zur Navigation springen

Schleswig-Holstein am Sonntag

22. Februar 2017 | 03:15 Uhr

"Praxis ohne Grenzen" : Zu arm, um krank zu sein

vom

Es sind nicht die "gescheiterten Existenzen", die Dr. Uwe Denker in seiner "Praxis ohne Grenzen" vorrangig behandelt. Der Mediziner kümmert sich vor allem um Freiberufler.

Bad Segeberg | Es war diese Nacht Ende August 2012, in der Herbert B. es plötzlich mit der Angst zu tun bekam. Die Nacht, in der er davon wach wurde, dass sein Bett voller Blut war. Auf die Diagnose "Darmkrebs", die ihm wenige Tage später in einer Klinik gestellt wurde, sei er vorbereitet gewesen, sagt der Ostholsteiner. "Aber ein Schock war es trotzdem." Und zu der Angst vor der tödlichen Krankheit gesellte sich eine weitere: Auf den Kosten der ärztlichen Behandlung sitzenzubleiben - denn Herbert B. war nicht krankenversichert. "Ich hatte keine Ahnung, wie es weitergehen soll."

Teure Privatversicherung

2001 hatte sich der ehemalige Berufssoldat als Werbegestalter selbstständig gemacht, nach drei Jahren kündigte ihm seine private Krankenkasse. Die Geschäfte seien nicht gut gelaufen, andere Verbindlichkeiten - der Abtrag für das Haus, Ausgaben, um den Betrieb am Laufen zu halten - seien wichtiger gewesen, erinnert sich B.. "Den Versicherungsbeitrag von 400 Euro im Monat konnte ich mir nicht leisten." Klar sei hin und wieder ein "schlechtes Gefühl" aufgetaucht, im Hinterkopf. Das Bewusstsein, irgendwie zwischen die Maschen des sozialen Netzes gerutscht und im Notfall nicht abgesichert zu sein. "Aber ich war ja gesund. Und die Arztrechnungen für Kleinigkeiten konnte ich aus eigener Tasche bezahlen." Der Körper funktionierte - die Verdrängung auch. Bis zu dieser Nacht im August.

Heute hat der 60-Jährige den Kampf gegen den Krebs besiegt. Bestrahlungen, Operation, Chemotherapie - auf eine Summe im fünfstelligen Bereich belaufen sich die Kosten seiner Heilung. Übernommen wurden sie von der "Praxis ohne Grenzen", die Dr. Uwe Denker, Allgemeinmediziner und Kinderarzt im Ruhestand, im Januar 2010 gründete. Hier, im Zentrum von Bad Segeberg, bekommen Menschen medizinische Hilfe, die es sich nicht leisten können, krank zu werden. Finanziert wird die Behandlung aus Spenden. Neben Denker engagieren sich dort vier weitere Ärzte sowie 67 Mitarbeiter - allesamt ehrenamtlich. Ein Einsatz, der landesweit Schule macht: Inzwischen gibt es Praxen ohne Grenzen in Stockelsdorf, Rendsburg, Preetz und Husum, in Flensburg wird demnächst eine eröffnet.

Patienten aus dem Mittelstand

Der Fall Herbert B. sei zwar - angesichts der Schwere seiner Krankheit - ein drastischer, sagt Uwe Denker. Und doch kein Einzelfall. Der ursprünglich erwartete Patientenkreis aus Obdachlosen oder Asylbewerbern sei verschwindend klein. "Weit mehr als die Hälfte unserer Patienten kommt aus dem Mittelstand." Grafiker, Ingenieure und Handwerksmeister lassen sich in der Praxis an der Marienkirche kostenlos behandeln, nehmen dafür oft weite Wege in Kauf. Sogar aus dem Ausland kommen Patienten. "Es sind Menschen, von denen man nicht vermuten würde, dass sie sich eine Krankenversicherung nicht leisten können", sagt Denker.

Ein Missstand, den der 75-jährige Arzt - der für sein soziales Engagement 2010 vom Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlag als "Mensch des Jahres" geehrt wurde - als symptomatisch für eine "erschreckende gesellschaftliche Entwicklung" bezeichnet. "Die Armut im Mittelstand wächst, und oft bleibt sie unsichtbar."

Rund 155.000 Menschen können nach Angaben des Statistischen Bundesamtes ihre monatliche Prämie für die Private Krankenkasse nicht mehr zahlen. Nach einer Gesetzesänderung 2009 ist es den Versicherungen zwar nicht mehr erlaubt, Patienten ohne Weiteres zu kündigen. Sie sind verpflichtet, einen "Basistarif" anzubieten - mit dem die Versicherten jedoch deutlich schlechter abgesichert sind als Mitglieder der gesetzlichen Krankenkasse. Und der Wechsel in einen anderen, günstigeren Tarif sei oft kompliziert, weiß Uwe Denker. "Und solange die aufgelaufenen Beiträge nicht bezahlt werden, übernehmen die Kassen auch nicht - oder nur sehr eingeschränkt - die Kosten für ärztliche Leistungen. Währenddessen tickt die Beitragsuhr weiter, die Schulden werden immer größer."

Zu späte Behandlung

Die Folge: Viele Patienten gehen überhaupt nicht zum Arzt, Krankheiten werden verschleppt. Der Großteil seiner Patienten sei über 50 Jahre alt, sagt Denker, und leide an chronischen Beschwerden: Bluthochdruck, Diabetes, Herzrhythmusstörungen. "Krankheiten, die man lange verdrängen kann. Aber irgendwann kommt eine Behandlung einfach zu spät."

Wie bei dem Krebspatienten, dessen Nieren-Tumor bereits Metastasen im ganzen Körper gestreut hatte, als er zu Uwe Denker kam. Die Praxis ohne Grenzen finanziert den Krankenhausaufenthalt des Mannes, doch die Heilungsaussichten seien "miserabel". so Denker. Um solche tragischen Fälle künftig zu verhindern, appellieren er und seine Mitstreiter an Politik, Krankenkassen, Pharmalobby und Bürger, das Gesundheitssystem umzustrukturieren. "Wir brauchen eine Grundversicherung für Alle und einen Rettungsschirm für Kranke, die in Not geraten sind." Die Privaten müssten für ihre Versicherten eine "sichere Basis" schaffen. "Unser Einsatz kann nur ein zeitlich begrenzter sein. So wie es jetzt aussieht, kann es jedenfalls nicht weitergehen."

Herbert B. steht übrigens heute noch ohne Krankenversicherung da.

zur Startseite

von
erstellt am 11.Mär.2013 | 01:31 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen