen zu wollen? Demagbo nennt es „zutiefst undemokratisch“, als Vertreter „stark wertkonservativer Ansichten“ zum Rechtsradikalen abgestempelt zu werden. „Ich wäre niemals in eine fremdenfeindliche Partei eingetreten. Wäre sie rassistisch, würde sie kaum einen Schwarzafrikaner dulden und fördern, oder?“

So erklärte es Demagbo vor einem Jahr, als noch Bernd Lucke Parteichef und die AfD weniger rechts war. In jenen Tagen sagte Demagbo über seine politische Ausrichtung: „70 Prozent Lucke, 30 Prozent Petry“. So verwundert es auch nicht, dass der Mann aus Benin zunächst mit einem Eintritt in die CDU liebäugelte, für die „mein Herz geschlagen hatte“. Doch seien ihm die Christdemokraten unter Kanzlerin Angela Merkel viel zu stark nach links gerückt.

Als er Lucke Anfang 2013 in einer Polit-Talkshow „zehn Minuten“ zugehört habe, sei er noch vor Ende der Sendung online in die Partei eingetreten. „Ich hatte meine politische Heimat gefunden.“ Während viele Mitglieder den schleswig-holsteinischen Landesverband nach der Parteispaltung im Sommer 2015 verließen, brach Demagbo mit der einstigen AfD-Galionsfigur. Aus Enttäuschung über Lucke, wie er betont.

Natürlich gibt sich Demagbo durch und durch wie ein AfD-ler. Demagbo wettert gegen die Einwanderungspolitik Merkels und deren „Rechtsbruch“, die Türen für Millionen Flüchtlinge zu öffnen. Es gehe nicht an, zu sagen: „Wir schaffen das, alle rein. Das ist unmöglich." Doch solche Sätze kennt man auch von CSU-Chef Horst Seehofer. Nichtsdestotrotz gehört der 36-Jährige nach wie vor zu den gemäßigten Kräften in seiner Partei und bemüht sich um Differenzierung – was wahrlich nicht jedermanns Sache in der AfD ist. Auf dem Höhepunkt der Flüchtlingswelle sagte er etwa in einem öffentlichen Vortrag: „Es geht nicht um den gesamten Islam. Es geht um jenen Teil des Islams, der vorschreibt, Schädel abzuschlagen, Ungläubige hinzurichten und jeder anderen Weltsicht mit Gewalt entgegenzutreten.“ Dieser Islam habe keinen Platz in der Demokratie. Allerdings: „Pauschal Flüchtlinge des radikalen Islamismus zu verdächtigen, ist auch falsch.“ Das würden Politiker alteingesessener Parteien glatt unterschreiben. Die Frage ist nur, ob sich der Afrikaner nicht wie so viele andere seiner Mitstreiter – berauscht von den Wahlerfolgen – immer weiter radikalisiert.

Einer, der ihn aus Zeiten der Lucke-AfD noch bestens kennt, hält das für gut möglich. Er meint: „Achille Demagbo ist leicht beeinflussbar. Er tut das, was man ihm sagt.“ Das klingt nach einer willenlosen Person, die sich leicht vereinnahmen lässt. Genau das wird in linken Kreisen auch immer wieder vermutet. Doch der 36-Jährige wirkt nicht wie jemand, der nicht weiß, was er tut. Im Landesverband ist er anerkannt, seine Mitstreiter schätzen ihn. Und was sollte die AfD tun, dem Verdacht zu begegnen, sie missbrauche einen Dunkelhäutigen? Ihn rausschmeißen? Dann stünde Deutschland Kopf.

Was sich allerdings schon geändert hat, ist Demagbos Offenheit. Er ordnet sich der Parteidisziplin unter, die es bei der AfD inzwischen genauso gibt wie bei den von ihr als „Altparteien“ gebrandmarkten Organisationen. Als das Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ Demagbo vor einem Jahr zu seiner Haltung zum Streit über das Logo der Mainzer Dachdeckerfirma Thomas Neger – es zeigt einen stilisierten Schwarzen mit dicken Lippen und Kreolen – befragte, erklärte er: „Es ist mir eine Ehre, dass Sie mit mir über das Thema reden wollen.“

Bittet man ihn heute um eine Stellungnahme zur Boateng-Diskussion, antwortet Demagbo noch nicht einmal persönlich. Dabei wäre es interessant zu wissen, was ein AfD-Mitglied mit afrikanischen Wurzeln über die Sätze denkt, die dem stellvertretenden Bundesvorsitzenden der Partei, Alexander Gauland, zugeschriebenen werden: „Die Leute finden ihn als Fußballspieler gut. Aber sie wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben.“

Doch Demagbo wagt es nicht, Gauland offen zu widersprechen – oder gar ihn zu bestätigen. Schließlich gibt Demagbo dann doch über den Kieler AfD-Sprecher Volker Schnurrbusch zwei Sätze frei: „Ich habe in Deutschland niemals Probleme mit Nachbarn gehabt.“ Und: „Hinter dem einzigen physischen Angriff, den ich bisher erlebt habe, steckten linke Studenten, die mich daran gehindert haben, einen Vortrag in der Lüneburger Universität zu halten.“

Schon vor einem Jahr hatte er betont: „Rassismus ist mir hierzulande nicht begegnet.“ Dass Demagbo niemals Probleme mit Nachbarn hatte und hat, darf man ihm getrost glauben. Er tritt stets adrett gekleidet auf, gerne in Anzug und Krawatte, ist freundlich, höflich und gebildet. Sein Lachen wirkt herzlich. Demagbo spricht mit starkem Akzent, aber meist fehlerfrei. Oft drückt er sich betont gewählt aus, was er auch muss, weil er damit Geld verdient. Er arbeitet als Dolmetscher für Französisch-Deutsch in Kiel.

Seine AfD-Vorstandskollegin Katja Jung-Buhl wollte die Frage, ob sie Demagbo als Nachbarn akzeptieren würde, eigentlich nicht beantworten, „weil die Absicht dessen, was daraus konstruiert werden soll, einem quasi schon ins Gesicht springt“. Doch auf Facebook erklärt sie dann doch, „gerne“ neben Demagbo zu wohnen, „zumal seine Frau hervorragend backt und wir so regelmäßig Kuchen- und Schweinebraten-Rezepte austauschen könnten.“ Sie hoffe, mit diesem Bekenntnis keine „68er-Multikulti-Stereotype ausgelassen“ zu haben.

Seine Frau, mit der Demagbo zwei Kinder hat, sei der Grund, warum er in Kiel blieb. „Nach dem Ende des Studiums hatte ich noch Ambitionen, wieder nach Hause zurückzukehren. Aber dann habe ich meine jetzige Frau getroffen.“ Inzwischen hat Demagbo die deutsche Staatsbürgerschaft „mit viel Freude“ angenommen. Eine Frau von der Ausländerbehörde habe damals zu ihm gesagt: „Bürger wie Sie brauchen wir hier.“

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erstellt am 26.Jun.2016 | 13:42 Uhr

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