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Schleswig-Holstein am Sonntag

10. Dezember 2016 | 23:32 Uhr

Fussball-Nachwuchs : Zum Greifen nah

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Jeder talentierte Kicker träumt von der Bundesliga. Doch die meisten schaffen nie den letzten Schritt. Woran liegt das? Drei Fußballer aus Schleswig-Holstein erzählen.

Manchmal, wenn Nedim Hasanbegovic Bundesliga guckt, denkt er an früher. Als er mit den Männern, die auf dem Bildschirm vor Zehntausenden Zuschauern über den saftgrünen Rasen laufen, zusammen gekickt hat. Als er noch die Chance hatte, irgendwann auch mal dort zu stehen. Seine Freunde sagen mitunter: „Wir hätten gedacht, du wirst Profi.“ Nedim lacht dann, es tut nicht mehr weh.

834 Zuschauer, Stadtteil Weiche. Es gibt Nackensteak im Brötchen für drei Euro, die Journalisten stehen auf einem Container, um von oben einen besseren Blick zu haben und die Spieler laufen an den Zuschauern vorbei auf den Platz. Nedim Hasanbegovic (28) ist Stammspieler bei ETSV Weiche Flensburg in der Regionalliga, einer der Leistungsträger. Er spielt auf der Sechs, defensives Mittelfeld, und verliert kaum einen Zweikampf. Trotzdem tut sich Weiche schwer: Den Spielern unterlaufen Fehler, sie haben kaum Ideen. Kurz vor Schluss will Nedim von rechts vors Tor flanken, aber der Ball landet im Aus. Das Spiel endet 0:0.

Danach sitzt Nedim im Trainingsanzug im Geschäftszimmer, während neben ihm zwei Mitarbeiter das Geld aus der Tageskasse zählen, und ist nicht zufrieden mit sich. „Ich erwarte mehr von mir“, sagt er. Nedim war mal so gut, dass die großen Vereine ihn holten. So gut, dass er hoffte, irgendwann gegen die ersten Mannschaften von Bayern, HSV oder Bremen zu spielen und nicht gegen Meppen, Goslar und Drochtersen.

Als Nedim mit sieben Jahren als Kriegsflüchtling aus Bosnien nach Kiel kommt, ist er schon besessen vom Fußball. Wenn er Fußball spielte, so erzählt er es, vergaß er alles um sich herum, war allein im Hier und Jetzt. „Wir waren immer am Bolzen“, sagt er. Nur: Nedim bolzt nicht bloß, er kickt richtig gut. Mit zwölf Jahren spielt er Kreisauswahl, mit 14 Landesauswahl, mit 15 geht er zu Holstein Kiel. Das ist eine große Nummer: Er kickt dort in der höchsten Spielklasse seines Jahrgangs zusammen mit den heutigen Profis Fin Bartels und Sidney Sam gegen den Nachwuchs von Bundesligisten. Mit 17 wechselt Nedim; aber nicht zu den Nordclubs, die ihn alle wollen; auch nicht zu Bayern, wo er ein Probetraining absolviert. Sondern in den Ruhrpott.

Ein Talentsichter von Schalke 04 hatte sich ein Spiel der Kieler angeschaut, um den gegnerischen Torwart zu beobachten. Doch stattdessen fiel ihm der schlaksige Typ im defensiven Mittelfeld auf: bissig, zweikampfstark, mit einer guten Übersicht und kaum Schwächen. Nach einem Probetraining ist klar: Schalke will ihn haben. Nedim überlegt zwei Monate – Gelsenkirchen ist weit, Nedim ein Familienmensch –, dann sagt er zu. „Wenn ich’s nicht gemacht hätte, hätte ich es auf ewig bereut.“

Er steht jetzt an einem Punkt, an dem ein Traum in Reichweite rückt. Ein Traum, den er als Kind nie träumte, sagt er, der sich aber nichtsdestotrotz mit jedem seiner Schritte formt. Er gehört zu den Besten seines Jahrgangs, und wenn ein Top-Verein ihn will: Warum sollte er sich nicht bei einem Top-Verein durchsetzen? Die erste Bundesliga ist noch weit weg, aber sie ist nicht mehr unerreichbar. „Ich konnte es immer ganz gut einordnen. Aber man träumt schon“, sagt Nedim. Und warum auch nicht?

Denn es hätte gar nicht besser laufen können für den jungen Kieler. Er wird auf Anhieb Stammspieler in der Schalker A-Jugend, in seinem ersten Jahr gewinnt er den Deutschen Meistertitel. Seine Mannschaftskollegen: Mesut Özil, Sebastian Boenisch, Benedikt Höwedes, Ralf Fährmann, Carlos Zambrano. „Alle waren besessen vom Fußball. Manchmal gingen wir nach dem Training noch raus und bolzten“, erinnert sich Nedim. Mit 19 wechselt er zu den Schalker Amateuren in die Regionalliga, regelmäßig trainiert er mit den Profis. „Ich hab immer Gas gegeben“, sagt Nedim. „Vielleicht hätte ich damals mal weitergucken müssen.“

In der Jugendmannschaft eines großen Vereins zu spielen ist eine Verheißung: Die Spieler bekommen die beste Betreuung, die beste Ausbildung, und sie messen sich nicht nur mit den Besten ihres Alters – sie gehören dazu. Natürlich ist es das Ziel, auch bei den Erwachsenen dazuzugehören. Aber das ist schlicht verdammt schwer. „Plötzlich geht es nicht mehr darum, dass man der Beste seines Jahrgangs ist. Plötzlich stehen die Jungs gegen ältere, erfahrene Männer auf dem Feld und wer nachlässig wird, rutscht durch“, weiß Fabian Müller. Er leitet das Nachwuchs-Leistungszentrum von Holstein Kiel und schätzt, dass nur ein bis drei Spieler pro Jahrgang den Sprung von der Jugend eines Bundesligisten zu den Profis schaffen.

Von den 23 Spielern aus Nedims Meistermannschaft – einem überdurchschnittlichen Team also – kommen bloß vier auf mehr als 25 Erstligaspiele; 16 machten kein einziges. Das ist logisch, denn die begehrten Plätze sind begrenzt: Knapp 500 Spieler stehen in der ersten Liga unter Vertrag; und von ihnen spielen nur die wenigsten regelmäßig. Zwei bis drei Jahre haben Fußballer nach dem Jugendbereich U19 Zeit, sich durchzusetzen, sagt Fabian Müller. Wenn einer es bis 21 Jahren nicht geschafft hat, schafft er es wahrscheinlich gar nicht mehr.

Morten Jensen ist 17, als er seinen ersten Profivertrag unterschreibt. Der heute 28-Jährige stammt aus Husum, und eines Tages, als er noch sehr klein ist, nimmt ihn sein großer Bruder mit zum Training. Weil er noch nicht so schnell laufen kann oder vielleicht auch, weil niemand sonst es will, stellen ihn die Großen ins Tor. Er ist so gut, dass er es nie wieder verlässt.

Im Alter von 14 Jahren steht er bei DGF Flensburg in der Regionalliga zwischen den Pfosten, der höchsten Spielklasse seines Jahrgangs. Er wird für die Kreisauswahl entdeckt, für die Landesauswahl und schließlich für Junioren-Nationalmannschaften, wo er mit den Boateng-Brüdern, Alexander Baumjohann und Dennis Aogo spielt. Wer es so weit schafft, gerät automatisch ins Radar der Bundesligisten. Bremen, Wolfsburg und Hannover wollen das vielversprechende Talent aus dem hohen Norden haben – der Husumer entscheidet sich für Hannover.

Die Entscheidung scheint goldrichtig. Morten spielt glänzend, drei Jahre später wird er Profi. Wahnsinn sei das gewesen, sagt er. „In der Bundesliga ist alles anders: Dynamik, Zweikampfhärte, Schnelligkeit. Da stehen halt die Besten der Besten“, schwärmt Morten. Und er gehört jetzt dazu. Während seine Klassenkameraden Bus fahren, kommt er mit dem Auto zur Schule, reist zu Trainingslagern nach Portugal, Spanien oder in die Türkei, und montags erzählt er von Auswärtsspielen bei Bayern oder Dortmund.

Fünf Jahre ist er fester Teil des Kaders, fünf Jahre ist er dritter Torwart. Und fünf Jahre gibt es kein Vorbeikommen. Denn der erste Torwart heißt Robert Enke.

Nedim ist ein halbes Jahr bei den Amateuren, als er sich verletzt. Genau in dem Moment, in dem sein Trainer Mike Büskens die Profis übernimmt, erzählt Nedim. Er betont das so, weil er glaubt, dass Büskens Aufstieg ein großes Glück für ihn hätte sein können. Und dass ihm ausgerechnet in dem Moment großes Pech widerfuhr. Büskens habe ihn sehr geschätzt. Nedim glaubt, dass er ihm eine Chance in der ersten Liga gegeben hätte.

Woran liegt es, dass sich ein Spieler durchsetzt und ein anderer nicht?

Talent, natürlich, so viel davon wie möglich. Wobei: Von Talent spricht Fabian Müller noch am wenigsten. Talent ist vorausgesetzt. Stattdessen beschreibt er ein Mosaik: Viele kleine Puzzleteile, die sich zusammenfügen. Und je mehr Teile passen, >>>
>>> desto wahrscheinlicher ist es, dass der Spieler es schafft. Eine optimale Ausbildung: ein Puzzleteil. Wille und Ehrgeiz: ein Puzzleteil. Durchsetzungsvermögen, Hartnäckigkeit: ein Puzzleteil. Das mag abgedroschen klingen, und wahrscheinlich sagt jeder Fußballer von sich, er sei hartnäckig und ehrgeizig. Aber Fabian Müller weiß, dass es nicht so ist. Umgekehrt können Teile des Mosaiks fehlen. Durch private Probleme. Die falschen Trainingsinhalte. Eine Verletzung.

Nedims Verletzung – ein chronisches Läuferbein – ist eine Zäsur. Wenn ein Fußballer einen Muskelfaserriss hat, dann ist relativ klar, dass er nach drei Wochen wieder fit ist. Und selbst bei schwereren Verletzungen weiß ein Spieler in der Regel, womit er zu rechnen hat. Nedim weiß nichts. Nicht, was helfen würde, nicht, wann er wieder spielen könnte. Nicht, ob er überhaupt wieder spielen würde. „Es war alles auf Null“, sagt er. Die Ärzte versuchen alles Mögliche: Eine Spritzenkur, Einlagen, Ernährungsumstellung, Dehnungsübungen.

Nedim verzweifelt. „Man dreht durch“, sagt er. „Fußball ist das Einzige, auf das du dich fokussierst. Man definiert sich ja darüber. Und dann fragt dich ständig jeder: ,Wie sieht’s aus?’“ Es ist ja nicht nur, dass Nedim sein Beruf und seine Leidenschaft von heute auf morgen genommen werden. Er sieht dabei zu, wie seine Mannschaft ohne ihn gewinnt, ohne ihn verliert, ohne ihn Spaß hat, sich weiterentwickelt. „Es tut weh, wenn man zugucken muss.“

Nach einem halben Jahr steht Nedim wieder auf dem Platz. Doch noch heute sagt er, dass ihn die Verletzung zurückgeworfen hat. Er trainiert immer noch regelmäßig bei den Profis mit, aber ohne eine wirkliche Chance auf einen Platz im Kader. Er will es immer noch in die Bundesliga schaffen, aber er ahnt, dass er einen Umweg nehmen muss. Höherklassig zu spielen als jetzt ist das Ziel. Er geht zu Dortmund, als Schalker, ausgerechnet. In der zweiten Mannschaft, die in der 3. Liga spielt, wird er sofort Stammspieler, Zweitligisten interessieren sich für ihn. Doch in der Rückrunde, als es an die Transfers geht, fällt er wegen einer Schambeinverletzung aus. „Einen verletzten Spieler nimmt keiner“, sagt Nedim. Seine Mannschaft steigt ab.

Zwei Mal wird Morten Jensen eingesetzt. Sein Erstliga-Debüt gegen Leverkusen ist der schönste Moment seiner Karriere. „Überragend!“ Plötzlich hat er das Gefühl, dass all die harte Arbeit sich gelohnt hat: Die Kraft raubende Melange aus Schule, Training, Hausaufgaben, Training. Wenig Freizeit, keine Partys. Morten Jensen ist euphorisch. „Ich dachte, nun hätte ich den Sprung geschafft und würde dauerhaft oder öfter mal spielen.“ Es kommt anders.

Er trainiert unter Ewald Lienen („ein akribischer, strenger Arbeiter“), Peter Neururer („locker, immer einen Spruch auf den Lippen“), Mirko Slomka („ein Kumpeltyp“) und Dieter Hecking („eine absolute Respektsperson, trotzdem einfühlsam“). Doch eines ändert sich nie: „An Robert Enke vorbeizukommen ist unmöglich.“ Es bleibt also nur eine Möglichkeit: ein Wechsel. Maastricht macht ein Angebot. Aber die Vereine werden sich nicht über die Ablöse einig; der Wechsel platzt. Klar sei er enttäuscht gewesen, sagt Jensen. „Ich war zu dem Zeitpunkt 21. Das hätte mir bestimmt viel gebracht. In Maastricht hätte ich wahrscheinlich gespielt.“

Dann passiert etwas, das furchtbar ist und nicht nur die Mannschaft durchrüttelt, sondern auch das sportliche Gefüge: Robert Enke stirbt. Ab jetzt spielt Florian Fromlowitz. „Wir waren relativ auf einem Niveau. Aber wenn einer gut spielt, gibt es keine Veranlassung zu wechseln“, sagt Morten. Als er 23 ist, bietet Hannover ihm keinen neuen Vertrag an; der Verein will einen neuen, jungen Torwart ausbilden. Als er geht, ist Morten klar, dass das Kapitel Bundesliga beendet ist. Er spielt für zwei Regionalligisten, darunter Holstein Kiel, bevor er zu Elversberg in die 3. Liga wechselt. Anfangs ist er dort Stammtorwart, doch in der Rückrunde setzt ihn der Trainer auf die Tribüne. Ab kommender Saison kickt Morten wieder in der Regionalliga, nebenbei will er arbeiten.

Hat Morten Jensen es geschafft? Er war fünf Jahre in der Beletage des Fußballs; etwas, wovon die große Mehrheit der Fußballer nur träumt. Die Sache ist bloß: Die Träume hören ja nicht auf. Sie orientieren sich an der Perspektive, die jemand hat. Einer, der nie als Talent gehandelt wurde, ist froh, wenn er sich in die Regionalliga kämpft. Einer, der mit 15 von drei Top-Clubs umgarnt wird, ist enttäuscht, wenn er am Ende in der 3. Liga landet. Und einer, der jahrelang auf der Bank sitzt, will spielen.

„Ich bin schon ein bisschen traurig, dass ich es nicht ganz geschafft habe, den letzten Schritt zu machen. Wenn man ein paar Spiele gemacht hat, will man sich natürlich länger halten“, sagt Morten.

Aber wann hat man es geschafft?
„Wenn man 100 Bundesligaspiele hat“, sagt Morten.

„Wenn man regelmäßig erste Liga spielt“, sagt Nedim.

„Man sollte es nicht darauf reduzieren, in der Bundesliga Fuß zu fassen“, sagt Mike Büskens.

„Das kann man so nicht sagen“, sagt Fabian Müller.

„Wenn man 100 Bundesligaspiele hat“, sagt Matti Steinmann.

Matti Steinmann ist einer, der das noch schaffen kann. Als der 21-Jährige aus Bargteheide mit 14 zum HSV geht, gilt er als Juwel. Bei einem Freundschaftsspiel gegen Barcelona steht er gegen Alexis Sanchez, Javier Mascherano und Dani Alves auf dem Platz, da ist er 17 Jahre alt. 2014 unterschreibt er einen Profivertrag. Unter Slomka schafft er es zwei Mal in den Kader, Joe Zinnbauer schickt ihn gegen Bayern aufs Feld. „Mein Highlight bisher“ und „superschön“ sagt Matti. Er ist regelmäßig im Kader, spielt im DFB-Pokal. Dann verletzt er sich. Im Dezember 2014 wird er am Außenmeniskus operiert und setzt zwei Monate aus. „Das war schon richtig schlimm“, sagt Steinmann. Und: „Danach kam ich nicht wieder richtig rein.“ Zinnbauer ist weg, der neue Trainer Bruno Labbadia setzt im Abstiegskampf eher auf erfahrene Spieler. Matti spielt noch die U20-WM, bevor er an Chemnitz ausgeliehen wird.

Auch Nedim hofft, dass ein Wechsel ihm hilft, als er zu Oberhausen in die
3. Liga geht. Stattdessen erlebt er ein Katastrophenjahr. Sportlich läuft es für die Mannschaft gar nicht, und mit Mario Basler hat Nedim den ersten Trainer, der nicht auf ihn setzt. Ausgerechnet Basler, der einst als Poster in seinem Kinderzimmer hing! Als er mit seiner Mannschaft absteigt, ist Nedim 23 und sagt sich: „Wenn ich jetzt nichts Vernünftiges finde, mache ich eine Ausbildung.“ Er findet nichts.

Woran hat es gelegen, dass sich Nedim, trotz glänzender Aussichten, nicht durchgesetzt hat? Morten nicht den letzten Schritt machte? Matti nicht durchstartet?

In dem Buch „Nachspielzeit. Eine unvollendete Fußballkarriere“ beschreibt Timo Heinze, wie er innerhalb eines halben Jahres vom begehrten Kapitän der Reserve des FC Bayern zum Auswechselspieler eines mäßigen Drittligisten wurde. Er schreibt von Verletzungen, die ihn in wichtigen Phasen trafen, Trainern, die es nicht gut mit ihm meinten.

Fußballer und Verantwortliche sprechen, wenn es darum geht, wer es schafft und wer nicht, viel vom Glück. Von Konstellationen, durch die man eine Chance bekommt – oder eben nicht. Dem Scout zur rechten Zeit. Der Verletzung eines Konkurrenten. Dem Trainer, der einen mag oder nicht. Dem richtigen Vereinswechsel.

Fabian Müller glaubt auch, dass diese Dinge eine Rolle spielen. Aber er gibt ihnen weniger Gewicht. „Ein Trainer ist ein Schlüsselfaktor. Aber er verhindert nicht eine ganze Karriere“, sagt der Fußballlehrer. „Letztlich sind meistens weniger Trainer oder Verletzungen dafür verantwortlich als der Umgang damit.“ Er meint die Fähigkeit junger Fußballer, mit Situationen umzugehen, mit guten und mit schlechten. Da ist der Biss, den es braucht, sich in schwierigen Phasen durchzubeißen. „Wenn einer auf die Bank rutscht, ist es leichter, nach Ausreden oder Schuldigen zu suchen. Aber das ist das Problem, weshalb es viele nicht schaffen“, erklärt Müller.

Und da ist die Bodenhaftung, die viele verlieren. „Es kommt oft vor, dass Jungs ihren Erfolg nicht einordnen können. Da kommt ein 17-Jähriger von der Nationalmannschaft und hat plötzlich Probleme, sich auf das Grundziel im Verein einzustellen“, sagt Müller. Da seien Jungs, die glauben, sie starten jetzt voll durch; dabei stehen sie noch ganz am Anfang. „Ganz wenige schaffen es, sich realistisch einzuschätzen.“

Und wie schätzt Nedim sich ein? „Zwischen Özil und dem Rest aus der Schalker A-Jugend war schon ein großer Unterschied“, findet er. Aber sonst...? „Ich war nie das Supertalent“, sagt Nedim, der inzwischen eine Ausbildung zum Bankkaufmann beendet hat und neben dem Fußball BWL studiert. „Aber ich hätte es schaffen können. Leute mit weniger Talent haben es geschafft.“

Mike Büskens sagt: „Nedim war ein absoluter Teamplayer, sehr leistungswillig, fleißig, bescheiden und demütig. Aber letztlich benötigt man auch das nötige Quäntchen Glück.“

Nedims Nachwuchstrainer Norbert Elgert sagt: „Er war verletzungsanfällig.“

Fabian Müller sagt: „Wenn man es in zwei Vereinen unter vier verschiedenen Trainern nicht schafft sich anzubieten, muss man sich wohl eingestehen, dass das Talent nicht reicht.“ Es möge Fälle geben, dass jemand nach oben oder unten durchrutsche. „Aber das ist die Ausnahme. Die Besten spielen da oben.“

Und was sagt Morten Jensen? „Ich würde mich immer aufstellen.“ Aber auch: „Manchmal fehlt das Quäntchen Glück. Vielleicht war es am Ende auch eine Qualitätsfrage.“ Sein ehemaliger Coach Dieter Hecking, heute Cheftrainer bei Wolfsburg, meint: „Vielleicht war Morten etwas zurückhaltend und nicht fordernd genug, seinen Status weiter zu verbessern. Und ihm hat etwas die Explosivität gefehlt.“ Eine Mischung aus Mentalität und Qualität also?

Manchmal denkt Morten noch darüber nach, wie alles gekommen wäre, wenn er gewechselt hätte. Vielleicht hätte er sich als Stammspieler in der zweiten holländischen Liga für Höheres empfohlen. Vielleicht wäre er aber auch nach einem Patzer auf der Bank gelandet. „Natürlich ist man traurig“, gesteht Jensen. „Aber die Erfahrung kann mir keiner mehr nehmen.“

„Wenn die Tür geöffnet wird träumt man schon“, meint Nedim. „Aber ich blicke nicht negativ zurück. Ich bin froh, die Chance genutzt zu haben.“

„Klar träumen die alle von der Bundesliga-Karriere“, weiß Fabian Müller. Und trotzdem ist „Wieso haben sie es nicht so weit geschafft wie andere?“ eine ungerechte Frage. Genauso gut könnte man fragen: „Wieso haben sie es so weit geschafft wie andere nicht?“ Norbert Elgert, seit 20 Jahren Jugendtrainer bei Schalke, findet: „Es zu schaffen bedeutet immer sein Bestes zu geben.“

Der HSV hat Matti Steinmann verkauft, er wird jetzt für die Zweite von Mainz 05 in der 3. Liga spielen. Was sein Wunsch ist? „Dass ich irgendwann in der Bundesliga lande.“ Und wenn es nichts wird? Steinmann hat Abi. Wenn es nicht klappt, würde er wahrscheinlich studieren, sagt er. „Aber davon gehe ich nicht aus.“

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